Parteiruhm und Arbeiterzorn - DER SPIEGEL
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SPD Parteiruhm und Arbeiterzorn

• aus DER SPIEGEL 14/1958
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Betriebsrat und Maschinensetzer des Verlags »Hannoversche Presse« haben ihren Buchdruckerkollegen im Zeitungsgewerbe beispielhaft vorgemacht, wie man ebenso ungescheut wie ungestraft grundgesetzlich verbürgter Rechte spotten und die Verlagsherren mit purer Gewalt unter den Arbeiterwillen beugen kann.

Das hierzulande erstmals angewendete Faust-im-Nacken-Rezept schlug unwiderstehlich an: Es war abends kurz vor acht - ein für die Herstellung des Blattes kritischer Zeitpunkt -, als der Betriebsratsvorsitzende die Geschäftsführer des Verlags wissen ließ, die Setzmaschinen würden angehalten werden, falls der Chefredakteur nicht bis acht aus dem Verlag verschwinde, und zwar für immer.

Punkt acht standen die Maschinen still. Um halb neun wurden sie wieder in Gang gesetzt. Die Verlagsleiter hatten kapituliert, der Chefredakteur war der Gewalt gewichen.

So nachhaltig dieser Handstreich vor allem nicht-sozialistische Zeitungsleute erschreckte, so versöhnlich stimmte sie dabei freilich ein besonderer Tat-Umstand, der dem rabiaten Rechtsbruch eine fast komische Note verlieh. Der Chefredakteur nämlich, den die Buchdrucker per Streik auf die Straße gesetzt hatten, war der SPD-Genosse Fried Wesemann, dem der SPD-Chef Erich Ollenhauer noch kurz vor dem Malheur attestiert hatte, er sei »der Beste von allen, die für uns schreiben«.

Und die »Hannoversche Presse«, in deren Verlagshaus wider Recht und demokratische Sitte demonstriert worden war, was der starke Arm revoltierender Arbeiter auszurichten vermag, ist keine beliebige Hauspostille, sondern Eigentum der Sozialdemokratischen Partei.

Mithin: In einem Erwerbsunternehmen ausgerechnet der Partei, die zum Schutz gegen jederart Willkür am Arbeitsplatz das Mitbestimmungsrecht erfunden hat, konnte es passieren, daß die Genossen Geschäftsführer des Unternehmens hilflos zusahen, wie die Genossen Buchdrucker die Schutzvorschriften eben dieses Mitbestimmungsrechts dreist mißachteten und den Genossen Chefredakteur in beinahe spartakistischer Manier wegjagten. Dieses Faktum wirkt um so peinlicher, als jener sozialistische Musterbetrieb »Hannoversche Presse« von dem Partei-Pressechef Fritz Heine gesteuert wird, dem Hauptgesellschafter der Zeitung, dessen Wort bei Mitgesellschaftern, Verlagsleitern, Redakteuren und Buchdruckern widerspruchslos gilt.

Pressechef Heine war es denn auch, der seinen Günstling Wesemann im Januar 1956 als Chefredakteur der »Hannoverschen Presse« hatte einsetzen lassen - eine Wahl, die damals nicht nur den Mitgesellschaftern, wenn sie ihr auch zustimmten, durchaus mißfiel War es nach Meinung der Kritiker schon riskant, einen Mann an die Spitze eben jener Redaktion zu stellen, in der er als Anfänger volontiert hatte, so war dieser Wesemann zwischendurch als »Diplomatischer Korrespondent« der »Frankfurter Rundschau« zwar zu einem sogar beim Kanzler-Tee im Palais Schaumburg wohlgelittenen Bonner Pressestar, aber keineswegs zum perfekten Zeitungsmanager herangewachsen. Der Parteiruhm, den er sich als Intimus des SPD-Chefs Schumacher und als dessen Biograph verdient hatte, machte seine Erfahrungsmängel schließlich auch nicht wett. Heine setzte sich über derlei Bedenken erfahrener Presseleute hinweg. Die SPD, so überredete er den zögernden Wesemann, werde in den nächsten zehn Jahren eine komplette Führungsschicht verlieren, weshalb es an der Zeit sei, junge qualifizierte Kräfte vorsorglich in Schlüsselstellungen zu bringen; Wesemann - heute 42 - möge sich also in der niedersächsischen Metropole Hannover einrichten und unter den führenden Leuten von Stadt und Land die gesellschaftliche Rolle spielen, die dem Chefredakteur einer größeren Provinzzeitung zukomme.

