Paket mit Backstein - DER SPIEGEL
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KRIMINALITÄT Paket mit Backstein

Amerikanische Justizbehörden lockten über 3000 flüchtige Kriminelle in die Falle. *
• aus DER SPIEGEL 48/1984
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Der Handzettel, den eine New Yorker Arbeitsvermittlung in Kneipen verteilte, an Bäume heftete und in Briefkästen steckte, war auf eine besondere Zielgruppe abgestimmt: »Entlassene Strafgefangene«, lautete das Angebot, könnten sich als Bauarbeiter für einen Stundenlohn von 10 oder als Küchenhilfen für 5,25 Dollar unter der Telephonnummer 791-1128 bewerben. Die Job-Agentur

befand sich im Erdgeschoß eines roten Backsteingebäudes im Stadtteil Queens. Sie war mit einem Stahlschreibtisch und einem Holzstuhl karg möbliert, aber von 8 bis 20 Uhr ständig besetzt - von Angehörigen des U.S. Marshals Service (USMS). Die Polizeibeamten leiteten die bisher »größte und erfolgreichste Menschenjagd der amerikanischen Justizgeschichte«.

So beschrieb William French Smith, US-Justizminister und Dienstherr der 2400 Marshals, die »Operation Fist« ("Fugitive Investigative Strike Team"), die am Montag voriger Woche zu Ende ging. Im Verlauf von 56 Tagen hatte ein besonderes Fahnderteam 3309 gesuchte, verurteilte oder entflohene Verbrecher aufgespürt und verhaftet.

Durch den Erfolg des Unternehmens Fist (deutsch: Faust) könne sich das »amerikanische Volk sicherer« fühlen, glaubte Smith, der bei der Bekanntgabe des Fischzuges im New Yorker Plaza-Hotel vor einer Kulisse saß, an der 196 Steckbriefe hingen, jeder mit dem Stempel »Verhaftet« gekennzeichnet.

Die Gefangenen hatten insgesamt 12 440 Verbrechen begangen. Unter den Mehrfachtätern befanden sich 63 Mörder, 103 Vergewaltiger und 846 Räuber.

Für Justiz-Flüchtlinge, denen die Behörden einen großen Anteil an der hohen Verbrechensrate in den USA beimessen, weil sie weitere Verbrechen begehen, um der Strafe zu entkommen, sind zwar die Polizeibehörden in Stadt und Land verantwortlich. Doch die Sheriffs sind vornehmlich damit beschäftigt, Verbrechen aufzuklären und Täter dingfest zu machen. Die polizeiliche Tätigkeit endet in Amerika häufig bei der Übergabe des Verbrechers an die Justiz.

Während die Bundespolizei FBI nur bei bestimmten »Staatsverbrechen«, wie etwa Kidnapping, in Aktion tritt, wird die Marshal-Behörde erst aktiv, sobald ein Gefangener dem richterlichen Bereich überstellt wird. US-Marshals sind für die Sicherheit der Gerichte, für das Leben von Zeugen und die sichere Unterkunft der Gefangenen verantwortlich.

Zu den Scheinunternehmen der Fahndung zählte ein Botendienst »Brooklyn Bridge«. Hier arbeiteten Larry Carter, 36, der sonst als Marshal in Memphis (Tennessee) Dienst tut, und George Velazquez, 46, Fahndungsbeamter bei der New Yorker Polizei. Das Boten-Duo machte den Aufenthaltsort von 34 Gesuchten aus. Ihre Festnahme erfolgte stets nach demselben Schema.

Den entflohenen Tätern wurde die Anlieferung eines Paketes angekündet, dessen vermeintlicher Inhalt jeweils auf die Persönlichkeit des Adressaten abgestimmt war. Einem Vergewaltigungstäter beispielsweise wurde »ein Werbegeschenk einer Firma für Erwachsenen-Spielzeuge« in Aussicht gestellt. Einem Straßenräuber erzählte Marshal Carter, »das Paket«, das nur einen Backstein enthielt, »sehe so aus, als sei ein Radio drin«.

»Die Aussicht, etwas umsonst zu bekommen«, sagt Carter, verführte die Flüchtlinge zur Unbesonnenheit. Sie wiesen sich gegenüber den falschen Paket-Boten aus, gaben den Fahndern damit Gewißheit, tatsächlich den Gesuchten vor sich zu haben, und kamen auch der Aufforderung nach, das Paket am Botenauto abzuholen. Carter hatte jeweils eine Verletzung vorgeschützt ("Ich hatte einen Verband um die Hand") und behauptet, das Paket nicht zur Haustür bringen zu können.

Sobald der Verbrecher »aus dem Schutz seiner Wohnung getreten war, schlugen wir zu«, sagt Carter, der seinen Partner über ein verborgenes Mikrophon per Stichwort alarmierte.

Als ebenso erfolgreich erwies sich ein Lockprojekt, bei dem die Fist-Teams jungen Gesetzesflüchtigen die Botschaft übermittelten, sie hätten neben Freikarten für das Rockkonzert des Musikers Boy George auch ein kostenloses Abendessen gewonnen. Zu beiden Veranstaltungen wurden sie mit einer Limousine befördert. In Connecticut fielen zwölf Gesuchte auf den Trick rein - im Auto wurden sie verhaftet.

Doch vom Standpunkt der Fahnder aus gesehen, kommt die Operation Fist einem Schuß in den Ofen nahe. Als Minister Smith vorigen Dienstag den Erfolg verkündete, war seine Freude sichtbar getrübt. Die Ursache: Von den 3309 eingefangenen Flüchtlingen vor dem Gesetz war, wie ein Beamter einräumte, »wahrscheinlich die Hälfte schon wieder auf freien Fuß gesetzt« - von Amerikas Richtern, die nach Ansicht von Smith bei der Auslegung des geltenden Kautions- und Bewährungsrechts »viel zu nachsichtig« sind.

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