Ostblock intern - DER SPIEGEL
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Artikel 54 / 80

Ostblock intern

• aus DER SPIEGEL 34/1970
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

In Polen begann 1955 ein politischer Gärungsprozeß, der schließlich im Oktober 1956 Wladyslaw Gomulka an die Macht brachte. Ich stellte mich bedingungslos auf die Seite der Reformer, die für eine politisch-moralische Erneuerung im Lande, für einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz, kämpfen wollten. Natürlich wußte ich, mit welchen Folgen ich zu rechnen hatte, wenn diese Reformbewegung scheiterte und die orthodoxen Funktionäre wieder uneingeschränkt den Kurs bestimmen wurden.

Ich beschränkte mich dennoch nicht darauf, in kleinen Zirkeln zu diskutieren. Ich kritisierte auch in aller Öffentlichkeit. so auf den Plenarsitzungen des polnischen Journalistenverbandes, die Politik der damaligen Partei- und Staatsführung. Meine Auffassungen wurden, wenn auch von der Zensur beschnitten, im Organ des polnischen Journalistenverbandes veröffentlicht.

Nachdem Gomulka im Oktober 1956 als Parteichef an die Spitze der Reformbewegung getreten war, wurden überall im Staats- und Parteiapparat, in der Wirtschaft und im kulturellen Bereich die Stalinisten abgesetzt. Anfang 1957 wählte man mich einstimmig zum Parteisekretär im Vorstand des polnischen Journalistenverbandes. Das

© 1970 by Opera Mundi, Paris -- Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg.

war für mich ein besonderer Vertrauensbeweis.

In diese Zeit, da wir alle »an ein besseres Modell des Sozialismus glaubten, fiel der Beginn meiner Tätigkeit als Dolmetscher der Partei- und Staatsführung. Jetzt, da es zu meiner Funktion gehörte, bei internationalen Kontakten zu dolmetschen, konnte ich die neuen Führer aus nächster Nähe beobachten und miterleben, was dahintersteckte, wenn die Gewaltigen sprachen.

Ich wurde enttäuscht. 1963, als es keine Möglichkeit für ein effektives Wirken zugunsten einer tatsächlichen Erneuerung mehr gab, trat ich als Parteisekretär des Vorstandes des polnischen Journalistenverbandes zurück und ließ mich nicht mehr wählen. Zwei Jahre später hörte ich überhaupt auf, an den für alte Parteimitglieder obligaten Versammlungen der Grundorganisationen teilzunehmen.

Der Bruch mit der Partei war damit vollbracht. Die Leitung der Grundorganisationen ließ mich jedoch in Ruhe. mit einem »Gomulka-Übersetzer« wollte man sich lieber nicht anlegen. Die Partei- und Staatsführung hatte davon keine Ahnung. Als Dolmetscher war ich gut, und das genügte, um mich bei hohen und höchsten Zusammenkünften einzusetzen.

Während der letzten Jahre meines Aufenthaltes in Polen fand Ich mich in meiner Einstellung bekräftigt. Mir blieb die unerquickliche Rolle, als Außenseiter unter den Eingeweihten mit beobachten zu müssen, wie die Machthaber der kommunistischen Staaten sich immer mehr in die Gegensätze verstrickten, die sich aus den Gesetzlichkeiten der gesellschaftlichen Entwicklung ergaben.

Ich wurde zu einem gefährlichen Geheimnisträger, zu einem der wenigen Wissenden. Denn: Die kommunistischen Staaten sind weit von jener Transparenz des politischen Lebens entfernt, die für die westliche Gesellschaftsordnung typisch ist. In den Staaten des sozialistischen Blocks werden die informierenden und meinungsbildenden Medien einer straffen Kontrolle unterworfen; eine besondere Instanz der Partei gibt die jeweils vielleicht nur für den Tag geltende Sprachregelung aus.

Als Dolmetscher hatte ich nun die Möglichkeit, diese Schranken mit einem Sprung zu überwinden. Ich wurde zu internen Besprechungen hinzugezogen, bei denen man sich mit den Hintergründen bevorstehender Verhandlungen vertraut machte; ich als Dolmetscher mußte ja wissen, wo die Schwerpunkte lagen. Normalerweise hintergründige Faktoren lagen wie im grellen Flutlicht vor mir -- ob es nun um fraktionelle Machtkämpfe, »um die gemeinsame Ausrichtung der Außenpolitik oder um wirtschaftliche Zusammenarbeit ging.

Andererseits war ich freilich ein Außenseiter, Ich gehörte weder zur Funktionärsschicht noch zu den Männern, die vorwiegend organisatorische Aufgaben hatten. Sie blieben zumeist draußen vor der Tür, wenn es bei zwei- oder mehrseitigen Gipfelgesprächen am Verhandlungstisch laut wurde, weil die führenden Genossen der Parteien und Regierungen sich offen die Meinung sagten.

Auf höchster Ebene gab es für mich keine Geheimnisse mehr; ich kannte sogar das gegenseitige Streben nach Ausbeutung der sozialistischen Bruderländer, »mit der Sowjet-Union an der Spitze«. Hier traten die Gegensätze offen zutage. Manchmal zankte man sich; manchmal klammerte man Streitfragen aus, um sie an eine gemischte Kommission weiterzuleiten, so als ob man nicht wußte, daß diese gemischte Kommission seit Jahr und Tag keinen Fortschritt erzielen konnte, weil eben auch im wirtschaftlichen Leben die »brüderliche Solidarität der sozialistischen Länder nichts weiter als ein Lippenbekenntnis war.

