»Operation Käse« - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 60 / 138

SPRINGER-VERLAG »Operation Käse«

Mit eigenen TV-Produktionen wollte Springer-Chef August Fischer den Zeitungskonzern ins elektronische Zeitalter führen. Doch der Einstieg ins Fernsehgeschäft ging daneben. Nach millionenschweren Fehlinvestitionen wird nun auch über einen Ausstieg nachgedacht.
Von Oliver Gehrs und Konstantin von Hammerstein
• aus DER SPIEGEL 13/2000
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Kurz vor ihrer letzten Sendung fand Susan Stahnke Trost in der heimischen Flora. »Das Leben«, räsonierte die Blondine, »ist wie ein Blumenstrauß, in dem sich gelegentlich eine verdorrte Distel findet.«

An diesem Montag hat das Martyrium der »Minus-Frau« ("Bunte") endlich ein Ende. Um 22.15 Uhr moderiert die Diplombetriebswirtin das Sat-1-Magazin »Newsmaker« zum letzten Mal, dann wird die Sendung (Werbeslogan: »Das wird Sie interessieren") eingestellt - wegen anhaltender Erfolglosigkeit. Aus, die Maus.

Die frühere »Tagesschau«-Sprecherin mag sich trösten: Sie ist mit ihrem Schmerz nicht allein. Ihr Leidensgenosse sitzt im elften Stock des Hamburger Springer-Hochhauses: Auch für August ("Gus") Fischer, 61, den Chef des Verlags ("Bild«, »Welt«, »Hörzu"), ist das Ende eine bittere Niederlage.

Der Grund steht auf der Homepage der Sendung im Internet: »Newsmaker«, heißt es da, »ist das erste, selbst produzierte Magazin der Axel Springer TV Produktion GmbH, einer Tochterfirma des Axel Springer Verlages«. Jetzt sieht es ganz danach aus, als würde das erste Magazin auch das letzte sein.

Dabei sollte »Newsmaker«, da war sich Fischer sicher, eigentlich nur der Anfang einer großen TV-Offensive werden. Mittelfristig wolle Springer »Programmlieferant für Deutschland und Europa werden«, hatte der neue Chef im Juni 1998 kurz nach seinem Amtsantritt versprochen. Er sei drauf und dran, tönte er, für die »Zukunft als Produzent von TV-Programmen im In- und Ausland Top-Leute an unser Haus zu binden«.

Fischer, der unter dem australisch-amerikanischen Medienunternehmer Rupert Murdoch Karriere gemacht hatte, wollte Springer ins elektronische Zeitalter führen. Der Konzernumsatz sollte rasant steigen - bis zum Jahr 2008 auf zwölf Milliarden Mark. Im hart umkämpften Zeitungsmarkt sind solche Steigerungsraten nicht hinzubekommen, also setzte Fischer auf Expansion im Ausland und »weiteres Wachstum durch entschlossenen Einstieg ins Fernsehen und die Programmplanung«.

Endlich sollte gelingen, was Verlagsgründer Axel Caesar Springer in 40 Jahren nie geschafft hatte. Der versuchte bereits 1964 vergebens, das ZDF zu kaufen, wollte 1967 - über eine saarländische Lizenz - einen Kommerzsender aufmachen und versuchte schließlich 1970, sich bei Studio Hamburg einzukaufen, der privatisierten Produktionstochter des NDR. Doch Springer scheiterte. Erst 1985, kurz vor seinem Tod, stieg der Verlag beim neuen Privatsender Sat 1 ein.

Das Schicksal des verstorbenen Patriarchen vor Augen, plante Visionär Fischer den großen Wurf: Binnen zwei Jahren sollte der Minianteil der elektronischen Medien am Gesamtumsatz von mickrigen 80 Millionen auf 300 Millionen Mark steigen. Munter kaufte sich Fischer ins TV-Geschäft ein.

