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Briefe

Osthändler an die Front
• aus DER SPIEGEL 30/1981
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Osthändler an die Front

(Nr. 26-28/1981, Nato-Doppelbeschluß)

Hat Helmut Schmidt wirklich so wenig des von uns Deutschen ausgelösten Elends in Rußland gesehen? Fällt es ihm deshalb so schwer, die nur zu verständliche russische Allergie gegen Angegriffenwerden, gegen Umzingeltsein zu verstehen?

Ich hatte als damals Achtzehnjähriger Gelegenheit, Alte, Elende, Kranke in Rußland zu sehen und habe einige photographiert. Auch den kleinen Russen, der für einige Almosen die Stiefel der Eindringlinge putzt, um nicht zu verhungern. Falls er überlebt hat, wird er es je vergessen? Wie lange will man in Deutschland fortfahren, 20 Millionen toter russischer Menschen erfolgreich zu verdrängen? Fällt es leichter, weil es sich um Kommunisten handelte?

Mir gefällt das mit Afghanistan auch nicht. Aber auch das mit Chile, Vietnam und El Salvador gefiel mir nicht.

Ich bin kein Kommunist, nur ein völlig normaler, völlig verunsicherter SPD-Wähler. Und ich bin einer, der New York liebt. Und einer, der sicher ist, daß Herr Schmidt auf dem falschen Weg ist.

Diesmal totsicher.

Hamburg HERBERT TOBIAS

Als zum Unglück für die ganze Welt die Kriegsallianz zwischen Amerikanern und Russen zerbrach und die Frage der deutschen Wiederaufrüstung und unsere Einverleibung in das westliche Bündnis aufkam, brachte Kurt Schumacher den Standpunkt der SPD auf eine einprägsame Kurzformel: »Gleiche Opfer, gleiches Risiko, gleiche Chancen.«

Würden die Nachrüstungspolitiker in der SPD die Politik Schmidts daran messen, dann müßte ihnen klar sein, daß sie inzwischen vom Pferd über den Esel auf den Hund gekommen sind.

Merke: Schumacher war kein »Handlanger des Kremls«.

Hof (Bayern) ARNO BEHRISCH

Die durch die Entwicklung von Zielgenauigkeit und Ortungssystemen für beide Supermächte realistisch werdende Möglichkeit eines nuklearen Angriffskrieges erfordert eine noch wesentlich stärkere Friedensbewegung. Sie wird in Westdeutschland jedoch nur wirklich politisches Gewicht erlangen, wenn sie zweierlei leistet:

Sie muß sich emanzipieren von der hinter Aufrufen wie dem Krefelder Appell immer noch stehenden ideologischen Vorherrschaft der DKP, die zu Unrecht an die Bewegung der 50er Jahre S.8 anknüpft. Große Bedeutung hat daher die Initiative der international arbeitenden »Russell Peace Foundation«, die sich, anders als der durchaus einseitige Krefelder Appell gegen Pershing wie SS-20, gegen Nato wie Warschauer Pakt wendet und gesamteuropäische Solidarität und Menschenrechte fordert.

Sie muß sich ferner über den traditionellen dogmatisch-gewaltfreien Pazifismus hinaus weiten, muß die Sorge vor der tatsächlich vorhandenen Aggressivität der SU ernst nehmen und die ganze Breite der Alternativen zum amerikanischen »Atomschild« diskutieren -- von den Gedanken Afheldts zu technischen Kampfgruppen bis hin S.9 zu den Vorstellungen über »Volksmiliz« und Schweizer, österreichischen und jugoslawischen Konzepten und Erfahrungen.

Texas PROF. DR. JENS SCHEER z. Z.: Texas A & M University

Der von unserer Bundesdelegiertenkonferenz der Deutschen Jungdemokraten im März dieses Jahres beschlossene Schwerpunkt »Frieden -- Entspannung -- Abrüstung« hat zu einer Vielzahl von Aktivitäten geführt:

Als Mitinitiatoren des Krefelder Appells sammeln wir verstärkt Unterschriften gegen den Nato-Aufrüstungsbeschluß, organisieren/beteiligen uns an einer Vielzahl von Diskussionsveranstaltungen und Friedenswochen und haben mit unserer Unterschriftensammlung gegen die »Nachrüstung« -schwerpunktmäßig bei Funktionärsträgern S.10 der FDP (und zwar im gesamten Bundesgebiet, nicht nur in Nordrhein-Westfalen, wie Sie schreiben) -- eine stärkere Resonanz als je zuvor.