Gomulka, der ZK-Sekretär Kliszko und ihre engsten Mitarbeiter waren in den ersten Jahren nach 1956 Urheber und Vorkämpfer eines Planes für eine wirtschaftliche Zusammenarbeit, Koordinierung, Spezialisierung und Arbeitsteilung der sozialistischen Länder. Aber nicht nur die anderen, die das fetteste Bratenstück erwischen wollten, sabotierten diese Pläne, sondern auch die Polen selbst; sie machten ihre Wirtschaft in den entscheidenden Sparten ganz von der sowjetischen abhängig.

Hier arbeitete man bis ins letzte Detail gehende Pläne zur Wiederherstellung der Einheit der kommunistischen Weltbewegung aus und war dann enttäuscht, daß die schönen Pläne auf dem Papier vergilbten. Nur wenn man es mit einem schwachen Partner zu tun hatte, entschloß man sich, wie im Fall der Tschechoslowakei. zum Zuschlagen.

Schließlich konnte ich an einem besonders krassen Beispiel beobachten. wie die brüderliche Zusammenarbeit zwischen der Volksrepublik Polen und der DDR in Wahrheit aussah.

Die Regierung in Warschau war aus wirtschaftlichen Gründen am Handel mit West-Berlin besonders interessiert. Die DDR-Behörden blockierten jedoch den Eisenbahn-Transitverkehr zwischen beiden Partnern. Die Führung in Ost-Berlin wollte West-Berlin unter Druck halten. Gomulka beschwerte sich über diese Praxis bei Ulbricht. der jedoch nicht einlenkte. Jahrelang lähmte er diesen Bereich des polnischen Außenhandels, um die Polen zu einer Unterstützung seiner Politik gegenüber West-Berlin zu veranlassen und sie von jedem eigenmächtigen Flirt mit der Bundesrepublik abzuhalten.

Auf diesem Gebiet beanspruchte Ulbricht gegenüber allen Staaten des Ostblocks, die Sowjet-Union anfangs ausgenommen, die politische Prärogative. Als Gomulka in den ersten Jahren nach 1956 einmal andeutungsweise erwähnte, er sei unter Umständen an einem Besuch des SPD-Führers Herbert Wehner in Polen interessiert, stoppte Ulbricht ihn sofort: »Was die Beziehungen mit Westdeutschland anbelangt, so sind schließlich wir dafür zuständig. Da kann doch nicht jedes sozialistische Land seinen eigenen Weg gehen.«

Die Episode enthüllte, daß sich Gomulka und Ulbricht nur mit großem Mißtrauen beobachteten. Von Anfang in war der SED-Chef Walter Ulbricht der Mann, der die polnische Außenpolitik am stärksten bewegte und irritierte.

ich erlebte Ulbricht zum erstenmal. als er am 9. Dezember 1958 zu Gipfelgesprächen mit der polnischen Partei- und Staatsführung nach Warschau kam. Mitglieder seiner Abordnung waren unter anderen Hermann Matern, Erich Mückenberger, Dr. Lothar Bolz, damals DDR-Außenminister, und Max Sefrin, stellvertretender Vorsitzender des Ministerrats. Zur polnischen Delegation, die an diesem Gipfeltreffen teilnahm, gehörten Gomulka, Ministerpräsident Cyrankiewicz und der damalige Außenminister Adam Rapacki.

Dieses Gipfeltreffen in Polen war für mich die erste Gelegenheit, den SED-Chef aus nächster Nähe kennenzulernen. Die politischen Beziehungen zwischen Volkspolen und der DDR wichen damals weit von den öffentlichen Formeln über Freundschaft und brüderliche Solidarität ab, und das bezog sich nicht nur auf ·die Völker, sondern auch auf die Führungsspitzen.

Die Polen hatten das Trommelfeuer der Sprecher Ulbrichts aus den Oktobertagen 1956 noch in bester Erinnerung; damals hatte die DDR ihre Feindseligkeit gegenüber den im östlichen Nachbarland praktizierten Reformen deutlich genug manifestiert. Gomulka hingegen war zu dieser Zeit bestrebt, Kontakte mit dem Westen, die Bundesrepublik Deutschland nicht ausgeschlossen, anzuknüpfen. Er wollte auch mit verschiedenen Kreisen der westlichen Sozialdemokraten in Kontakt kommen.

