Osterbotschaft
(Nr. 16 1973, SPIEGEL-Titel über Impotenz)
Die Behauptung. bei bärtigen Pfeifenrauchern liege der Verdacht der Impotenz nahe, ist falsch. Richtig ist dagegen: 1. Ich trage einen Bart, weil ich zu faul bin, mich jeden Morgen zu rasieren. 2. Ich rauche Pfeife, weil ich Pfeifenrauchen für gesünder halte als Zigarettenrauchen. 3. Ich bin trotzdem nicht impotent! Ich hoffe, daß ich damit dem von potenten SPIEGEL-Lesern in Bahn und Bus mir entgegengebrachten mitleidigen Lächeln entschieden entgegengewirkt habe!
Köln WOLFGANG RIEGER
Blonde Kindfrau gewählt, Bart abrasiert, Pfeife zerschmettert, Sportwagen verkauft dennoch impotent ... was nun?
Karlsruhe HEINZ RINDFLEISCH
Gemäß seinem (unheiligen) Geist feiert auch der SPIEGEL in der Osterwoche eine Auferstehung -- die des Penis! Ob er wohl damit seinen Gläubigen einen zeitgemäßen Gegenkult zum christlichen Ostermysterium bieten möchte?
Hahnbach (Bayern) MANFRED LOTTERSCHMID
Es ist einfach unfair, wie Sie bei jeder sich bietenden Gelegenheit »die Kirche« der Leibfeindlichkeit zeihen. Die Evangelischen jedenfalls haben schon 1966 durch einen -- damals freilich nicht unumstrittenen -- Frankfurter Erntedankgottesdienst mit der »Pille auf dem Altar« demonstrativ zu verstehen gegeben, daß sie nicht gewillt sind, sieh fürderhin den Sexual-Schreibern als Hort klerikaler Vaginamuffelei zu prostituieren. Allein die inzwischen in die Millionen gehenden Investitionen des westdeutschen Protestantismus für fachpsychologisch (!) betreute Eheberatung -- um nur sie zu nennen -- sollten es auch Ihnen erleichten, Ihr kirchliches Sexual-Klischee-Köfferchen gelegentlich zu entrümpeln. Merke: Auch Fromme phallen leicht!
Dalheim (Hessen) WILHELM REINMUTH
Pfarrer
Als alt-katholischer Priester wehre ich mich entschieden gegen die Behauptung. die christlichen Kirchen und ihre Heilslehren schlechthin würden Neurosen hervorrufen. Es gibt auch Kirchen (und in vielen Kirchen besser ausgebildete Theologen), die eine gesunde Einstellung zur Sexualität haben. Als nebenberuflicher Psychotherapeut in der Eheberatung kenne ich freilich auch zahlreiche Fälle von kirchlich verschuldeten (ekklesiogenen) Neurosen durch eine manichäisch verkrüppelte Einstellung zum Geschlechtlichen. Verallgemeinerungen aber stehen einem analytisch denkenden Menschen schlecht an. In letzter Zeit begegnet mir in der Praxis immer häufiger eine gerade durch größere Freizügigkeit geförderte neurotische Störung: Studentinnen, die in Kommunen leben, empfinden den Mangel an intimen Schlafstätten als so störend, daß sie mit Libido-Störungen antworten. Auch bei häufigem Partnerwechsel verweigern Mädchen den Orgasmus.
Rosenheim (Bayern) WYNFRITH NOLL Pfarrer Psychotherapeut
Besondere Freude bereitete mir an der Titelgeschichte die Idee des Bukarester Chirurgen, impotenten Männern eine Kunststoffprothese in den Penis einzupflanzen. Die amerikanische (oder englische?) Weiterentwicklung dieser Idee (Gelenk) gibt zweifellos einigen Stoff für kuriose Visionen her.
Hattingen (Nrdrh.-Westf.) HANNES SCHIFFER
Die zitierte Behauptung eines amerikanischen Psychiaters mit Namen Fritz Freyhan: »Der Ansatz des Wiener Altmeisters (Freud) sei klinisch und theoretisch naiv ... In Wirklichkeit seien eben nicht allein die Genitalien die wahren Sexualorgane. Auch Mund-, Anus- oder Brust-Lust gehören zum normalen lebenslangen Sex-Verhalten«. erscheint mir überflüssig, denn Freud hatte selbiges nie bestritten. Ich sehe darin den Versuch der repressiven Psychiatrie, die psychoanalytischen Erkenntnisse zu entwürdigen. Weiter lautet in dem Artikel, die Psychoanalyse sei nur wohlhabenden Privatpatienten erschwinglich. Obgleich dies leider zutrifft, kann daraus jedoch der psychoanalytischen Wissenschaft kein Vorwurf gemacht werden, eher der Bundesregierung, die sie den psychisch Erkrankten vorenthält. indem sie nicht neue Reformen in der Krankenfür- und -vorsorge erläßt.
