FILM Paris hin und zurück
Die Unschuld vom Lande, das Mädchen aus der Provinz, das in die Großstadt kommt, ist ein beliebtes Erzähl-Klischee, mit dem die französische Literatur ebenso viele galante wie moralische Geschichten bestritten hat. Im galanten Roman sucht man in Paris eine Stellung, im moralischen eine Arbeit.
Klar, daß der Schweizer Filmemacher Goretta ("Die Spitzenklöpplerin") nicht an den lüsternen, sondern den rousseauschen Aspekten der Geschichte interessiert ist. Wo Grün eine Modefarbe und Frauenemanzipation eine Kunstparole ist, erzählt sich die Geschichte von der Provinzlerin aus der Lorraine, die vergeblich versucht, in Paris ihr Glück zu machen, wie von selbst: Sie verläuft in den erwarteten, traurig-traulichen Bahnen.
Was ist die Provinz? Ein warmes Nest, mit gemeinsamem Chorgesang und altbackener Anteilnahme, die sich wie ein warmer Wickel um die Leute legt.
Was ist Paris, wo man hinziehen muß, weil''s zu Hause nicht genug Arbeit gibt? Eine Stadt, in der die Stadtbahnzüge donnernd am Fenster vorbeifahren; in der man so unpersönlich lebt, daß die anderen Mieter im eigenen Haus nicht wissen, wo man wohnt; und in der man sich, bestenfalls, bei einem Verkehrsunfall kennenlernt.
Was sind die Männer, denen man in Paris, bei der vergeblichen Arbeitssuche, begegnet? Entweder geile Spießer, die einem nur deshalb Orangensaft über die Bluse kippen, weil sie anschließend tätschelnd täppische Reinigungsversuche unternehmen können.
Oder im Selbstmitleid ersaufende Gefühlsversehrte, die erst die Frauen vergraulen und dann ohne sie nicht leben können. Oder unverstandene Ehemänner, die abseits vom Berufsstreß und außerhalb des häuslichen Geheges ein bißchen Zärtlichkeit suchen. Oder Bordellbesucher. Oder, oder, oder.
Wie endet eine solche Geschichte? Stolz und trist zugleich. Christine, das Mädchen aus der Provinz, kehrt zurück in dieselbe, nachdem sie der Männerwelt nicht den Gefallen der letzten Erniedrigung getan hat.
Auf einem herrschaftlichen Landsitz haben nämlich Manager sich gegen die Langeweile das Spielchen ausgedacht, die anwesenden Damen wie Pferde über einen Parcours mit Hindernissen zu hetzen. Die Heldin vom Land siegt und gewinnt zehntausend Franc.
Doch die seit langem arbeitslose Christine gibt den Preis ihrer Freundin, die als ehemalige Schauspielerin sich ihren Anteil an den Gewinnen der Männerwelt seit einiger Zeit mittels Edelprostitution holt. Die Heldin dagegen will das Geld der Erniedrigung nicht. Schiller: »Und er wirft ihr den Handschuh ins Gesicht. Den Dank, Dame, begehr'' ich nicht!« Deutscher Filmtitel: »Die Verweigerung.«
Trotz dieser Klischees und längst melodramatisch ausgelatschten Trampelpfade der Geschichte ist Goretta ein S.222 anmutiger, genauer, ironischer Film gelungen, der im Programm der Berlinale nicht umsonst als Lichtblick empfunden wurde. Das liegt einmal daran, daß Goretta seinen »Frauenfilm« nicht in einer Krankenschwesterpose erzählt, in der sich Männer derzeit nur allzu gerne über das Patientenbett der Emanzipation, mit der es ja bekanntlich im argen steht, beugen.
Die Chefs, die grabbeln, die Einsamen, die sich sentimental besaufen, die Männer, die lieben, obwohl (oder weil) sie verheiratet sind, werden eher spöttisch als melodramatisch gesehen.
Bruno Ganz beispielsweise, der sich der nach Paris verschlagenen Christine fast wie von selbst als große Liebe in den Weg stellt, vollzieht die Affäre zwar zwischen Ehe und Karriere (er wird nach Japan »befördert") als Zwischenspiel in Zartbitter -- doch Melancholie und Zärtlichkeit sind dennoch alles andere als nur Posen. Sie sind Zeichen einer Menschlichkeit, deren Verschüttungen durch die herrschenden Unnaturgesetze der Film immer wieder mit Ironie und Trauer vorführt.
So geht auch Christines Freundin (Angela Winkler) den Weg in die Prostitution nicht mit tränend erhobenem Haupt, wie es die Gossen-Metaphorik vorgeschrieben hätte, sondern fast erleichtert: die verwischte Prostituierung ihrer bisherigen Beschäftigungen in der Werbebranche weicht den klareren Verhältnissen.
Vor allem aber lebt Gorettas Film mit und von seiner Hauptdarstellerin (das tat ja auch schon die »Spitzenklöpplerin"). Diesmal ist es Nathalie Baye, die der arbeitslosen technischen Zeichnerin Christine ihre unaufdringliche Unverletzbarkeit leiht.
Es gibt da eine Episode, bei der sie, auf der Suche nach Arbeit, mit einem potentiellen Arbeitgeber eine feuchttraurige Sause durch das Pariser Nachtleben machen muß, wobei er ihr sein Unglück (die Frau ist ihm, während er Karriere machte, abhanden gekommen) ausbreitet.
Nathalie Baye spielt das dauernde Auf-der-Hut-sein-Müssen: In all seinem Gejammer erwartet sie den Moment, wo er zum sexuellen Angriff blasen wird. Aber sie spielt auch das belustigte Verständnis, das nach und nach in Mitleid und Hilfsbereitschaft übergeht. Sie bringt den vor Trauer und Suff Versteinerten ins Bett, versteckt seine Pistole und verhindert doch nicht, daß er sich am nächsten Tag aus dem Fenster stürzt.
Es ist, als baute Goretta Klischee-Hürden nur deshalb auf, um sie auf unerwartete, stets anrührend interessierende Weise zu umgehen. »Die Verweigerung« ist ein Frauenfilm -- manchmal nicht wegen, sondern trotz seiner Geschichte. Goretta ist, ganz sicher, einer der einfühlsamsten Frauen-Regisseure.
Hellmuth Karasek
S.221Mit Nathalie Baye (l.) und Angela Winkler (M.).*