Ihm schwebte ein Plan vor, den er auf allen möglichen Ebenen zu verwirklichen suchte: Er wollte innerhalb des sozialistischen Lagers ein Dreieck bilden, sozusagen eine Achse Warschau-Berlin-Prag, und die drei Länder Polen, DDR und Tschechoslowakei durch enge wirtschaftliche, politische und kulturelle Beziehungen zu einem Gegengewicht gegenüber den restlichen Staaten des sozialistischen Lagers ausbauen,

Vor dem Gipfeltreffen mit Ulbricht fanden Verhandlungen zwischen einzelnen Politbüro-Mitgliedern statt, bei denen die Polen diesen Plan oder zumindest Ansätze zu seiner Verwirklichung durchsetzen wollten. Zur gleichen Zeit erschienen jedoch Besucher aus der DDR, die offenbar den Auftrag hatten, die neue polnische Parteiführung zu entmutigen. Zu ihnen gehörten das Politbüro-Mitglied Herbert Warnke. der ZK-Abteilungsleiter Horst Sindermann, ja sogar der ehemalige Nazi und linientreue SED-Kommunist Günter Kertzscher, der den polnischen Journalistenverband besuchte.

Die ablehnende Haltung der DDR gegenüber Gomulkas Plänen wurde auch bei zahlreichen anderen Kontakten auf das nachdrücklichste betont, so zum Beispiel bei einem geheimen Besuch. den der damalige Leiter des Amtes für Staatsreserven in der DDR, Kurt Stoph, ein Bruder des heutigen Ministerpräsidenten der DDR, seinem polnischen Amtskollegen Katz abstattete. Stoph überschüttete seine Gesprächspartner in Warschau mit Vorwürfen wegen der politischen Reformen in Polen.

Dann kam Ulbricht mit seiner Abordnung. In Warschau wurde die Delegation mit dem üblichen Prunk und der in solchen Fällen organisierten »Freude der Bevölkerung« empfangen. Zahlreiche Erwachsene und Kinder, die speziell aus ihren Betrieben oder Schulen delegiert worden waren, säumten den Weg der Gäste und winkten mit vielen Papierfähnchen, als die DDR-Abordnung vom Bahnhof zu der Residenz in der Ladowa-Straße fuhr. die man ihnen zur Verfügung gestellt hatte.

Daß die seit zwei Jahren, seit dem polnischen Oktober, bestehenden Gegensätze zwischen Ulbricht und Gomulka beileibe nicht überwunden waren, bewiesen schon die ersten Gipfelgespräche auf Partei- und Regie-

* Bei der Rückkehr von seinem ersten Rußland- Besuch als wiedereingesetzter KP-Chef Polens.

rungsebene. Ulbricht spielte sich von Anfang an mit seinem hölzernen Vokabular als Lehrmeister auf, während Gomulka und die übrigen polnischen Gesprächsteilnehmer eher darauf bedacht waren. Gegensätze auszuklammern. um die DDR noch für den Plan des »Eisernen Dreiecks« zu gewinnen.

Dennoch kam es auch jetzt zu harten Auseinandersetzungen zwischen Gomulka und Ulbricht. Die Polen vermieden jedoch jede Provokation und beschränkten sich auf die Klage, daß der polnische Journalist Janiurek trotz mehrmaliger Anträge kein Visum zur Einreise in die DDR erhalten habe.

Ulbricht war über die Versuche Gomulkas, mit westlichen und westdeutschen Sozialdemokraten ins Gespräch zu kommen, gut informiert und verlangte, daß Polen unter keinen Umständen auf eigene Faust handeln dürfe. Die Polen versuchten, ·ihre Gaste zu besänftigen: sie unterstützten vorbehaltlos die damaligen Vorschläge Ulbrichts für eine Konföderation der beiden deutschen Staaten und hoben stets hervor, die DDR sei der erste demokratische und wirklich friedliebende deutsche Staat.

Sowohl bei den Partei- wie bei den Regierungsverhandlungen versuchte Ulbricht immer wieder, die Polen gegen Westdeutschland aufzustacheln; er brachte dabei ein Argument vor, das ich noch unzählige Male hören sollte: Die westdeutschen Militaristen planten in nächster Zeit einen Überfall auf die DDR.

Ulbricht bediente sich der in Polen suspekten Formulierungen wie »unter Führung der Sowjet-Union« oder »mit der Sowjet-Union an der Spitze«. vermied es aber, die neue polnische Führung oder die im Oktober 1956 eingeführten Reformen, die in Polen zu dieser Zeit noch nicht rückgängig gemacht worden waren, öffentlich zu kritisieren.

Ich war nach all den vorangegangenen Attacken gegen die polnische Führung und die polnischen Reformen gespannt. ob Ulbricht, an dessen schwarzem Revers immer zwei blutrote Sterne leuchteten, Gomulka und die polnische Konzeption frontal angreifen werde. Ulbricht mußte bestrebt sein, seinen Besuch in Polen politisch oder zumindest propagandistisch auch in der DDR auszunutzen -- Gomulka gehörte ja damals zu den in anderen sozialistischen Ländern geschätzten und verehrten Führern. Da mußte es Ulbricht reizen, gerade in Polen seine eigene Konzeption zu verkünden.

Nach den ersten beiden Tagen, die mit Gesprächen in Warschau, mit Kranzniederlegungen und anderen protokollarischen Verpflichtungen ausgefüllt waren, teilte sich die DDR-Delegation in zwei Gruppen, die getrennt eine Reise durch Polen unternahmen. Die von Ulbricht geleitete Gruppe begab sich nach Lódz, wo sie eine Fernheizzentrale besichtigte. eine neuerrichtete Sporthalle ansah, sich ins Textilkombinat Julian Marchlewski begab und am Abend an einem Empfang teilnahm, der im Grand-Hotel in Lódz zu Ehren der deutschen Gäste gegeben wurde. Die zweite Gruppe, geleitet von Hermann Matern, besuchte Danzig und das Braunkohlenkombinat in Konin.