Für die Einführungsrede, mit der Heine seinen Kandidaten der Redaktion in Hannover schmackhaft machen wollte, hatte er sich noch klangvollere Formulierungen ausgedacht: »Ein neuer Abschnitt beginnt. Fried Wesemann wird von nun an diesem Blatt vorstehen. Herausgeber und Verlagsleitung sind gewiß, daß im Kreise der jüngeren, international anerkannten deutschen Journalisten keiner so sehr geeignet ist, die Chefredaktion der Hannoverschen Presse zu übernehmen, wie er.«

Und: »Sechs Jahre Bonn haben Fried Wesemann Einsichten und Kenntnisse, Informationen und Verbindungen verschafft, wie sie gleich umfassend und tief schwerlich andernorts zu gewinnen wären. Sie werden für die neue Aufgabe an diesem Platz von unschätzbarem Wert sein und den Freunden dieses Blattes zugute kommen.«

»Der Verlag wird uns schützen«

Doch diese Rede wurde nie gehalten. Heine saß unabkömmlich in Bonn fest, als Wesemann seine Dienstgeschäfte in Hannover aufnahm, ohne zu ahnen, daß die erste Panne bereits passiert war. Der Verlagsleiter Schmidt-Küster, Altgenosse und Buchhändler aus Magdeburg, bei der »Hannoverschen Presse« so etwas wie kaufmännischer Direktor, hatte den Ressortchefs der Redaktion ihren alten Kollegen Wesemann als neuen Chef avisiert und sie obendrein nach ihrer Meinung über diese Rückerwerbung gefragt - was schon deshalb einigermaßen überflüssig war, weil die Redakteure den Entschluß Heines ohnehin nicht hätten revidieren können. Ihr Urteil fiel einheitlich negativ aus. Es war damals schon in jene unverbindlichen Floskeln gefaßt, mit denen die HP-Redakteure das Thema Wesemann auch heute noch bestreiten: »Arrogant und verletzend« und: »Ein seltsamer Mensch« und: »Menschenführung liegt ihm nicht«.

Menschenführer Schmidt-Küster hörte sich das Veto ungerührt an und schloß mit den Frondeuren schon in der ersten Stunde einen Pakt, der dem Chefredakteur und der Redaktionsarbeit schwerlich zum Nutzen gereichen konnte. Was geschieht, so hatten die Redakteure vor dem Verlagsleiter ihre Hauptsorge entblößt, wenn Wesemann einen nach dem anderen von uns vor die Tür setzt? Verlagsleiter Schmidt-Küster zitierte seinen Lieblingsspruch: »Nur über meine Leiche« und verschwieg dem neuen Chefredakteur diese gleichsam defensive Konspiration, deren Segen der politische Ressortchef Volz, im Kriege Militärmusiker, so umschreibt: »Unsere Existenzangst wurde neutralisiert durch das Wissen, daß der Verlag uns schützen wird.«

Von der kugelfesten Operationsfreiheit, die der Verlag garantiert hatte, wurde reichlich Gebrauch gemacht. Vereint starrte man dem Chefredakteur auf Mund und Finger, registrierte mit verbissenem Fleiß jeden Schnitzer, jeden falschen Zungenschlag, jeden lauten Ton, seine Kräche mit Autowäscher, Pförtner, Reinmachefrauen und brachte die Früchte der emsigen Beobachtertätigkeit alsbald an den Mann.