Für geschätzte 40 Millionen Mark übernahm der Konzern Ende 1998 90 Prozent an der Hamburger Talkshowfabrik von Peter Schwartzkopff ("Jörg Pilawa«, »Sonja«, »Andreas Türck"). Dabei störte die Verlagsmanager nicht, dass ihre neue Firma jährlich 30 Millionen Mark - also zwei Drittel der Firmenerlöse - bei Sat 1 einstreicht, an dem Springer beteiligt ist. »Die haben praktisch ihren eigenen Umsatz gekauft«, spotteten Branchenkenner.

Und dann »Newsmaker": »Wir wollen zurück zu den Wurzeln des investigativen Journalismus«, kündigte der ansonsten eher zurückhaltende Fischer-Vize Claus Larass an. Die Macher versprachen ein »Magazinformat, das es in dieser Form noch nicht gibt«. Als Vorbild wurde das legendäre US-Fernsehmagazin »60 Minutes« bemüht. Doch schon kurz nach dem Start vor einem Jahr war klar: Springer hatte das Fernsehen nicht neu erfunden - sondern allenfalls eine Laubsägearbeit vorgelegt.

Mit wenigen Ausnahmen blieb die Quote des Magazins in der für die Werbung relevanten Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen konsequent bei unter einer Million Zuschauer. Im Februar fiel sie gar auf ein neues Tief: Nur wenig mehr als eine halbe Million ließ sich noch von den Reportagen über Penisbruch durch exzessiven Sex und Killerbakterien in der Zahnbürste locken. Sat-1-Chef Fred Kogel zog die Konsequenz. »Newsmaker« wird eingestellt, obwohl das Magazin eigentlich ein Bleiberecht zu haben schien.

Schließlich hält Springer 41 Prozent an Sat 1 und hat jahrelang neidvoll zusehen müssen, wie nur Mitgesellschafter Leo Kirch, der an Springer 40 Prozent der Anteile hält und an Sat 1 mit 59 Prozent beteiligt ist, durch umfangreiche Spielfilmverkäufe am Sendebetrieb verdiente.

Fischer war es, der sich mit dem Münchner Filmhändler auf einen Kompromiss einigte: Springer sollte in Zukunft im journalistischen Bereich das Sagen haben und entsprechende Inhalte zuliefern dürfen, um so zumindest einen Teil der rund 300 Millionen Mark der auf den Verlag entfallenden Anlaufverluste des Senders zurückzuholen. Kirch hingegen verkauft Sat 1 weiter Serien und Spielfilme und bekam die Mehrheit im Aufsichtsrat.

Doch nach dem Ende von »Newsmaker« ist Springer - abgesehen von ein paar Reportagen für die Reihe »24 Stunden« - als Inhaltelieferant ein Totalausfall. »Die Blütenträume vom Verlegerfernsehen sind ausgeträumt«, heißt es im Umfeld der Großaktionärin Friede Springer. Und: »Über kurz oder lang wird sich Springer von der Inhalteproduktion fürs Fernsehen wohl verabschieden.«

Fischer steht damit vor einem Scherbenhaufen: Seine Globalisierungsstrategie ist bisher kaum vorangekommen, und der Ausflug ins TV-Geschäft brachte auch nur Ärger. Der eigens gegründete Fernsehableger Axel Springer TV mit Zweitsitz in London hat bisher nichts entwickelt, womit sich im deutschen Fernsehen Quote machen ließe.

Unauffällig wurde jetzt der Mann weggeschickt, der für Fischer den Einstieg ins TV-Geschäft schaffen sollte. Stephen Barden, 49, verlässt den Konzern, um sich fortan dem Hotelfernsehen zu widmen. Der Engländer, ein alter Fischer-Spezi aus gemeinsamen Tagen bei Murdoch, musste sogar auf seine Abfindung verzichten - bei Springer ein Vorgang mit Seltenheitswert.

Barden (Verlagsspott: »Fisherman's Friend") gilt jetzt als Hauptverantwortlicher des TV-Debakels. Dabei war es Fischer, der ihn stets in den höchsten Tönen gelobt hatte. »Als gäbe es keinen Besseren auf der Welt«, wie sich ein hoher Manager erinnert.