Schon bei den protokollarisch etwas weniger gewichtigen Veranstaltungen bedienten sich die SED-Funktionäre einer weit härteren Sprache, als das während der Partei- und Regierungsgespräche in Warschau der Fall gewesen war. Ulbricht betonte zwar hei jeder Gelegenheit, das sozialistische Lager könne nur »unter der Führung der Sowjet-Union« gedeihen und sich entwickeln, ging aber bei öffentlichen Veranstaltungen nicht über diese Formulierungen hinaus.

Härtere Worte überließ Ulbricht vorerst seinen Gefolgsleuten. In Warschau arbeitete inzwischen eine Redaktionskommission an dem Text des Schlußkommuniqués, das vor der Abreise der DDR-Delegation unterzeichnet werden sollte. Es gab dabei zahlreiche Streitpunkte, die überwunden werden mußten, damit beide Seiten sich bereit erklären konnten, dieses Kommuniqué zu unterzeichnen.

Die DDR-Forderungen, in diesem Kommuniqué die· Führungsrolle der Sowjet-Union zu feiern, die Landwirtschaft in beiden Ländern zu kollektivieren, mit harten Worten die Kirche zu schelten und einen Passus einzufügen, in dem davon die Rede sein sollte, daß Westdeutschland in den nächsten Monaten einen Überfall auf die DDR plane, wurden von den Polen abgelehnt. Die polnischen Mitglieder der Redaktionskommission verstanden sich nur dazu bereit, in das Kommuniqué zahlreiche Formulierungen über den Aufbau des Sozialismus in der DDR und über eine polnische Unterstützung für die Deutschland-Pläne der DDR (Konföderation beider deutscher Staaten) aufzunehmen.

Ulbricht aber konnte sich nicht von seinen Abgesandten, die er vorher nach Polen geschickt hatte, distanzieren und auf einen Generalangriff verzichten, selbst wenn die polnische Seite die ganze Zeit bestrebt war, auszuweichen ·und ihm keinen Anlaß zu einer öffentlichen Kritik zu geben. Meine Neugier, wie Ulbricht einen Ausweg aus dieser Situation finden würde, sollte bald gestillt werden.

Nach der Rückkehr beider Delegationen von der Rundreise durch Polen war zwischen den Regierungsgesprächen auch ein Besuch in der Glühlampenfabrik Rosa Luxemburg in Warschau vorgesehen. Dort wollte Ulbricht unbedingt mich als Dolmetscher haben. Er sagte mir das noch vor dem Besuch, obwohl eine Ansprache von ihm überhaupt nicht auf dem Programm stand.

Für die Gäste sollte der stellvertretende Ministerpräsident Max Sefrin sprechen. Polnischen Unterlagen zufolge war der Ost-CDU-Mann Sefrin ein ehemaliger Offizier der Luftwaffe. Da in Polen alle höheren Wehrmachtsdienstgrade bei deutschen Nachkriegsfunktionären und Staatsmännern als ein Beweis der nicht überwundenen nazistischen Vergangenheit bewertet wurden, nahm es sich sonderbar aus, daß Ulbricht gerade Sefrin zum Redner dieses Treffens bestimmt hatte.

Schon einen Tag vor dem Treffen stellte Ulbricht seinen Gastgebern die Frage, ob auch geplant sei, in diesem Betrieb Fragen an die Delegation richten zu lassen. Ulbricht sagte, er sei gern bereit, auf Fragen zu antworten. Am nächsten Tag wiederholte er die Frage einige Male. Es war offensichtlich, ·daß er außer den im Protokoll vorgesehenen Ansprachen den Belegschaftsmitgliedern dieses Betriebes etwas sagen wollte.

Als wir in dem Betrieb ankamen und von der Direktion, dem Parteikomitee der Betriebsgewerkschaftsleitung und dem Arbeiterrat im Klubraum empfangen wurden. wandte sich Ulbricht noch einmal an mich mit dem Ersuchen, dem Betriebsparteisekretär seine Frage zu übersetzen. Da die Leitung der Rosa-Luxemburg-Werke schon darauf vorbereitet worden war, daß man der DDR-Delegation Fragen zu stellen habe, antwortete der Parteisekretär, die Belegschaft werde höchstwahrscheinlich gewisse Fragen haben und es werde für alle Arbeiter sehr interessant sein, die Ausführungen der deutschen Genossen anzuhören.

Ulbricht war noch immer nicht zufrieden. Als wir am Präsidiumstisch des entsprechend hergerichteten Klubraumes Platz genommen hatten und nach einer kurzen Einleitung Sefrin eine Ansprache vorzulesen begann. sagte mir Ulbricht. ich solle ans Rednerpult gehen und Sefrin ausrichten, er möge die Versammelten auffordern, Fragen an die deutsche Delegation zu richten.