Auch beim FDP-Bundesparteitag Ende Mai gelang es, trotz des massiven Eingriffs der Parteispitze, 25 Prozent der Delegierten hinter einen Antrag zu bringen, der die »Nachrüstung« strikt ablehnt, und fast 40 Prozent wandten sich gegen eine Stationierung atomarer Mittelstreckenraketen auf dem Boden der Bundesrepublik.

Damit sind die politischen Ziele der neuen Friedensbewegung bei einer relevanten Minderheit der FDP fest verankert -- und die Diskussion hat überhaupt erst begonnen!

Bonn WERNER LUTZ Bundesvorsitzender Deutsche Jungdemokraten

Nur allzu recht hat Günter Gaus mit seiner Feststellung, daß das oberste Ziel der Politiker und Militärs bleiben muß, jeden Krieg auszuschließen. Das wollen aus meiner Sicht auch die Amerikaner.

Abgesehen davon, daß ich mir keinen amerikanischen Präsidenten vorstellen kann, der der atomaren Vernichtung von 300 000 Amerikanern auf deutschem Boden tatenlos zusehen würde, möchte ich an Präsident John F. Kennedy erinnern, der 1961 bereit war, zur Verteidigung West-Berlins das Äußerste zu riskieren.

Bei aller Kritik an der Reaganschen Rüstungspolitik und mancher Aspekte seiner Politik gegenüber der Sowjet-Union haben es die Vereinigten Staaten nicht verdient, mit der Sowjet-Union gleichgesetzt zu werden.

Übrigens kenne ich einige amerikanische Militärs, die ebensowenig »Raketenzähler« sind wie Ex-Diplomat Günter Gaus ein »Cocktailschwenker«. Im Verhältnis zu den USA halte ich jedenfalls die von Rudolf Augstein empfohlene Methode, Sand ins Getriebe zu streuen, für wenig tauglich.

Was tun wir Deutschen eigentlich, falls sich im Zuge der sich in Deutschland rapide ausbreitenden anti-amerikanischen Stimmung eines Tages der amerikanische Präsident fragt, ob sich die Existenz West-Berlins auch ohne die Präsenz amerikanischer Soldaten in der Halbstadt gestalten ließe?

Leute, laßt die Nato im Dorf, bisher hat sie ganz gut funktioniert, um den Frieden zu sichern.

Washington LOTHAR LOEWE ARD-Büro Washington

Fast ist man schon versucht zu fragen: Wie viele Atomköpfe hat eigentlich Lech Walesa? Nach Meinung vieler Militärs und Politiker hier im Westen sind Raketenspargel wohl das einzige Kraut, das gegen sowjetische Ausdehnungsgelüste gewachsen ist. Wer kann im Ernst glauben, daß die Sowjet-Union ganz Westeuropa schlucken kann, ohne daß die reine Lehre des Kommunismus Schaden an ihrer -zugegeben: robusten -- Seele nähme?

Der strategische Kernwaffenschirm der USA sorgt für das Gleichgewicht, das den großen Krieg verhindert. Gegen »Erpreßbarkeit« braucht Westeuropa keine Raketen. Denn erpreßbar werden wir erst, wenn wir an die Stärke unserer demokratischen Ideen nicht mehr glauben.

Und dem Kleingläubigen ..., dem helfen selbst Marschflugkörper nicht.

Kopenhagen REINHOLD DEY Buchautor: »Finnland heute«

Der von Wilhelm Bittorf zitierte anonyme SPD-Bundestagsabgeordnete, »der früher als ein Exponent des linken Flügels galt«, ist offenbar ein Abschreckungs-Gläubiger geworden. Aber wieviel »Logik« besitzt einer, der nach dem Motto: Nicht sein kann, was nicht sein darf ("ohne das Vertrauen auf die Amerikaner ist das westliche Bündnis erledigt") so vertrauensselig ist, daß er den USA zutraut, den Westeuropäern zuliebe Selbstmord zu begehen, die zuvor an den 572 »Nachrüstungs«-Blitzanziehern verstorben sind?

Ohne Abschreckungs-Scheuklappen erkennt man eine ganz andere Realität: Für die USA sind Westeuropa und Japan gefährliche Wirtschaftsgegner, deren Verschwinden im amerikanischen Interesse läge! Während Japan nüchtern regiert wird und mit »Nachrüstung« nichts im Sinn hat, bereitet Westeuropa mit der Aufnahme der 572 Blitzanzieher sein Verschwinden vor.

