Operation Weitblick - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 17 / 122

Hauptstadt Operation Weitblick

• aus DER SPIEGEL 26/1996
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Mit einem ungewohnten persönlichen Auftritt vor dem Haushaltsausschuß des Bundestages hat Helmut Kohl deutlich gemacht, daß er beim Regierungsumzug nach Berlin nicht knausern will. Die »voraussichtlichen Herstellungskosten« für das neue Kanzleramt im Spreebogen, ließ Kohl vergangene Woche durch Staatsminister Anton Pfeifer verkünden, seien mittlerweile auf 400 Millionen Mark gestiegen - ursprünglich waren 270 Millionen veranschlagt.

Um das Plazet zu dieser stattlichen Kostensteigerung - noch lange vor dem ersten Spatenstich - zu sichern, hatte der Kabinettschef zuvor den Haushaltsausschuß zu sich bestellt. Seine Erscheinung, berichtet ein Augenzeuge, »ließ die Abgeordneten vor Ehrfurcht schier erstarren«. Koalitionsparteien und SPD mochten sich den teuren Wünschen des Kanzlers nicht verschließen.

Noch vor zwei Jahren, nach der ersten Kostenkalkulation, hatte Kohl sich mit Räumlichkeiten begnügt, die unterhalb des Bonner Standards lagen. Doch der Sparwille, damals per Kabinettsbeschluß festgelegt, währte nur kurz.

Schwungvoll brachten Planer das Verhältnis zwischen den repräsentativen Arbeitsräumen, der »Hauptnutzfläche«, sowie Fluren, Treppen oder Foyers auf rheinisches Niveau: 19 033 Quadratmeter Hauptnutzfläche stehen mittlerweile einer um 34 Prozent erweiterten Gesamtfläche von 65 502 Quadratmetern gegenüber.

Der Kanzler versucht jetzt, die Expansion mit einem Trick als strenges Sparen auszugeben. Auf 515 Millionen Mark, so Kohl-Helfer Pfeifer, hätten die Architekten Axel Schultes und Charlotte Frank die Kosten ursprünglich geschätzt. Mit dem überarbeiteten Entwurf, den Schultes vergangene Woche als »Operation Weitblick« vorstellte, seien die Belastungen für den Steuerzahler doch »erheblich gesenkt worden«.

Empört hält der bündnisgrüne Haushaltsexperte Oswald Metzger dagegen, Kanzler Kohl habe einen Präzedenzfall für alle Bundesbauten in Berlin geschaffen: »Da werden Parlament und Minister noch locker draufsatteln.«

Zur Ausgabe
Artikel 17 / 122