Ich hielt ihm flüsternd vor, daß es vielleicht etwas taktlos wirken könne, wenn ich jetzt zum Rednerpult ginge und den Redner unterbrechen würde. um ihm etwas ins Ohr zu flüstern. Ulbricht bestand aber darauf. Ich schritt ans Rednerpult und zupfte Sefrin am Ärmel. Er unterbrach seinen Satz in der Mitte. drehte sich verwundert zu mir um und hörte sich an, was ich ihm zu sagen hatte. Anstatt den Appell nach seiner Ansprache an die Belegschaftsmitglieder zu richten. befolgte er brav den Auftrag Ulbrichts und erklärte, noch bevor er seine Ansprache fortsetzte, die DDR-Delegation sei gerne bereit, auf Fragen zu antworten.

Nachdem Sefrin seine Rede beendet hatte, wurde ein Dutzend Fragen auf Zetteln ins Präsidium gereicht. Da alle Fragen natürlich in polnischer Sprache geschrieben waren, übersetzte ich sie Ulbricht. Er ging ans Rednerpult und nützte die Gelegenheit, um aus dem Stegreif eine etwa eineinhalbstündige Ansprache zu halten. Ich stand neben ihm und übersetzte Satz für Satz.

Niemand von der polnischen Seite hatte vorher verstanden, warum Ulbricht so sehr daran lag, in diesem Betrieb zu sprechen. Erst als man hörte, was er auf die im allgemeinen Ton gehaltenen Fragen zu antworten hatte, wurde klar, weiches Ziel er verfolgte.

Ulbricht war wie verändert. Ich hatte mich während der vorhergehenden Tage schon auf ihn eingespielt, und wir verstanden uns gut. Für mich war es sogar leichter, ihn aus dem Stegreif sprechend zu übersetzen als die im Parteichinesisch formulierten Sätze, deren er sich in anderen Fällen bediente. Hier sah ich Ulbricht zum erstenmal in dem durch Wolken von Zigarettenqualm verschleierten Raum als einen nicht mehr kühlen, langweilig seine Argumente vortragenden Funktionär. Hier war er ein lebhafter Agitator.

Ein Plus für Ulbricht war es, daß er bei diesem Anlaß angeblich keine Ansprache hielt, sondern nur Fragen beantwortete. Er brauchte also kein Manuskript, das er aus Höflichkeitsgründen vorher der polnischen Seite zur Einsicht hätte geben müssen. Ulbricht konnte nun frei weg sprechen, und er übte denn auch keinerlei Zurückhaltung.

Die Fragen waren farblos; sie bezogen sich darauf, wie in der DDR der Sozialismus aufgebaut werde, wie die DDR alle anderen Lebensgebiete entwickle und dergleichen mehr. Ulbricht war das egal. Nun kam sein unprotokollarischer Angriff auf die Haltung Polens zur Sowjet-Union, auf die neue Agrarpolitik Polens, auf die Freiheiten, die in Polen damals Kunst und Massenmedien eingeräumt wurden.

Ulbricht begann damit, daß ei Rosa Luxemburg als Vorkämpferin gegen Reformismus und Revisionismus pries. Diese Anspielung fand keinen Anklang, da sie von den meisten Anwesenden, die im theoretischen Marxismus nicht besonders bewandert waren, nicht begriffen wurde. Auch als Ulbricht dann mit einem kleinen Seitenhieb auf die Polen fortfuhr, Rosa Luxemburg, die ja polnischer Abstammung gewesen sei, habe nicht ganz die Rolle der Partei verstanden, und eine derartige Mißachtung der führenden Rolle der Partei müsse zu revisionistischen und antimarxistischen Fehlern führen, merkte man, daß die im Saal Anwesenden ihm nur mit halbem Ohr zuhörten.

Ulbeicht griff nun Bonn an, Adenauer, die Politik der Bundesrepublik und natürLich Polen. Auf die Frage, wie er die Bundesrepublik im wirtschaftlichen Wettkampf besiegen wolle. dozierte Ulbricht eifrig über die Volksarmee und über die bewaffneten Arbeiter. die nicht nur dem Schutz der eigenen Republik dienten.

Ulbricht. ein Meister in der Kunst. eine Frage zu ignorieren und mit etwas ganz anderem zu antworten, kritisierte mit aller Vehemenz Gomulka. natürlich ohne seinen Namen zu nennen.

Auf die Frage, wie sich Kultur und Kunst in der DDR entwickelten, antwortete Ulbricht sinngemäß: Nun, Genossen, auch wir hatten Schwierigkeiten mit unseren Kunstschaffenden. Aber es ist gar nicht so schwer, derartige Schwierigkeiten zu überwinden; man muß nur den richtigen Weg finden. Wenn die Künstler nicht mehr imstande waren, Werke zu schaffen. wie sie die Arbeiterklasse von ihnen erwartete, schickten wir diese Künstler ein paar Jahre in Betriebe, in ein Bergwerk, wo sie unten arbeiten konnten, in einen Hüttenbetrieb. damit sie dort, selbst arbeitend, in näheren Kontakt mit den werktätigen Menschen kamen. Ihr könnt euch kaum vorstellen, spottete Ulbricht, was für ein Wunder eine solche Erziehung bewirkt. Nach einer gewissen Zeit holen wir diese Künstler aus den Betrieben zurück, und sie schaffen hervorragende Werke, die vom Geist des sozialistischen Realismus durchdrungen sind.

