Kuba Option Null
Fünf Tage lang trieben Jose Moya, 28, und sein Freund Alberto Valdez, 24, in den Atlantikfluten. Völlig entkräftet, von der Sonne ausgetrocknet und verbrannt, fischte die US-Küstenwache die beiden Kubaner nahe Islamorada auf.
Mit großem Glück hatten sie die waghalsige Flucht ins Land der Verheißung überlebt. Denn kaum waren sie von Santa Fe nahe Havanna losgerudert, entdeckte Moya 18 kleine Löcher in dem Gummifloß, das er zufällig in einer Abfalltonne gefunden hatte. Die Zeit auf See verbrachte er hauptsächlich damit, unermüdlich Luft in die lecke Hülse zu blasen.
Sein Freund hatte nach drei Tagen, als das Trinkwasser verbraucht war, einen Koller erlitten und war wiederholt von Bord gesprungen. Die beiden wußten von fünf Bekannten, die den Ausbruch von der Zuckerinsel nicht überlebt hatten. Doch das konnte sie nicht abschrecken: »Ich wollte lieber sterben«, bekennt Moya. »Zu Hause gab es keine Zukunft.«
Wie die beiden jungen Männer überwanden seit Januar bereits an die 800 verzweifelte Kubaner auf Fischerbooten, Flößen oder gar zusammengebundenen Schläuchen aus Traktor- oder Lastwagenreifen die 140 Kilometer breite Wasserstraße, die ihre verelendete Heimat von den USA trennt. So viele Bootsflüchtlinge gab es seit Jahren nicht mehr.
Nach Schätzungen von Experten kommen nur ein Drittel bis die Hälfte der abtrünnigen Kubaner an ihr Ziel. Denn der Golfstrom spült die motorlosen Boote häufig auf den offenen Atlantik.
Ganz regulär reisten seit Jahresbeginn zusätzlich schon 25 000 Kubaner, deren Verwandte 900 Dollar für die Reise ausgelegt hatten, mit einem Besuchervisum in die USA. Zweimal täglich landen vollbesetzte Chartermaschinen aus Havanna in Miami. Etwa 40 Prozent der Gäste, so schätzt die örtliche Einwanderungsbehörde, tauchen einfach in Floridas eine Million starker Kubanergemeinde unter. Die Zahl der so Zugezogenen könnte dieses Jahr auf 30 000 ansteigen.
Die wenigsten Kubaner stellen einen Asylantrag. Denn anders als Flüchtlingen aus dem bitterarmen Haiti oder dem bürgerkriegsgeschüttelten El Salvador gewähren die USA jedem, der dem Land ihres ideologischen Erzfeindes Fidel Castro den Rücken kehrt, nach einem Jahr ständiges Bleiberecht.
Schon befürchtet JoaquIn Avino, ein hoher Verwaltungsbeamter in Südflorida, daß die neue Fluchtwelle aus Kuba »den Umfang von Mariel erreichen« könnte: Aus dieser Hafenstadt hatte der kubanische Diktator 1980 innerhalb eines halben Jahres über 120 000 unzufriedene Landsleute in die USA abreisen lassen.
Den neuen Exodus scheint der Maximo LIder zumindest zu tolerieren - ganz im Gegensatz zum vergangenen Jahr, als keiner der 25 Kubaner, die sich in ausländische Botschaften geflüchtet hatten, das Land verlassen durfte. Im März wurde das Mindestreisealter von 60 auf 30 Jahre herabgesetzt, zum Jahresende sollen gar die 18jährigen schon Ausreisevisa beantragen dürfen. Auch scheint die kubanische Küstenwache neuerdings Fluchtversuche nicht mehr vereiteln zu wollen - möglicherweise weil ihren Schiffen einfach der Treibstoff fehlt.
Die Versorgungslage in Kuba hat sich dramatisch verschlechtert. So hat die gegenwärtige Massenabkehr nicht in erster Linie politische Gründe wie noch 1980. Wachsende Entbehrungen treiben die Menschen aus ihrer Heimat. Seit die befreundeten Regime in Osteuropa zusammengebrochen sind, steht auch Kubas Wirtschaft vor dem Kollaps. Das Pro-Kopf-Einkommen ging 1990 um sieben Prozent zurück und wird voraussichtlich dieses Jahr weiter sinken.
