Opposition
In Ergänzung zu Ihrem Bericht über den augenblicklichen chinesischen Ministerpräsidenten Sun Fo (Spiegel Nr. 2/49) wird es Ihre Leser vielleicht interessieren, daß Sun Fos Prominenz nicht auf eigene Leistung auf irgendeinem Gebiet, sondern lediglich auf die Tatsache zurückzuführen ist, daß er der Sohn des als Nationalheld verehrten Dr. Sun Yat-sen ist. Lediglich aus Reverenz gegenüber seinem verstorbenen Vater wurden Sun Fo in den vergangenen Jahren in jeder chinesischen Regierung hohe Aemter zuteil, bei denen allerdings der hochklingende Name des Postens in keinem Verhältnis zum politischen Einfluß stand.
Es gehörte bei uns ausländischen Korrespondenten im Lager Tschiang Kai-scheks während des Krieges mit Japan zu den Gepflogenheiten, von Zeit zu Zeit Dr. Sun Fo zu besuchen, weil wir immer sicher sein konnten, von ihm eine ausgefallene Aeußerung zu hören. Stets verärgert über seine politische Machtlosigkeit, war er immer gegen alles, was die Regierung, der er selbst angehörte, unternahm. Wegen seiner Interviews galt er als »enfant terrible«. Nahm dann eines Tages die Regierung eine Haltung ein, die er früher gefordert hatte, so wechselte er sofort seinen Standpunkt um 180 Grad, nur um in Opposition zu stehen.
Nun ist Sun Fo schließlich zum Lückenbüßer geworden, wie man in China immer, kurz bevor eine Sache verloren geht, einen Mann der zweiten Garnitur hervorholt, damit nicht einer der ersten Leute in dem unvermeidlichen Debacle sein Gesicht verliert.
Uebrigens hat nie Sun Fos »charmante Gattin« in Tschunking Ausländer eingeladen. Er lebte in Tschunking mit einer Freundin oder Nebenfrau, die zu den schönsten unter den vielen schönen Frauen Chinas gehörte. Noch während des Krieges tauchte sie später in Schanghai und Nanking auf, wo ihr die Minister Wang Tsching-weis den Hof machten.
Hamburg
WOLF SCHENKE