Auch bei Antworten auf andere Fragen, so zum Beispiel über die Landwirtschaft in der DDR. kritisierte Ulbricht die neue Agrarpolitik Polens. Er lobte weitschweifig die Errungenschaften der Sowjet -Union auf diesem Gebiet, bezeichnete sie als eine allgemeingültige Regel für alle sozialistischen Länder und ließ sich dann über ile Kollektivierung der ostdeutschen Landwirtschaft aus.

Ist nun die kollektive Landwirtschaft der DDR rentabel oder nicht? fragte ein Belegschaftsmitglied. Ulbricht war um eine Antwort nicht verlegen »Für die Rentabilität muß jeder an seinem Arbeitsplatz selbst Sorge

* Bei seinem Besuch der Warschauer Rosa-Luxemburg-Werke, 1958; rechts neben Ulbricht: Dolmetscher Weit.

tragen, und so ist es sicherlich in Ihrem Betrieb auch, Genosse, rief er dem Arbeiter zu. »Was nun unsere Landwirtschaft anbelangt, ist es natürlich, daß bei der sozialistischen Umgestaltung des Dorfes ein gewisser vorübergebender Rückschlag erfolgen kann. Aber, Genossen, wenn man den Sozialismus aufbauen will, muß man sich das eben etwas kosten lassen.«

Am letzten Tag des Aufenthaltes wurde das gemeinsame Kommuniqué unterzeichnet. Damals ließ sich Ulbricht noch von den Polen überreden. die Erfolge der Volksrepublik China gleich nach den Erfolgen der Sowjetunion und vor den Erfolgen anderer sozialistischer Länder anzuerkennen. Es gab einen prunkvollen Empfang im polnischen Kulturpalast; es folgte ein weiterer Empfang im Repräsentationssitz des polnischen Ministerpräsidenten, dann kamen die Begleitung zum Bahnhof und zu guter Letzt die Abreise der DDR-Delegation nach Berlin.

Das war der Beginn der zwielichtigen Beziehungen zwischen Walter Ulbricht und Wladyslaw Gomulka. Einige Tage nach diesem Besuch sollte ein neues Gipfeltreffen in Polen stattfinden, und zwar aus Anlaß des 40. Jahrestages der Gründung der polnischen KP.

Die Führer dreier Länder. aus der Sowjet -Union Chruschtschow, aus der Tschechoslowakei der Erste Sekretär des Zentralkomitees und aus der DDR Ulbricht. sollten nach Warschau kommen. Da Ulbricht wahrscheinlich an einem derartigen Vierertreffen nicht besonders gelegen war, torpedierte er diese Zusammenkunft. Er redete sich mit einigen Worten über Pflichten und Termine heraus und erklärte, er persönlich könne unmöglich an der Spitze der DDR-Delegation zu diesen Feierlichkeiten erscheinen.

Da nach dem ungeschriebenen Protokoll bei kommunistischen Zusammenkünften die jeweiligen Delegationen von gleichgestellten Persönlichkeiten geleitet werden müssen, sah sich Chruschtschow gezwungen, auch seine vorher angekündigte Reise nach Polen abzusagen und an seiner Stelle Anastas Mikojan zu schicken. Für die DDR kam eine von Erich Honecker geleitete Delegation.

Doch das Mißtrauen zwischen Ulbricht und Gomulka wucherte weiter. Das sollte sich vor allem bei einem neuen Polen-Besuch Ulbrichts zeigen, der mir unvergeßlich bleibt. Es war im Herbst 1963, als sich wieder einmal eine Partei- und Staatsdelegation der DDR in Polen aufhielt. Abermals verhandelten die deutschen und polnischen Genossen auf höchster Ebene.

Bei diesen Besprechungen wurden nur solche Probleme behandelt, die von den Politbüros der SED und der polnischen KP vorher sorgfältig ausgewählt worden waren. Ich wußte aus den Konferenzen, in denen die Verhandlungen mit der DDR-Delegation vorbereitet worden waren, wie wichtig für die polnische Partei- und Staatsführung ein Problem war, das der Zweite Weltkrieg hinterlassen hatte: die Frage der deutschen Minderheit in Polen.

Gomulka hat seit dem Ende des Krieges beharrlich einen homogenen polnischen Staat ohne Minderheiten angestrebt; er war der Meinung, nur so könne Polen innerlich stark und widerstandsfähig gemacht werden. Dementsprechend wurde der polnischen Bevölkerung unaufhörlich die These eingehämmert, Polen sei 1939 nicht zuletzt deshalb so schnell ein Opfer Hitlers geworden, weil das Land durch die Spannungen zwischen den vielen nichtpolnischen Minderheiten in seiner Verteidigungskraft geschwächt war.

Daher war Gomulka bemüht, die »völkisch fremden Hauptgruppen«. wie er sich ausdrückte, aus Polen herauszubringen. Das waren Deutsche, Juden und Ukrainer.

Die jüdische Minderheit war durch Hitlers »Endlösung« derartig dezimiert, daß die Juden für Polen kein nationales Problem mehr darstellten. Die Ukrainer, die vor dem Krieg in den ostpolnischen Gebieten ansässig gewesen waren, gerieten durch die Verschiebung der polnisch-sowjetischen Grenze nach Westen in ihrer überwiegenden Mehrheit unter die Herrschaft des Kreml.

