OSTZONE - REPRESSALIEN
(Nr. 23/52, Deutschland)
Als geistig und politisch interessierte Menschen - ohne jedoch parteilich gebunden zu sein - lesen meine Kollegen und ich trotz oder vielleicht auch gerade wegen unserer Berufstätigkeit als Bauhilfsarbeiter nun schon seit einem Jahr regelmäßig den SPIEGEL und sind immer wieder dankbar für die mannigfaltige Art, mit der die Zusammenhänge der deutschen Innen- und Außenpolitik aufgezeigt werden. Da wir in der Mehrzahl Ostdeutsche sind und zum Teil unsere Familien noch in der Ostzone wohnen haben, weil auch wir bis jetzt daran glaubten, daß die Zonengrenzen fallen würden, berühren uns besonders alle Artikel über die Wiederherstellung der Einheit Deutschlands. Schließlich besuchen wir mehrmals im Jahr unsere Angehörigen und sind an den Zuständen in der DDR mehr als interessiert.
Sosehr wir sachlich Ihren Artikel »Repressalien - Mein ist die Vergeltung« begrüßt haben, halten wir es aber dennoch für angebracht, einmal in aller Öffentlichkeit darauf
hinzuweisen, daß die dauernden Hetztiraden in einer »Täglichen Rundschau« und anderen Ostzeitungen auch eine ganz gegenteilige als die gewünschte Wirkung innerhalb der Arbeiterschaft der Bundesrepublik hervorrufen werden und auch bereits gezeitigt haben. Es sind nicht nur die wahrlich nicht geringen Gruppen der vertriebenen Ostdeutschen und ehemaligen Bürger der Ostzone, es sind alle Deutschen, die mit den Sowjetmenschen russischer und deutscher Geburt aus dem Kriege und der Nachkriegszeit noch eine Rechnung zu begleichen haben.
Die sogenannten »Gegenmaßnahmen« der DDR seit dem 1. Juni 1952 sind jedoch der letzte Anlaß, endlich einmal zu fragen: Wer verrät denn nun wirklich die deutschen Interessen? Warum steht das Volk in Westdeutschland nicht auf, um die deutschen Brüder und Schwestern in der Ostzone vor dem ungewissen Schicksal einer Verschleppung zu retten? Warum bildet man nicht auch in der Bundesrepublik Freiwilligenkorps einer Befreiungsarmee, zu denen wir als gediente Soldaten - gleich welchen Ranges - uns sofort freudig und verantwortungsbewußt melden würden? Unsere Meinung ist keine Einzelerscheinung. Wir mit unserer Kenntnis der Ostzonenzustände und dem Haß als Reaktion warten schon lange darauf, daß man uns endlich einsetzt, um der bolschewistischen Pest aus dem Osten entgegenzutreten, wenn sie es wagen sollte, ihre ohnmächtige Wut an hilflosen Frauen und Kindern auszulassen. Gegen unsere fanatische, ständig wachsende Gemeinschaft wird die sogenannte Volkspolizei und die FDJ anlaufen, daß ihnen Hören und Sehen vergeht. Warum erfaßt man uns nicht als die Sturmtruppe in einem Kampf, bei dem wir am besten wissen, worum es geht.
Köln
Hermann Kaminski