Wesemann erleichterte dieses Spiel dadurch nach Kräften, daß er sein strotzendes Selbstbewußtsein ungetarnt zur Schau stellte. Als er endlich dahinterkam, daß seine despektierlichen Sprüche über die Partei und den Verlag bis nach Bonn gelangt waren, verfügte er strenges Schweigegebot, an das er sich selber allerdings nicht hielt.

Der »Hannoverschen Presse« bekam der Hickhack zwischen Chef und Mannschaft nicht schlecht. Die Auflagenhöhe, die unter Wesemanns Amtsvorgänger Jahr für Jahr gefallen war, konnte festgehalten werden. Pressechef Heine bestätigte dem erfolgreichen Chefredakteur im September 1956: »Ich möchte Ihnen sagen, daß der Gesamteindruck sich mehr und mehr verstärkt, daß die Zeitung wesentlich lebendiger und besser geworden ist als vor Jahresfrist, und ich glaube, daß man Sie beglückwünschen kann zu einer ganzen Reihe von neuen Anregungen und Realisierungen.«

Im Dezember desselben Jahres, nachdem die Abonnementsgebühren erhöht worden waren, rutschte die Auflage zwar noch einmal um 10 000 Exemplare, aber dieser Verlust konnte im Jahre 1957 mit 14 500 Neubestellungen mehr als aufgeholt werden.

Trotzdem: Chefredakteur Wesemann fand kein rechtes Vergnügen mehr an seinem Blatt. Die anfängliche Distanz der Redakteure zu ihm hatte sich allmählich in Resistenz gegen ihn verwandelt, wozu die Verlagsleiter, denen er nicht selten etwas zu nahe gekommen war, teilnahmslos die Achseln zuckten: Mit der Redaktion müsse der Chefredakteur eben allein fertig werden.

Wesemann beklagte sich bei seinem Gönner Fritz Heine. In Heines Antwortbrief hieß es melancholisch: »Unser schlechtes Betriebsklima kostet ja nicht nur Nerven, Magensaft und Mitarbeiter, es steht sicherlich auch in sechsstelligen Zahlen im Minusertrag in unseren Bilanzen...

»Aber vielleicht ist das eine Zwangsläufigkeit. Die materielle Enge und die Kleinbürgerlichkeit, in der viele unserer Freunde aufgewachsen sind (mich nicht ausgeschlossen), erweist sich bei nicht wenigen als Hemmnis, wenn sie zu Einfluß gekommen sind ...

»Lassen Sie sich bitte nicht unterkriegen ... Ich halte Ihre publizistische Politik für richtig und glaube, daß sie redaktionell auf dem Wege zum Erfolg ist.«

Knapp acht Wochen nach Heines trostreichem Zuspruch, im Januar dieses Jahres, drohte Wesemanns Erfolgsweg jählings zu enden. Der Redakteur Olmes, bestrenommierter Landtagsberichterstatter der »Hannoverschen Presse«, hatte monatelang im Krankenhaus an einem schweren Zuckerleiden laboriert. Wieder auf den Beinen, besuchte er hin und wieder die Redaktion, bei welcher Gelegenheit Wesemann ihn zu sich bestellte und ihm einen Wechsel aus der Landespolitik ins Sportressort antrug. Elf Tage später war der Redakteur Olmes tot.

Er hatte sich in den Gedanken verbissen gehabt, Wesemann wolle ihn abschieben, und war deshalb den Verlagsleiter Hoffmeister um Hilfe angegangen, einen Buchdrucker, Zigarrenhändler und Bürgermeister außer Dienst, dem der technische Betrieb der »Hannoverschen Presse« anvertraut ist, der aber als Vorsitzender der niedersächsischen SPD-Landtagsfraktion eingestandenermaßen viel lieber seinen politischen Geschäften nachgeht: »Ich kann von mir sagen, daß ich der Regierungsmacher hier in Niedersachsen bin.«

Diesem Verlagsleiter Hoffmeister hatte der Redakteur Olmes berichtet: »Ich glaubte, daß ich über den Berg wäre, aber nach dem Gespräch mit Herrn Wesemann konnte ich die ganze Nacht nicht schlafen.« Hoffmeister intervenierte bei Wesemaann am Telephon: »Lassen Sie den Olmes gefälligst in Ruhe. Der ist krank und steht unter meinem persönlichen Schutz.« Wesemann rief zurück, er schreibe gerade an einem Artikel, und legte, ohne auf Hoffmeisters Antwort zu warten, den Hörer auf.

