TV-UNTERHALTUNG Optimierte Klippschule
Bei uns, verspricht die Werbung der ARD den Zuschauern, sitzen Sie in der ersten Reihe. Die Redakteure der zehn Anstalten, soweit sie mit Fernsehspielen befasst sind, drücken derzeit die Armesünderbank.
»Projektanmeldung Fernsehfilm« heißt das Formblatt, über dem die fest angestellten Betreuer von Bildschirmkomödien, Schicksalsmovies oder historischen Dramen derzeit zu brüten haben - ein Dokument, das den sagrotanhaltigen Duft des bürokratischen Sozialismus verströmt. »Selbsteinschätzung: (5 Punkte = sehr gut, 1 Punkt = schlecht)« lautet die knappe Belehrung, und dann heißt es für den Redakteur selbstanklägerisch über sein Projekt zu richten.
Ist die Geschichte »attraktiv und/oder familienorientiert«? Die Erzählweise »unkompliziert« und - doppelt genäht schafft klarere Klarheit - »nicht verwirrend«? Das Milieu »abstoßend« oder »nicht abstoßend«? Darf sich der Redakteur für »Genre-Reinheit« einen Dreier geben? Ist sein Projekt »verquastem Tiefsinn« erlegen? Und, o weh, macht er sich »übertriebener Spielereien« schuldig? Schummeln gilt nicht, alles wird höheren Orts kontrolliert.
Denn diese Klippschule total ist das Ergebnis eines so genannten Optimierungspapiers, das die Leiter der Fernsehspielabteilungen in der ARD vor einiger Zeit einstimmig beschlossen haben und das nun gnadenlos exekutiert wird. Mit Hilfe des auf diesem Papier beruhenden Formblattes glaubt sich die Programmkoordinierung des Ersten einen Überblick darüber zu verschaffen, ob ein TV-Projekt um 20.15 Uhr auf den Sender gehen kann oder in der Programmnacht verschwinden muss.
Vier Damen, die Fernsehspielchefinnen Susann Schulte (SWR), Gabriela Sperl (BR), Liane Jessen (HR) und Doris Heinze (NDR), sprechen derzeit die Empfehlungen für den Sendetermin eines Stücks in der ARD aus, die zuständige Programmkonferenz folgt den Vorschlägen in der Regel.
Da geht es, ganz im Geist der nun schriftlich fixierten Quotenoptimierung, nicht zimperlich zu: Einem international produzierten Zweiteiler über den österreichischen Staatsmann Metternich (1773 bis 1859), an dem sich der Westdeutsche Rundfunk beteiligen wollte, verweigerte das gestrenge Quartett den 20.15-Uhr-Segen.
Es war den Damen egal, dass das Buch von Knut Boeser, einem versierten und gewiss nicht verquastem Tiefsinn verfallenen »Tatort«-Schreiber, stammt und dass der große Theatermann Luc Bondy Regie führen wird. Bei dem historischen Stoff witterten sie »Lehrhaftigkeit« und die ist - was schert die ARD die Aufklärung - angesichts der Optimierung verpönt.
Auch die hauptabendliche Versendung einer Verfilmung von Günter Grass'' Erzählung »Unkenrufe« lehnten die Optimiererinnen ab. Grass - Nobelpreis hin oder her - habe da ein schwaches Buch verfasst, und der vorgesehene Regisseur, der renommierte Defa-Mann Egon Günther ("Lenz«, »Die Braut"), sei einfach zu alt.
»Die optimale Erfüllung des öffentlichrechtlichen Programmauftrags erweist sich nicht in der Minimierung des Zuschauerinteresses«, heißt es mit entwaffnender Selbstverständlichkeit im ARD-Ukas, und nicht alle reagieren so heiter wie die Hamburger Produzentin Katharina Trebitsch: »Wir haben uns in unserer Firma über das Papier kaputtgelacht.«
Der Regisseur Jo Baier - seine Verfilmung von Erwin Strittmatters autobigrafischem Roman »Der Laden« war ein großer Prestige-Erfolg für das Erste - spricht von einer »künstlerischen Bankrotterklärung«. Was soll einer wie er mit Optimierungs-Binsen wie der anfangen: »Ein schlechter, misslungener oder verwirrender Anfang verdirbt den gesamten Film«? Muss Baier künftig seine wunderbare Sensibilität für Lakonie und Epik vor einem Tribunal rechtfertigen, das ihm »übertriebene formale Spielerei« vorwerfen kann? Wohl kaum. »Ich drehe gerade einen Zweiteiler über den Sedlmayr-Mord für Sat.1, und niemand hat mir ins Drehbuch hineingeredet«, erklärt er vielsagend. Und die Regisseurin Vivian Naefe kommentiert: »Erschütternd ist der Kasernenhof-Ton des Papiers, der in jeder Phase der Produktion durchgehalten wird.«
Das Optimierungs-Papier wirft mit vagen Drohungen um sich wie der, »die ARD sollte auf Alibiprojekte verzichten«, die von mehr als 90 Prozent der Zuschauer nicht gesehen würden - da ist es kaum verwunderlich, dass die kulturellen Alarmisten auf den Plan treten. Denen macht auch wenig Eindruck, dass das Wort Alibi inzwischen getilgt wurde. Die »FAZ« titelte: »Freie Fahrt für Pilcher«, die »Süddeutsche« gar sah die ARD zur »Süßwarenfabrik« verkommen, die künftig nur öffentlich-rechtliche Gummibärchen produziere - harter Tobak.
