TÜRKEI Panzer oder Chaos
SPIEGEL: Die Türkei hat im vergangenen Jahr fast zwei Milliarden Mark in deutsche Waffen investiert, Ankara ist Berlins bester Rüstungskunde. Wird das nach dem vorläufigen Nein für das Geschäft mit dem Kampfpanzer »Leopard 2« so bleiben?
Ercan: Warum nicht? Herr Schröder und Herr Fischer sind kluge Leute, die sicherlich nichts tun werden, was den Interessen Deutschlands oder der Türkei zuwiderläuft.
SPIEGEL: Heißt das, Sie haben doch noch Hoffnung auf den Leopard-Erwerb?
Ercan: Unser Verfahren läuft. Wir mussten uns etwas mehr Zeit nehmen, weil es Schwierigkeiten mit einem der Mitbewerber gab. Die Amerikaner haben uns zunächst einen Testpanzer mit Gasturbinen-Antrieb zur Verfügung gestellt, wir bestehen aber auf einer Dieselmaschine. Ich rechne mit einer endgültigen Entscheidung noch in diesem Jahr.
SPIEGEL: Unterdessen hat die Bundesregierung eine Hermes-Bürgschaft für die Lieferung von 250 »Leos« an Griechenland zugesagt. Schmerzt Sie das?
Ercan: Uns hat man ständig vorgehalten, der Leopard sei eine Angriffswaffe. Gegen wen aber wollen die Griechen denn die Panzer einsetzen?
SPIEGEL: Und wofür braucht die Türkei 1000 Panzer?
Ercan: Nachbarländer wie Syrien, Irak und Iran geben vergleichsweise mehr Geld für Rüstung aus als wir - Griechenland übrigens auch. Wenn Europa in der Region kein Chaos will und es ernst meint mit Demokratie und Sicherheit, dann gibt es nur eine Lösung: Europa muss uns unterstützen.
SPIEGEL: Die Bundeswehr verringert derzeit ihre Landstreitkräfte - da ist demnächst mit einem Überschuss an schweren Kampfpanzern zu rechnen.
Ercan: Das deutsche Heer besitzt 3000 Leopard-Panzer, die türkischen Landstreitkräfte haben etwa 400 - und zwar vom älteren Typ. Logisch, dass die Bundeswehr sich da erleichtern und wir uns verstärken möchten.
SPIEGEL: Mit dem Kauf deutscher Panzer?
Ercan: Das ist ein hartnäckiges Missverständnis: Wir wollen überhaupt keine Panzer kaufen, sondern sie gemeinsam mit ausländischen Partnern bauen.
SPIEGEL: Die Türkei als Exporteur deutscher Rüstungstechnologie - glauben Sie, Berlin gefällt diese Vorstellung?
Ercan: Ankara versteht sich in Verteidigungsdingen als Partner unter Gleichen. Wir können es uns nicht mehr leisten, 20-mal mehr Rüstungsgüter einzuführen als zu exportieren. Nur eine eigene Rüstungsindustrie kann unser Ziel sein.