Redakteur Olmes starb am 18. Januar, einem Sonnabend. Am Sonntagvormittag setzten sich Verlagsleiter Hoffmeister, Betriebsratsvorsitzender Waluga und vier Redakteure zusammen, um die Todesanzeige und den Nachruf zu entwerfen. Chefredakteur Wesemann blieb draußen. Frau Olmes hatte ausdrücklich darum gebeten, daß er Anzeige und redaktionellen Nachruf weder verfasse noch unterschreibe, der Beisetzung fernbleibe und auf alle Beileidskundgebungen verzichte; das Beerdigungsinstitut sei angewiesen worden, eine Kranz- oder Blumenspende Wesemanns zurückzuschicken.

Als Grund dafür gab Frau Olmes an, sie müsse aus dem Krankheitsverlauf der letzten Tage und den letzten Äußerungen ihres Mannes den Schluß ziehen, daß zwischen den Sport-Absichten des Chefredakteurs in bezug auf ihren Mann und seinen plötzlichen Tod ein unmittelbarer Zusammenhang bestehe.

Am Montagnachmittag - Wesemann, Hoffmeister und Schmidt-Küster berieten gerade, wie der Eklat gedämpft werden könne - meldete die Sekretärin, die acht Ressortchefs der Redaktion möchten die Verlagsleiter sprechen. Zweieinhalb Stunden später war ein Arrangement - »unter Vorbehalt« - ausgehandelt. Wesemann gelobte seinen Redakteuren, sich zu »bessern«, und die leitenden Redakteure versprachen ihrem Chef Loyalität, »falls er sich wirklich bessert«.

Mit diesem absonderlichen Vertrag war Wesemanns Geschick endgültig in die Hände der Redakteure gegeben, die schon nach wenigen Wochen befanden, der Chefredakteur sei rückfällig geworden. Wesemann hatte längst vorher je Ressort einen stellvertretenden Ressortleiter engagiert Mit diesem »System der zweiten Männer«, argwöhnten die furchtsamen Veteranen der Redaktion, wolle er nunmehr die »ersten Männer«, die eigentlichen Ressortchefs, vollends beiseite drängen. Der hannoverschen SPD-Pressekomödie letzter Akt begann.

Vorausgegangen war ein geradezu revolutionäres Ereignis. Neunzehn Redakteure der »Hannoverschen Presse« waren vom Deutschen Journalistenverband zur Berufsgruppe Journalisten im Deutschen Gewerkschaftsbund hinübergewechselt. Der Kontakt dieser Neu-Gewerkschaftler zu den Kollegen der Setzerei des Verlags war rasch geknüpft, nachdem den Setzern erzählt worden war, der Chefredakteur habe sie »die Proleten da unten« genannt.

Posse im Konferenzzimmer

Wesemann bekam Wind von dem Plan der Ressortchefs, dem Verlag die Demission des Chefredakteurs abzuverlangen. Er mahnte die beiden Verlagsleiter, sich gegen eine Meuterei der Redaktion und einen Solidaritätsstreik der Setzerei zu wappnen. Verlagsleiter Hoffmeister winkte ab: »He, he, das ist doch Unsinn.« Verlagsleiter Schmidt-Küster fügte hinzu: »Worte wie Meuterei und Streik darf man gar nicht in den Mund nehmen, um das nicht heraufzubeschwören.« Das war am Montag, dem 17. Februar.