Das Problem der deutschen Minderheit war komplizierter. Viele Deutsche waren während des Krieges, als die Front immer näher rückte, nach Westen geflüchtet; ein weiterer Teil wurde in den ersten Nachkriegsjahren ausgesiedelt; ein zahlenmäßig ziemlich großer Rest dieser Minderheit blieb jedoch in den Gebieten östlich der Oder/Neiße und im Norden der Volksrepublik Polen. Die Volksdeutschen, also jene Menschen, die vor dem Krieg die polnische Staatsbürgerschaft besessen, sich aber während des Krieges zu Deutschland bekannt hatten, wurden nach dem Ende der Kampfhandlungen verfolgt.

Gomulka sah die Volksdeutschen in den ersten Nachkriegsjahren nicht unter nationalen, sondern ausschließlich unter politischen Gesichtspunkten. Er propagierte die These: Volksdeutscher gleich Nazi-Kollaborateur. Der größte Teil dieser Gruppe wurde -In Zwangsarbeitslager eingewiesen. Doch es gab auch Volksdeutsche, die in Ruhe gelassen wurden.; sie konnten ihren Wohnsitz beibehalten, sie fanden Arbeitsplätze, manche machten Im Laufe der Jahre sogar Karriere und bekleideten hohe Staats- und Parteiämter -- sogar im Zentralkomitee der polnischen KP.

Ein akutes Nationalitätenproblem bildeten jedoch nach Meinung Gomulkas die ehemaligen Reichsdeutschen, die nicht geflohen und In den ersten Jahren nicht ausgesiedelt worden waren, jetzt also innerhalb der Grenzen des neuen polnischen Staates lebten.

1963 hielt Gomulka die Zeit für gekommen, diese Volksgruppe, die im allgemeinen mit dem Zwangsaufenthalt in Volkspolen unzufrieden war und zahlreiche familiäre Bindungen zu Menschen in der DDR und der Bundesrepublik hatte, auszusiedeln. Dieses Problem war für ihn so wichtig, daß er es auf die Tagesordnung der Partei- und Regierungsgespräche mit der DDR-Delegation setzte.

Während der Verhandlungen schnitt Gomulka dieses Thema an. Er wandte sich an Ulbricht, schilderte kurz die Konzeption seiner Nationalitätenpolitik und erklärte dann, er wolle die Lösung dieses Problems, also die Umsiedlung der Volksgruppe, gern mit der deutschen Seite erörtern,

Doch kaum hatte ich Gomulkas Worte übersetzt, da gab ihm Ulbricht die Antwort: »Meinetwegen sperrt sie ein!« Ulbrichts kalte Antwort konsternierte die Polen. Was sollte der Ratschlag »bedeuten, die deutsche Volksgruppe einzusperren? Knüpfte Ulbricht hier an das an, was -die Polen während der ersten Nachkriegsjahre praktiziert hatten?

Die Haltung Ulbrichts widersprach den offenkundigen Interessen der DDR. Sowohl im Herbst 1962, als Gomulka Ost-Berlin besuchte, als auch jetzt wieder hatte Ulbricht der polnischen Führung erläutert, vor dem Bau der Mauer sei »die Wirtschaft »der DDR durch »Abwerbung und Menschenraub« uni rund 30 Milliarden Mark geschädigt worden. Die Einbürgerung der noch in Polen lebenden Deutschen, von denen viele qualifizierte Facharbeiter und Spezialisten waren, hätte doch Im wohlerwogenen ökonomischen Interesse der Deutschen Demokratischen Republik liegen müssen.

Nach dem Ende der Vormittagssitzung verließ die Delegation aus Ost-Berlin das Ministerratsgebäude zu internen Beratungen. In einer Stunde wollten sich Polen und Deutsche zum Mittagessen wieder treffen.

Ulbricht und seine Begleiter waren kaum aus dem Sitzungssaal gegangen, als sich-die Gastgeber über Ulbrichts Worte zu unterhalten begannen und das ungeachtet der Tatsache, daß sich die Experten, die Protokollanten und auch die Dolmetscher noch im Saal aufhielten. Der einzige, der keinerlei Unmut bekundete, war der damalige polnische Staatspräsident Aleksander Zawadzki.

In der polinischen Delegation herrschte die Meinung vor, Ulbricht habe Gomulka eine Falle stellen wollen. Der polnische Parteisekretär -- auch er wirkte ziemlich erregt -meinte schließlich: »Da kann man nichts machen. Wir behalten die Leute eben hier und können nur in besonders harten Einzelfällen die Ausreisegenehmigung erteilen. Lösen aber können wir das Problem nicht.«

In den nächsten Tagen kam ich mit einem DDR-Funktionär ins Gespräch, der zu erkennen gab, daß er die Innenpolitik der DDR-Führung mit einer gewissen Skepsis betrachtete. Er war, so schien es mir,- von der Persönlichkeit Gomulkas »beeindruckt und bewunderte -dessen Liberalisierungsprogramm. Er erzählte mir, Ulbricht sei von einer tiefen persönlichen Abneigung gegenüber »Gomulka erfülLt; die Wurzeln dieser Antipathie lägen in einer Rede, die der polnische KP-Chef im Oktober 1956 gehalten hatte. Ulbricht habe sich damals persönlich diffamiert gefühlt und könne das nicht vergessen.