Der Wundermann aus London (Jahresgehalt: rund 1,3 Millionen Mark) hatte wenig Lust, sich auf sein neues Einsatzgebiet einzulassen. Des Deutschen nur bedingt mächtig, versuchte er, englischsprachige TV-Formate für den deutschen Markt umzusetzen. Konferenzen wurden auf Englisch abgehalten, deutsche Beiträge vom Chef persönlich abgenommen - obwohl er sie gar nicht verstehen konnte. »Wenn etwas nicht klappte, waren es die 'bloody germans'«, sagt ein »Newsmaker«-Redakteur.

Bei der Tochterfirma Schwartzkopff TV wollte Barden eine Kopie der US-Sendung »Loveline« in Auftrag geben, in der es um ausgedachte und wahre Sex-Erlebnisse geht. »Das Format mag zwar in Amerika funktionieren, hat aber nichts mit deutscher Fernsehrezeption zu tun«, wurde er von Schwartzkopff knapp beschieden.

Für einen regelrechten Kulturschock sorgte Barden ausgerechnet beim ZDF, das bei Springer auf der Wunschliste möglicher Geschäftspartner ganz vorn rangiert. So hatten sich ZDF-Intendant Dieter Stolte und Verlagschef Fischer schon frühzeitig getroffen, um über TV-Ausgaben der Springer-Titel »Computer-Bild« und »Auto-Bild« zu verhandeln. Die Herren wurden sich nicht einig, nur zum Senden der Verleihung des von Springer gesponserten »Goldenen Lenkrads« ließ sich Stolte überreden.

Locker vereinbarte man im Mai vergangenen Jahres zudem die Koproduktion einer sechsteiligen Dokumentation über das weltweite Wirken von Geisterheilern. Das Werk sollte nach dem Willen der Hamburger Verlagsmanager der Branche signalisieren: Schaut her, selbst das ZDF kauft bei uns ein.

Doch als Barden und seine Truppe im November in Mainz auftauchten, war auch dieses Projekt schnell gestorben. Auf Geheiß eines Schamanen-Forschers, den Barden aus North Dakota einfliegen ließ, mussten die verdutzten ZDF-Redakteure einen Kreis bilden - anschließend wurden aus allen Himmelsrichtungen die guten Geister angerufen. »Eine äußerst bizarre Veranstaltung«, erinnert sich einer der Teilnehmer.

Viel brachte der Spuk nicht. Nach achtstündiger Meditation über den Drehbuchentwürfen stand fest: nichts fürs sonntägliche Abendprogramm. »Das war nur etwas für eingefleischte Doku-Fans«, sagt ein ZDF-Mitarbeiter. Wohlweislich hatten die Mainzer angesichts des verschwiemelten Esoterik-Themas nur eine unverbindliche Absichtserklärung unterzeichnet: »Es ist angestrebt, als Koproduzent bei diesen Produktionen zu erscheinen.«

Barden ("Der Zuschauer muss als Patient betrachtet werden") ließ sich dadurch nicht bremsen. Längst hatte er die Firma VAC Productions in Los Angeles mit der Sechs-Millionen-Mark-Produktion beauftragt. Das Risiko trug allein der Springer-Verlag. In dem Vertrag tauchen zwei alte Bekannte des Springer-Chefs als Produzenten auf: der Inder Deepak Nayar und Russel Fischer - der Sohn des Konzernherrn. Der war bereits im Frühjahr 1999 mit Barden nach New York gereist, um Mitarbeiter für die Dreharbeiten zu werben.

»Als ich mich gewundert habe, dass für so ein Projekt überhaupt Geld da ist«, erinnert sich ein Regisseur, »wurde mir mit dem Hinweis auf Fischers Sohn signalisiert, dass man ganz tiefe Taschen habe.« Fischer senior will sich zu dem Vorgang nicht äußern. Kommentar der Verlagssprecherin: Der Vertrag sei inzwischen aufgelöst worden.