Am Dienstag sagte Wesemann dem Feuilletonchef Dr. Rasche, dem Senior der Redaktion, auf den Kopf zu, daß er zu den Verschwörern gehöre. Rasche gestand und kündigte.

Am Mittwochmittag stellte Wesemann die Chefs der Ressorts Politik und Wirtschaft, Volz und Giesel. Die beiden kündigten ebenfalls. Giesel prophezeite: »Das wird auch noch Konsequenzen haben.«

Am Mittwochnachmittag ließ sich der Verlagsleiter Schmidt-Küster mit fünf Redakteuren und dem Betriebsrat in Verhandlungen ein. Die Redakteure verlangten Wesemanns Rücktritt. Und der Betriebsrat, der sich keinerlei Mitbestimmungsrecht bei den Personalsachen leitender Angestellter anmaßen darf - in Tendenzbetrieben wie einer Zeitungsredaktion jedenfalls um keinen Preis -, motivierte seine rechtswidrige Einmischung mit »Notstand« und »im Interesse des Betriebsfriedens«.

Von dem, was der Verlagsleiter Schmidt -Küster nun und der Verlagsleiter Hoffmeister hernach ins Werk setzten, war nicht weniger als alles falsch. Der Betriebsrat, der die ihm vom Betriebsverfassungsgesetz auferlegte Friedenspflicht gröblich verletzte, hätte zur Tür hinaus und vor ein Arbeitsgericht gehört, das ihn aufgelöst haben würde.

Was dagegen die Redakteure anlangte, so wäre es nun endlich an der Zeit gewesen, entweder den Chefredakteur Wesemann oder die frondierenden Ressortchefs, oder aber beide zugleich fristlos zu entlassen, und zwar aus »wichtigem Grund« nach den Dienstvertrags-Vorschriften des Bürgerlichen Gesetzbuches - weil nämlich beide den Betriebsfrieden objektiv gestört hatten, gleichviel ob schuldhaft oder nicht.

Schmidt-Küster tat nichts dergleichen. Im Gegenteil, er bat die Redaktion und den Betriebsrat flehentlich, bis »zur Klärung der Dinge Burgfrieden« zu halten.

Der Waffenstillstand dauerte bis zum Donnerstagnachmittag. Wesemanns Widersacher liefen zu dieser Zeit von Tür zu Tür durch die Redaktion: »Alle mitkommen, jetzt geht's los.« Fünfzehn von insgesamt vierzig Redakteuren marschierten nach diesem Alarm ins große Konferenzzimmer des Verlags, angeführt wiederum vom Betriebsratsvorsitzenden und seinem Stellvertreter. Chefredakteur Wesemann wurde vorgeladen.

Frauen brauchen Schlaftabletten

Es begann eine Zausestunde, deren sich jeder bessere Jugendverein geschämt hätte. Verlagsleiter Hoffmeister präsidierte und protokollierte, wobei sich herausstellte, daß ihm der Redakteur Giesel, der seit vier Jahren das Wirtschaftsressort der »Hannoverschen Presse« leitet, noch völlig unbekannt war. Jeder Redakteur, sagte Hoffmeister, solle nun vorbringen, was ihn bedrücke. Woraufhin Nicht-Redakteur und Betriebsratsvorsitzender Wagula als erster loslegte:

»Es ist mit der Menschenführung in der Redaktion etwas nicht in Ordnung. Wer ist eigentlich Herr Wesemann, muß gefragt werden. Redakteure haben Kündigungen aus Protest gegen sein Benehmen ausgesprochen. Es müssen nun die Anschuldigungen vorgebracht werden, damit man sieht, wie das aus dem Weg geräumt werden kann.«

Danach die Redakteure des Provinzblatts angemessen provinziell: »Ein Chefredakteur muß ein Gleicher unter Gleichen sein. Herr Wesemann hat das nicht verstanden.« - »Ich kann nicht in einem Klima arbeiten, in dem andere Redakteure leiden »- 'Herr Wesemann hat in fremden Kreisen von einer Sch ... redaktion gesprochen, mit der man keine Zeitung machen kann.«