Lübeck HELMUT H. W. ZANDER
Mit Recht wird in dem Artikel betont, daß Impotenz nicht gleichbedeutend ist mit Mangel an männlichen Sexualhormonen (Androgen). Die sexuellen Impulse haben ihren Ursprung in den höher gelegenen Zentren des Zwischenhirns (1-Typothalamus) und der Hypophyse. Von diesen sehr komplizierten Zentren werden sie weitergeleitet an die tiefer liegenden Gebiete im unteren Rückenmark und zu den Keimdrüsen. Es kommt darauf an, die im Hypothalamus und der Hypophyse liegenden Zentren zu aktivieren. Wo dies möglich ist, steigen die Erfolgsquoten wesentlich an. Da es leider weder von der Hypophyse noch vom Hypothalamus wirksame Hormone in Form von Pillen, Extrakten oder Injektionen gibt, kann man nur durch Direkt-Übertragung trischer Tierzellen dieser Zentren vorn Stier oder Stierkalb diese primären Sexual-Impuls-Zentren aktivieren. Auf die dabei zustande kommenden guten Erfolge hat Professor Niehans, der Erfinder der Frischzellen-Therapie, schon vor mehr als 25 Jahren hingewiesen.
Singen (Bad.-württ) DR. MED. J. BABILLOTTE
Facharzt für innere Krankheiten
Leider ist Mr. Freyhans Arbeitsweise -- statt eines besseren Lösungsversuches einfach gar keinen mehr anzubieten -- zumindest unter Psychologen nicht neu. Wenn aber Seelenforscher auch heute noch dem Menschen mit der »er ist einfach so«-Formel zu Leibe rücken und die Psychoanalyse laienhaft mißverstehen, drängt sich die Annahme auf, daß sie letztere nur vom Hörensagen kennen. Noch tragischer als diese Tatsache an sich ist aber ihre Häufigkeit, und nur das berechtigt Protest gegen die Freyhansche Meinung, die ja nur Freuds Satz bestätigt, nach dem scheinbar immer noch »alle ... psychologischen Probleme von Personen abgeurteilt werden, die sich von all den hierfür entscheidenden Beobachtungen und Erfahrungen ferngehalten haben«.
Sucúa/Ecuador dor HARALD ROTHERMEL
Es ist sicherlich richtig, daß heute ein Großteil von Männern an Potenzstörungen laboriert. Aber liegt der Ursprung dieser Störungen nun wirklich ausschließlich im Bereich einer Sexualität, die ihren Weg durch eine repressive Pädagogik gemacht hat und daher gehemmt wurde? Ist dem Impotenten dadurch geholfen, daß man ihn einer »Sexualtherapie« -- nämlich nur der Befriedigung körperlicher Bedürfnisse -- unterwirft?
Wuppertal DIRK MICHAEL WIESMANN
Nur wenn es die Frauen verstehen, die ihnen durch die Emanzipation gegebenen Möglichkeiten unauffällig und mit feinem Gespür für das sexuell Mögliche zu nutzen, werden sie ihrem Ziel näher kommen. Ein weiteres Handikap für ihre Zielerreichung ist ihre Unfähigkeit zur sauberen Trennung von Liebe und Sex, was in ihrer angeborenen Unlogik begründet sein mag. In der Überwindung dieser Schwierigkeiten sehe ich die Frauen überfordert. Es wird also in der Zukunft von den Männern noch mehr Sorgfalt bei der Partnerwahl aufgewendet werden müssen, um nicht unversehens »im« statt »in« zu sein.
Pöcking (Bayern) ANDREAS MEIER
Es ist bezeichnend für die tiefgreifende Tabuisierung der weiblichen Sexualität -- die sich selbstverständlich auch im SPIEGEL spiegelt -, daß die zehn Seifert starke Impotenz-Story nur mit genau 16 Zeilen auf den Kern der weiblichen Sexualität zu sprechen kommt -- und auch da um das Wesentliche herumredet. Freuds Postulat hat »seither Millionen von Frauen irritiert« -- richtig. Aber warum? Weil sie sich auf die verkrampfte Suche nach dem vaginalen Orgasmus gemacht haben! Kinsey: »Der vaginale Orgasmus existiert nicht« -- was bisher (manchmal) dafür gehalten wurde, ist der klitorale. Sein Empfindungsbereich beschränkt sich allerdings nicht auf die Klitoris, sondern erstreckt sich über den gesamten klitoralen Bereich bis zum Scheidenring. Konsequenz: Die Herren der Schöpfung können sich in Zukunft das Penismessen und -trainieren sparen. Im Zuge der Befreiung der Sexualität aus ihrem genitalen Getto muß der Phallus sein Vedettariat** abgeben und sich in Zukunft mit einer Nebenrolle begnügen. Gute Kunde auch für Männer mit Potenzschwierigkeiten -- denke ich.
Paris ALICE SCHWARZER
Glückwunsch zum Avancement als jüngste Sexpostille. Das meiste ist auch danach: vom (auflagefördernden) Titelblatt bis zur Darstellung zweifelhafter »Erkenntnisse« und Behandlungsmethoden als barer, fortschrittsgläubiger Münze. »Alles was die Amerikaner machen, machen wir auch« -- natürlich! -- auch allen Unsinn. Vergessen haben Sie die, die tatsächlich leiden, Sex-Therapeuten aber meiden. Zerstörte Tabus schaffen andere Probleme, jedoch ewige Illusion der Jugend -- keine leichteren.
Davos (Schweiz)
DR. SCHLANGE-SCHÖNINGEN
* Autorin von: »Frauen gegen den § 218«. edition suhrkamp 546, Frankfurt, 1971.
** Von Vedette: vorgeschobener Reiterposten.