Denn das Erste wird auch künftig anspruchsvolle Ware wie die Verfilmung von Uwe Johnsons Großroman »Jahrestage« versenden; und auch das vorab erhobene Wehgeschrei, Edgar Reitz'' ambitioniertes Projekt »Heimat 2000«, eine Art Fortschreibung der Schabbach-Chronik bis ins wiedervereinte Deutschland hinein, sei in Gefahr, erweist sich, wie der Fernsehspiel-Koordinator der ARD, Jürgen Kellermeier, versichert, als verfrüht: Das Projekt sei auf gutem Weg. Ein bisschen Kritik der Senderverantwortlichen, die Zeichnung von Reitz'' Ostfiguren sei zu negativ, wird sich der Großkünstler wohl gefallen lassen müssen.
Nicht zu leugnen ist der Anlass für das harsche Optimierungspapier: Die Quoten, die die ARD am Mittwoch erzielt, lagen in den vergangenen drei Monaten im Schnitt bei zwölf Prozent, unter dem Gesamt-
marktanteil der ARD. ZDF-Konkurrent Hans Janke versammelt am Montag deutlich mehr Zuschauer zu seinen Filmen, und RTL-Movie-Chef Jan Kromschröder, der am Mittwoch direkt gegen die ARD antritt, nimmt den Konkurrenten wenig ernst: »Bei uns ist die Altersstruktur entscheidend, und da kommt die ARD erst an vierter Stelle«, selbst hinter »Kommissar Rex« von Sat.1.
Die ARD muss für den Mittwochstermin die Arbeit von zehn Anstalten koordinieren. Da kam bisher Unterschiedliches zusammen, eine »Wundertüte«, wie ARD-Programmdirektor Günter Struve das nennt. Nie wisse der Zuschauer, was ihn am Mittwoch erwarte: eine Komödie oder eine Tragödie. Und Tragödien mit vielfach gestörten Negativhelden, davon hat sich Struve durch Untersuchungen der ARD-Soap »Marienhof« überzeugt, sind Zuschauergift.
Auf dem Mittwochsplatz ist auch nicht gelungen, was am Sonntag mit dem »Tatort«-Logo gelingt: die regionale Vielfalt der ARD zum Zuschauermagneten zu machen. Mittwochs-Serialisierungen wie eine Ärzte-Reihe kamen nicht an. Jugend erhaschende Filme unter dem Titel »Wilde Herzen« werden heute lieber ohne das pochende Rubrum versendet - es schreckt offenbar ab.
Die Lage für fiktive Produktionen in der ARD ist nicht einfach, der Markt gesättigt und die private Konkurrenz hellwach. Doch statt sich zu überlegen, auf welche Weise man neue Publikumsschichten wie die Zlatko-Generation erobert - mit »Genrereinheit« wird es gewiss nicht gelingen, besteht doch der Reiz des Container-Gesprächs im raschen Hin- und Herwechseln von Spaß zu Ernst und wieder zurück -, sucht die Anstalt den Feind im Innern: in versponnenen, altlinken Redakteuren, die finster entschlossen sind, mit Schulmeistereien das Publikum zu langweilen.
Doch dieser innere Feind ist eine Projektion, Schreckgespenst einer Generation, die unter 68er-Debatten groß geworden ist und nun um sich schlägt.
Einige Mitglieder der Viererbande jedenfalls haben wenig Grund, die Lehrmeisterinnen zu spielen. Heinze, die NDR-Fernsehspielchefin, erlitt mit selbstverfassten Stücken Schiffbruch - ihre unsägliche Benimm-Schulen-Saga »Holstein Lovers« schaffte gerade mal zehn Prozent Quote. Und ob »Männerphantasien«, eine geplante Reihe »lebensnaher Komödien« von Heinze und ihrer Termin-Mitrichterin Sperl aus München, ein Quotenhit werden? Die Ideensammlung für »Liege mir zu Füßen« macht skeptisch: »Die Frau als Haustier - wenn sie sich zur gleichberechtigten Partnerin entwickelt, wird sie durch das nächste Haustier ersetzt.«
NIKOLAUS VON FESTENBERG, MARIANNE WELLERSHOFF
* Mit Horst Buchholz, Harald Juhnke.