Von einem persönlichen Angriff Gomulkas auf Ulbricht war mir nichts bekannt. Ich wußte, daß beide Parteien und Regierungen 1958 übereingekommen waren, Gegensätze keineswegs in die Öffentlichkeit zu tragen. Die Massenmedien beider Länder sollten nur »positiv« berichten. Gomulka sagte damals ironisch zu Ulbricht: »Wir haben uns sogar noch vor dieser Vereinbarung strikt daran gehalten; abgesehen von einzelnen kleinen Fehltritten einiger Journalisten, die wir sofort unterbunden haben, gab es bei uns keinerlei Angriffe gegen die DDR.«

Gomulka hatte recht. Ich war zwar zuweilen Zeuge von ziemlich stürmischen Meinungsverschiedenheiten zwischen Gomulka und Ulbricht gewesen, hatte aber nie erlebt, daß der polnische KP-Chef Ulbricht öffentlich angegriffen hatte. ml Gegenteil: Gomulka stellte den Staatsratsvorsitzenden der DDR stets als erprobten und treuen Freund des polnischen Volkes dar.

Nach der Unterhaltung mit dem DDR-Funktionär las ich in »meiner Bibliothek noch einmal den Text der Rede Gomulkas vom Oktober 1958 nach, uni herauszufinden, was mein Gesprächspartner aus Ost-Berlin wohl gemeint haben konnte. Ich brauchte nicht lange zu suchen. Auf dem VIII. Plenum der Vereinigten Polnischen Arbeiterpartei hatte Gomulka, soeben wieder an die Macht gekommen, über die Fehler und Entstehungen während der Stalin-Zeit gesprochen, sich jedoch nicht auf »die Darstellung polnischer Fehlentwicklungen beschränkt.

Gomulka erklärte damals: »Das Wesen des Systems des Personenkults beruhte darauf, daß eine hierarchische Leiter von Kulten geschaffen wurde. Jeder solche Kult umfaßte ein bestimmtes Gebiet, auf welchem er funktionierte. Im Block der sozialistischen Staaten stand an der Spitze dieser hierarchischen Kultleiter Stalin. Vor ihm neigten ihre Köpfe alle, die sich auf niedrigeren Stufen der Leiter befanden.« Und dann kam die entscheidende Stelle:

Ihre Köpfe neigten nicht nur andere Führer der KPdSU und Führer der Sowjet-Union, sondern auch die Führer der kommunistischen und Arbeiter-Parteien der Länder des sozialistischen Lagers. Sie, die Ersten Sekretäre des Zentralkomitees der Parteien der einzelnen Länder, saften auf der zweiten Stufe der Leiter des Personenkults. Sie legten sich das Kleid der Fehlerfreiheit und Klugheit an. Der Träger des Personenkults kannte sich in allem aus, wußte alles, entschied alles, leitete und legte auf seinem Tätigkeitsgebiet alles lost. Er war der klügste Mensch, unabhängig davon, was für Fähigkeiten und was für persönliche Qualifikationen er besaß. Halb so schlimm, wenn in die Toga des Kults ein vernünftiger und bescheidener Mensch gekleidet wurde. Schlimmer, ja sogar ganz schlecht gingen die Sachen voran, wenn die Ehre der Machtausübung ein beschränkter Mensch, ein sturer Ausführer von Aufgaben oder ein verfaulter Karrieremacher an sich raffte. Diese Leute gruben dem Sozialismus ein Grab. gedankenlos und präzise zugleich.

Das, waren die Sätze, die Ulbricht dem Ketzer Gomulka nicht verzeihen konnte. Der polnische KP-Chef sprach in dieser Rede ausdrücklich von den Ersten Sekretären der kommunistischen Parteien der Ostblock-Länder. Auf einige konnte das nicht gemünzt sein, da durch den Tod der betreffenden Spitzenfunktionäre die Macht in andere Hände übergegangen war, so zum Beispiel in der Tschechoslowakei. In anderen sozialistischen Ländern wie Ungarn und Bulgarien waren die Ersten Sekretäre auf Betreiben der Kreml-Führung abgesetzt worden. Übrig blieben von den Ländern des Ostblocks nur Albanien und die DDR. Obwohl Gomulka den Namen Ulbricht in seiner Rede nicht erwähnt hatte, war jedem Leser der Ansprache klar, wer gemeint war: Walter Ulbricht.

Doch zurück zu den Verhandlungen zwischen Ulbricht und Gomulka im September 1963. Der SED-Chef hatte die Weichen für das Schicksal der noch in Polen lebenden Deutschen für lange Zelt gestellt. Natürlich ließen sich Gomulka und die polnische Parteiführung von Ulbricht nicht In die Falle locken. Die deutsche Minderheit in Polen wurde nicht eingesperrt.

IM NÄCHSTEN HEFT

Ulbricht unterstützt eine innerpolnische Fronde gegen Gomulka -- Der Staatssicherheitsdienst der DDR bespitzelt polnische Parteiführer In Ost-Berlin -- Das »Neue Deutschland« fälscht Gomulkas Reden

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