BRASILIEN / ERZPIRATEN Operation X-TH
Zwischen Papageien und Piranhas landeten Piraten. Sie verluden in den Wäldern des zentral-brasilianischen Bundesstaates Golás gefährliche Pracht: radioaktives Erz.
In eigener Regie hatten die Schatzsucher des Atomzeitalters Monazit-. Sand geschürft, der radioaktives Thorium enthält. Laut Gesetz Nummer 4118 darf allein Brasiliens »National-Rat für Atom-Energie« derartiges Gestein ausbeuten und verwerten,
Seit Jahren aber machen sich Mineralien-Schmuggler den Reichtum des unerschlossenen Riesen Brasilien (mehr als 34mal so groll wie die Bundesrepublik) zunutze. 2139 Gruben waren 1966 beim National-Department für Erzminen registriert; nur ein Teil der Lager wird bislang vom Staat abgebaut. 40 Prozent beuten heimliche Hauer aus. Fast 500 »Garimpeiros« (Diamantensucher) gruben allein im Bundesstaat Bahia im Dienste der Erz-Gauner.
In den Akten der brasilianischen Bundespolizei stapelten sich Anzeigen und Beweismaterial gegen die Schwarzschürfer. Jetzt startete das Departamento de Policia Federal (DPF) die »Operation X-TH": Mit Maschinengewehren, Karabinern, Schreibmaschinen und Geigerzählern ausgerüstet, wurde ein Expeditionskorps zunächst in den Bundesstaat Golás entsandt. Per Jeep« Maulesel, Schiff, Flugzeug und zu Fuß folgten Polizisten und der Geologe Correia im unwegsamen Inland den Spuren der Mineralienschmuggler.
Nur knapp 300 Kilometer nördlich der modernistisch-kühlen Kapitale Brasilia stießen die DPF-Pfadfinder auf die Schürf stelle Péla Ema. Das etwa zehn Quadratkilometer große Areal zwischen dem Rio Tocantins und der Serra Dourada, den »Goldenen Bergen«, ist beim brasilianischen Department für Erzminen noch nicht einmal registriert. Keine Statistik gibt Auskunft über den bisherigen Abbau.
Unbehelligt holten dort mehr als 30 Garimpeiros Monazit und anderes begehrtes Erz aus der roten Erde: Tantalit. Es enthält die wertvollen Metalle Tantal und Niobium, die auch beim Raketen-, Reaktor- und Turbinenbau verwendet werden. Ober 50 Kilometer lange Pfade durch die Serra Dourada brachten die Schürfer auf Mauleselrücken ihre Ausbeute in die Ortschaft Trombas. Dort warteten die Händler, die Preise und Kaufbedingungen bestimmen konnten.
Die ergiebigsten Monazitvorkommen fanden und nutzten die Erz-Piraten tausend Kilometer weiter nördlich: bei Xambioa, einem malaria- und typhusverseuchten 2200-Seelen-Ort am Ufer des Rio Araguaia. Dort -- so ermittelten die Bundes.-Fahnder -- betrieben der Ex-Garimpeiro Manuel Ferreira und der angebliche Journalist Vinicius Barbosa Lima illegale Gestein-Geschäfte großen Stils.
Aus der Schürfstelle »Agua Branca« (Weißes Wasser) ließen sie Tausende Kilo des Strahlen-Stoffes fördern, Schürfer und Schmuggler brauchten die Staatsgewalt dabei nicht zu fürchten: Ex-Polizeikommissar Francisco * Mit Geigerzähler.
Xavier Franca und der ehemalige Vize-Präfekt Joao Saraiva dos Santos vergaßen die Bestimmungen des Atom-Gesetzes gegen Gebühren.
Neben dem Haus des derzeitigen Präfekten Otacilio Cardoso da Silva entdeckten die Bundespolizisten eine geheime Flugpiste und einen Lagerschuppen für das Schmuggelerz. Den Schuppenschlüssel hatte der Präfekt.
Von diesem Landeplatz waren die fünf »Cessna«-Maschinen des reichen Farmbesitzers und Zebu-Züchters José Noleto de Sousa aufgestiegen, um die wertvollen Mineralien zu den weiter nördlich gelegenen Umschlagplätzen Carolina und Marabá zu fliegen. Weitere Schmuggelerze gelangten per Schiff von Xambioá nach Belém an Brasiliens Nordküste,
Der Endempfänger der Fracht allerdings ist bislang unbekannt. Xambioá-Polizist Kavier Franca wußte von dem Besuch eines Amerikaners, Martin Ehrman aus Los Angeles, in Xambioá zu berichten. Der US-Besucher war in Begleitung des Erz-Exporteurs Leven Nercessian und auf der Suche nach »Steinen für seine wissenschaftliche Sammlung« gekommen und hatte sich besonders für das in Xambioá geschürfte Schwarzhandels-Gestein interessiert.
Die Brasilianer fürchten seither, sie würden vom Ausland ausgebeutet wie früher: 1 037 050 Kilo Gold allein hatten die Portugiesen von 1691 bis 1875 aus ihrer ehemaligen Kolonie weggeschifft.
Das oppositionelle Blatt »Correiro da Manha« in Rio warnte vor nordamerikanischer Landnahme in Brasilien: Auf einer Farm in Tocantinopolis, Golas, bauen US-Bürger die Erze selbst ab. Die Besitzung ist völlig abgeriegelt und mit eigenem Radiosender und zwei Kilometer langer Landepiste ausgestattet.
Unerwünschte Flugzeuge freilich, die dort notlanden wollten, wurden mit Karabinersalven vertrieben.