TIERSCHUTZ Operation MM
Die drei Einbrecher fuhren, ganz alternativ, mit dem Rad zum Tatort, und auch sonst verhielten sie sich keineswegs wie Jungs vom Bruch: Sie ließen Geld und Wertsachen unberührt, schlugen allerdings die Einrichtung kurz und klein und setzten sie auch noch in Brand.
Die nächtliche Aktion galt einem Labor der Firma Hazleton in Münster. Zugeschlagen hatten nicht gewöhnliche Kriminelle, sondern Mitglieder eines anonymen »Vereins von Tier- und Menschenfreunden«.
Die Verwüstung im Westfälischen (Sachschaden: 500 000 Mark) ist der vorläufige Höhepunkt einer Reihe von spektakulären Anschlägen, mit denen nun auch die bisher als besonders brav und bieder angesehenen Tierfreunde demonstrativ geltendes Recht brechen.
Die aggressiven Tierschützer haben es auf Hunderte westdeutscher Laboratorien abgesehen, die für Forschung und Industrie Tierversuche vornehmen, um neue Arzneimittel und medizinische Techniken zu erproben, um die Toxizität von Chemikalien festzustellen oder Kosmetika zu testen. Rund sieben Millionen Tiere kommen dabei jährlich um, Katzen wie Affen, Ratten und Hunde. Unsinnige Quälerei oder unvermeidbare Versuche für den Fortschritt - darüber gehen die Meinungen weit auseinander.
»Die Menschheit wird nur überleben, wenn es Tierversuche gibt«, rechtfertigen Wissenschaftler wie der Präsident des Bundesgesundheitsamtes, Professor Karl Überla, das Massensterben. »Mindestens 90 Prozent aller Experimente sind nachweisbar überflüssig, und auch der Rest bleibt Tierquälerei«, behauptet hingegen der »Bundesverband der Tierversuchsgegner« (BTVG), der mehr als 10 000 Mitglieder hat.
Mit Demos, Unterschriftensammlungen und Petitionen wollen sich die Tierschützer, die auch schon mal mit Auto-Aufklebern ("Ich bin gegen Tierversuche. Sie auch?") für ein generelles Versuchsverbot werben, nicht mehr zufriedengeben. »Die Manager, Politiker und Wissenschaftler«, weiß BTVG-Geschäftsführer Reiner Gaertner, »beachten uns doch so gut wie gar nicht.«
Der »Ignoranz der Verantwortlichen« (Gaertner) setzen ungeduldig gewordene Tierschützer seit gut einem Jahr schlagzeilenträchtige Aktionen entgegen. Ganz vorne in der Bewegung stehen etwa 40 »Autonome Tierschützer« die sich in Berlin um den 25jährigen Altenpfleger Andreas Wolff geschart haben.
Die Aktivisten besprühen U-Bahn-Züge mit Anti-Tierversuch-Parolen
("Tierfolter = Profit"), klettern mit Transparenten ("Sofort alle Tierversuche abschaffen") auf die Gedächtniskirche oder laufen als menschliche Fackeln in Asbest-Anzügen »gegen Tier-KZ''s« durch die City. »Unterschriften wandern unbeachtet in den Papierkorb«, sagt Wolff, »aber bei unseren Aktionen schnallen die Leute, was da in den Labors abläuft.«
Diesen Effekt wollen die Versuchsgegner auch mit Blockaden von Labor- und Zuchtanlagen erreichen. So ketteten sich in Berlin gut 30 Autonome um Wolff und die Schauspielerin Barbara Rütting an ein Tor des Pharma-Konzerns Schering und sperrten die Zufahrt, bis Polizei und Werkschutz mit Eisenschneidern anrückten. In Göttingen blockierten etwa 100 Tierversuchsgegner den Zugang zum örtlichen »Primatenzentrum« und forderten »Gesundheit schaffen ohne Affen«. Auf einem Flugblatt gaben sie es Schaulustigen schriftlich: »In Zukunft wird auch in Deutschland ein harter Kurs im Tierschutz eingeschlagen.«
Wo es da langgeht, zeigen erfolgreiche Befreiungsaktionen. So holten Hamburger Versuchsgegner in der »Operation MM« ("Mitternachtsaktion Mienenbüttel") auf einen Schlag 48 Beagles aus dem in Mienenbüttel bei Hamburg gelegenen »Laboratorium für Pharmakologie und Toxikologie«. Einige Monate später setzten sie mit dem Unternehmen »Beagle 2« noch eins drauf und befreiten weitere 55 Rassehunde.
Im Süddeutschen wirkt die nach eigenen Angaben 45 Kämpfer zählende »Tierbefreiungsfront Europa - Sektion Deutschland«. In Stuttgart holte die Truppe nächtens 19 Schäferhunde aus dem Zwinger, in Speyer setzte sie Hasen ins Freie. Zurück in die Natur hüpften auch 50 Frankfurter Frösche, die sonst auf den Seziertischen der Universität zerlegt worden wären. Verantwortlich zeichnete, mit einem »freundlichen Quak, Quak«, die im Rhein-Main-Gebiet stationierte »Grüne Zelle Lurch«.
Manche der Autonomen schlagen in blankem Haß auch noch die Laboratorien kaputt. Unbekannte Tierfreunde zertrümmerten in der Versuchsanstalt des Krankenhauses Hamburg-Altona Geräte für 10 000 Mark, in der Berliner Uni-Klinik übergossen Aktivisten Laborapparate mit Salzsäure, im Göttinger »Primatenzentrum« setzten autonome »Anwälte der Tiere« die elektronische Schaltanlage in Brand.
Dem Chef der Mienenbütteler Anstalt drohten Testgegner sogar an: »Wir sprengen Ihr Haus und Ihr Labor in die Luft.« Eine »Liga der Tierrechte« kündigte das auch den zum BASF-Konzern gehörenden Nordmark-Werken in Uetersen an. »Da baut sich«, das befürchtet auch BTVG-Geschäftsführer Gaertner, »allmählich eine ganz eigene kriminelle Szene auf.«
Längst hat sich denn auch die Staatsanwaltschaft eingeschaltet. Der Ober-Autonome Andreas Wolff, der vor gut einem Jahr mit einem »symbolischen Feuerchen« (Wolff) im Foyer der Berliner »Zentralen Tierlaboratorien« die Anschlagsserie auf die Versuchsanstalten eröffnete, muß sich demnächst wegen schwerer Brandstiftung (Mindeststrafe: ein Jahr Haft) verantworten. Den Münsteraner Feuerlegern, für deren Ergreifung die Staatsanwaltschaft 3000 Mark Belohnung ausgelobt hat, drohen gleichfalls Freiheitsstrafen.
Doch Strafverfolgung scheint gewalttätige Tierschützer nicht abzuschrecken. »Paßt auf«, sprühte das Münsteraner Trio mit blutroter Farbe bei Hazleton an die Laborwand, »wir kommen wieder.« _(Links: Mit einem Asbest-Anzug ) _(bekleideter Tierschützer, der sich bei ) _(einer Flugblatt-Aktion in Brand setzen ) _(ließ; rechts: an ein Tor des ) _(Pharma-Konzerns Schering gekettete ) _(Tierschützer, darunter die ) _(Schauspielerin Barbara Rütting (3. v. ) _(l.). )
Links: Mit einem Asbest-Anzug bekleideter Tierschützer, der sich beieiner Flugblatt-Aktion in Brand setzen ließ; rechts: an ein Tor desPharma-Konzerns Schering gekettete Tierschützer, darunter dieSchauspielerin Barbara Rütting (3. v. l.).