Das stimmt. Im Februar - also über ein halbes Jahr nach Vertragsabschluss - wurde eine Auflösungsvereinbarung getroffen. Die Zusammenarbeit mit dem ZDF war da schon in weite Ferne gerückt. Zudem waren zu diesem Zeitpunkt bereits fast eine Million Mark nach Los Angeles geflossen - für unbrauchbare Entwürfe, mit denen zumindest beim ZDF niemand etwas anfangen konnte.

Ungeachtet der Misserfolge drängte Fischer-Freund Barden weiter auf Expansion: Fleißig schrieb er Einkaufslisten voll mit Firmen, deren Namen den Konzernoberen verdächtig nach Geldverschwendung klangen: Microcast, Fast TV oder Paul Allens Vulcan Ventures.

Auch Bardens Plan, für 1,5 Milliarden Mark Anteile des holländischen TV-Produzenten Endemol zu kaufen und sich selbst als Geschäftsführer der neuen Super-Firma Axel-Springer-Endemol TV Group zu inthronisieren (Projektname: »Operation Käse"), stieß im Vorstand auf wenig Gegenliebe. »Man muss wissen, wo die Grenzen sind«, sagt ein hochrangiger Springer-Manager, »der wusste es nicht mehr.«

Inzwischen hat der Verlag die Notbremse gezogen. Nachdem die Controller auf Anraten des zuständigen Vorstands Ralf Kogeler Bardens Finanzgebaren überprüft hatten, wurde dem vermeintlichen Hotshot der Abschied nahe gelegt. »Angesichts seiner eigenen Bilanz reichte er den Rücktritt ein«, heißt es mit leiser Ironie im Verlag. Nachfolger wird Peter Schwartzkopff.

Konzernchef Fischer bemüht sich inzwischen um Schadensbegrenzung. Vor zwei Wochen flogen er und Kogeler nach Los Angeles, um sich mit dem Management der Produktionsfirma GRB Entertainment zu treffen, die weltweit spektakuläre Katastrophenbilder ("Inferno«, »Storm Warning") vertreibt.

Auf Anraten von Barden und zur Verwunderung der Branche hatte sich Springer 1999 für etwa 60 Millionen Mark mit 51 Prozent an der Firma beteiligt, die es gerade mal auf einen Umsatz von 20 Millionen Mark bringt. Nun steckt GRB in Liquiditätsproblemen und benötigt dringend einen Millionenkredit, um die Programmvorräte aufzufrischen.

Denn Firmengründer Gary R. Benz hatte noch vor dem Springer-Deal wertvolle Lizenzen veräußert - ausgerechnet an die Konkurrenten des zukünftigen Miteigentümers. So sicherte sich der Sender Pro Sieben Folgen der beliebten Reihe »Welt der Wunder«, und auch RTL 2 griff sich Sendematerial, zum Beispiel für die Streiche der »dümmsten Verbrecher der Welt«.

Der Springer TV-Holding blieben nur die Reste: gut abgehangene Polizeivideos aus Los Angeles, die seit Monaten im Sat-1-Vorabendprogramm von der bedauernswerten Moderatorin Milena Preradovic abgearbeitet werden. Zuletzt dümpelte die Quote der Sendung »Echt wahr« bei sechs Prozent. In Kürze will sie Sat-1-Chef Kogel aus dem täglichen Programm kegeln - nach der Umstellung auf einen wöchentlichen Sendetermin soll »Echt wahr« voraussichtlich 2001 »vereinbarungsgemäß auslaufen«.

Nach dem Scheitern von Fischers TV-Plänen steht nun die Frage nach der Zukunft des Konzernablegers auf der Tagesordnung. »Die Diskrepanz zwischen der ursprünglichen Vision und dem jetzigen Zustand der Fernsehabteilung wird zunehmend problematischer«, heißt es in einem internen Papier, das zu dem ernüchternden Fazit kommt: »Zusammengefasst haben wir beim Ausbau unserer Produkte wenig Erfolg gehabt.« OLIVER GEHRS,

KONSTANTIN VON HAMMERSTEIN

Zur Ausgabe
Artikel 60 / 138