Für die Sowjets dagegen ist Westeuropa bisher ein geschätzter Entspannungs- und Wirtschaftspartner gewesen, dessen Vernichtung nicht in ihrem Interesse läge. Das kann sich durch die »Nachrüstung« jedoch ändern.

Westeuropas Überlebensinteresse gebietet daher: Keine »Nachrüstung«, sondern weiter Entspannungspolitik und Osthandel, um das sowjetische Interesse an unserer Existenz zu festigen!

Osthändler an die Front!

Hamburg HELMUT WOLFGANG KAHN Buchautor: »Die Russen kommen nicht. Fehlleistungen unserer Sicherheitspolitik«

Schulaufgaben

Wir stimmen der Stationierung nuklearer Mittelstreckenraketen auch in der Bundesrepublik Deutschland zu.

Das Kräfteverhältnis der Warschauer-Pakt-Staaten gegenüber der Nato hat einen gewaltigen Vorsprung.

Wir glauben fest, daß es zum Frieden beiträgt, denn jeder hat Angst vor dem anderen.

Wir sollten weiter aufrüsten, um die Angst des Warschauer Paktes zu vergrößern, und um ihnen immer mehr unsere Überlegenheit zu demonstrieren. Die Russen, die ihre Raketen auf westliche Ziele gerichtet haben, würden nach der Stationierung neuer Raketen in der Bundesrepublik wahrscheinlich umdisponieren.

Außerdem bringt es den Glauben der Amerikaner an die Bundesrepublik Deutschland als zuverlässigsten und wichtigsten Verbündeten ins Wanken, wenn der Nato-Doppelbeschluß nicht verwirklicht wird.

Wir sehen die geplante Stationierung der amerikanischen Raketen in Westeuropa weitaus nicht so schlimm, wir sehen sie nicht als weitere Kriegsgefahr beziehungsweise als Verschlechterung der Friedensverhältnisse.

Wenn unsere Abschreckungsstrategie noch Früchte tragen soll, müssen wir daher mit einer Aufstellung der US-Raketen einverstanden sein.

»ürnberg ROLAND EDER und elf weitere Schüler Wir sind Schüler an » » einer Berufsschule (Elektrohandwerk), und wir haben im » » Unterricht über den Artikel diskutiert. Außerdem schreiben » » wir als Schulaufgabe einen Leserbrief zu Ihrem Bericht. »

Bravo, Herr Gaus! Endlich jemand, der den ganzen Wust aus Aufrüstung, S.9 Abrüstung, Reagan, Pershings und den »drohenden Atomtod durch ein allmächtiges, großrussisches Reich« auf einen natürlichen und humanen Nenner bringt.

Wir sind gegen die geplante Stationierung der amerikanischen nuklearen Raketen in der Bundesrepublik und auch in Westeuropa. Was erreicht man denn letztendlich damit?

Die Russen werden sich noch mehr bedroht fühlen. Zwangsläufig werden sie noch mehr aufrüsten. Ost und West haben doch wirklich jetzt bereits so viele Atomsprengköpfe, um sich gegenseitig mehr als einmal total zu vernichten.

Die Bundesrepublik Deutschland wird zu einem Pulverfaß. Ein Krieg zwischen den Supermächten wird dann höchstwahrscheinlich noch auf deutschem Boden ausgetragen. Ganz Westeuropa wäre dann vernichtet.

Da stellt sich uns die wichtige Frage: Welchen Nutzen hätte eigentlich der Warschauer Pakt an einer nuklearen Verseuchung beziehungsweise totalen Zerstörung Westeuropas? Er benötigt doch die Wirtschaftskraft des Westens, um seine Menschen zu ernähren!

Wenn wir noch daran denken, daß man in den letzten Jahren rund 20mal soviel Geld für Aufrüstung und Erhaltung von Militärausrüstungen ausgegeben hat wie für internationale Entwicklungshilfe, fragen wir uns ernsthaft, wie tief die Menschheit beziehungsweise die entsprechenden Politiker noch sinken können.

Wollen wir wirklich zum Prügelknaben und zum Waffenlager der USA werden? In den beiden Weltkriegen ist doch wahrhaftig genug Blut geflossen! Wir sind überzeugt, Frieden darf nicht durch Rüstung und Waffen erhalten werden, sondern duch gegenseitiges Verständnis und die Bereitschaft, miteinander zu verhandeln.

Nürnberg JÜRGEN GEISSELBRECHT und 35 weitere Schüler

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