Früher subventionierte die Sowjetunion ihren Statthalter in der Karibik mit bis zu fünf Milliarden Dollar jährlich, damit er dem US-Embargo trotzen konnte. Ihre Erdöllieferungen waren so üppig bemessen, daß der Weiterexport des Überschusses bis zu 600 Millionen Dollar einbrachte. Das ist nun vorbei.
Gorbatschow kürzte die Öllieferungen um ein Viertel und stellte den Handel mit Kuba vom Tauschgeschäft auf Devisenbasis um: Nun müssen die Kubaner reguläre Weltmarktpreise zahlen, in Dollar.
Schon letztes Jahr fehlten drei Millionen Tonnen Öl. Deshalb mußten 26 Industrieanlagen stillgelegt, Bauvorhaben eingeschränkt werden. Um Benzin für Busse einzusparen - die rußenden »guaguas« waren bislang wichtigstes Transportmittel auf der Insel -, empfahl der alte Revolutionär seinen Untertanen, auf Fahrräder umzusteigen. 700 000 Stück bestellte er in China. 400 000 Ochsen sollen Traktoren ersetzen, die Müllabfuhr besorgen in Zukunft Pferdekarren.
Die meisten Lebensmittel sind nur noch mit »libreta«, dem Bezugsscheinheftchen, zu erhalten. Die Rationen werden immer knapper: Statt ein halbes Pfund Fleisch alle neun Tage gibt es nur noch ein Viertelpfund alle zwei Wochen. Die tägliche Brotmenge wurde auf 80 Gramm beschränkt.
Seife, Rasierklingen, sogar Aspirin fehlen seit Monaten. Als Klopapier benutzen viele das Parteiblatt Granma, inzwischen aufgrund von Papiermangel die einzige Tageszeitung.
Als die Milchlieferungen aus der ehemaligen DDR ausblieben, drohte die Schließung der Eisdielen. Um die Jugendlichen nicht weiter zu vergrätzen - der Park, die Terrassen und Bars des Speiseeis-Palastes Coppelia im Zentrum von Havanna sind ihr Haupttreffpunkt -, wurde statt dessen die Butterproduktion eingeschränkt.
»Eine besondere Periode in Friedenszeiten« nennt Castro dieses Notstandsprogramm und warnt, in den kommenden fünf Jahren könne die Lage noch ernster werden. Er bereitet das Volk auf die »Opcion cero« vor, den Fall Null, wenn überhaupt nichts mehr importiert werden könne.
Freiwerdende Arbeitskräfte aus der verfallenden Industrie benötigt der Diktator für sein Projekt, die Insel zum Selbstversorger mit Lebensmitteln zu machen. 20 000 Hauptstädter, hauptsächlich Verwaltungsangestellte, Studenten, Taxifahrer, aber auch Wissenschaftler wurden schon auf staatliche Agrarbetriebe versetzt - für zwei Wochen bis zwei Jahre.
Der sogenannte freiwillige Einsatz auf dem Land schürt die Unzufriedenheit bei der durch jahrelangen Mangelsozialismus ohnehin zermürbten Bevölkerung. »Selbst wenn du fünf Jahre schuftest, hast du nichts zum Vorzeigen«, klagt Jorge Luis Torres, 25, der im Mai per Boot nach Miami floh. Dabei gehörte er mit einem Monatsverdienst von 350 Pesos in einer Lebensmittelfirma noch zu den Privilegierten. Ein Viertel des Durchschnittslohns von etwa 200 Pesos würde für eine Hose auf dem Dollarschwarzmarkt draufgehen, wo es alle begehrten Waren gibt.
Aussichten auf Besserung bestehen kaum. Zwar deutete kürzlich Präsident Bush an, das seit 29 Jahren bestehende Embargo könne aufgehoben werden, wenn Castro freie Wahlen zulasse und die Menschenrechte respektiere. Doch der gealterte Revolutionär hängt voll Starrsinn an vergangenen Idealen. Lieber läßt er Tausende Unzufriedene ziehen, als dem Sozialismus abzuschwören. »Selbst wenn man mir sagte, daß 98 Prozent der Leute nicht an die Revolution glauben«, so beteuerte er, »würde ich allein weiterkämpfen.«