Den schlimmsten Vorwurf aber erhob der Wirtschaftsredakteur Giesel: »Herr Wesemann hat in einer Ressortleiter -Sitzung gesagt, Ollenhauer ist eine hohle Nuß.«

Außerdem: »Es ist entsetzlich, welche Aufreibung eingetreten ist, auch in den Familien. Die Frauen müssen zu Schlaftabletten greifen.«

Schließlich noch einmal der Betriebsratsvorsitzende Wagula: »Wir hatten keine Veranlassung, mit Herrn Wesemann zu reden, weil wir kein Recht haben, vom Chefredakteur gehört zu werden. Wir hatten auch bisher keine Handhabe gegen ihn. Es fehlte noch das Rückgrat. Jetzt sind auch noch mehr Anschuldigungen laut geworden. Wir haben den Auftrag, Klarheit zu schaffen. Diese Anschuldigungen hätten Herrn Wesemann veranlassen sollen, die Konsequenzen zu ziehen. Hier ist eine große Gruppe von Redakteuren, die nicht wegen eines einzigen Mannes leiden können.«

Die Posse lief bereits zwei Stunden, als das Telephon klingelte. Die Maschinensetzer, die über den Gang der Debatte auf dem laufenden gehalten worden waren, drohten ihren Streik an - was die Verlagsleiter Hoffmeister und Schmidt-Küster unerklärlicherweise nicht dazu bewegen konnte, nun umgekehrt den Setzern sogleich mit der fristlosen Entlassung, einer Strafanzeige wegen Nötigung und einer Klage auf Schadenersatz zurückzudrohen.

So kam es, daß die Setzmaschinen des SPD-Organs »Hannoversche Presse« stillstanden, bis der SPD-Pressestar Wesemann Anstalten traf, das Feld, auf das SPD-Pressechef Heine ihn gelotst hatte, nach verlorenem Kampf zu räumen. Wobei Betriebsratsvorsitzender Wagula es sich angelegen sein ließ, der Kette von Rechtsbrüchen noch ein letztes Glied anzuhängen.

Wesemann hatte die Redakteure zusammenrufen lassen, die der Propaganda gegen ihn widerstanden und sich der Gaudi im Konferenzzimmer enthalten hatten. Prompt erschien Wagula mit drohender Gebärde: Er habe gehört, daß Wesemann noch Redakteure versammle; dazu habe er kein Recht, er habe vielmehr das Haus unverzüglich zu verlassen - »sonst passiert was«.

Der abgehalfterte Chefredakteur suchte bei den Hausherren Beistand. Verlagsleiter Schmidt-Küster raffte sich denn auch sogar dazu auf, dem Betriebsratsvorsitzenden zu widersprechen: »Nun halt mal die Luft an.« Aber Verlagsleiter Hoffmeister riet dem Wesemann vorsichtshalber: »Gehen Sie am Maschsee spazieren. Wenn Sie im Haus bleiben, stehen die Maschinen sofort wieder still, und das darf doch nicht sein.«

Der Dirigent dieses sozialdemokratischen Verlags aber, der SPD-Pressechef Heine, der ansonsten keine Gelegenheit ausläßt, für die Freiheit der Presse gegen pressefremden Einfluß und Zwang laut zu tönen, rührte bei dem Putsch in seinem eigenen Hause keinen Finger. Erst als alles vorbei war, tadelte er die Verlagsleiter, sie hätten die streikenden Setzer entlassen müssen, und fand dennoch nichts dabei, daß die Verlagsleiter den Streik hinterher auch noch honorierten, indem sie den Stundenlohn für die Streikstunde bereitwilligst zahlten.

Seinen Freund Wesemann, der bis zum Montag dieser Woche mit dem Zusatz »zur Zeit verreist« als Chefredakteur im Impressum der »Hannoverschen Presse« firmierte, fand Heine mit einem Zwei -Jahres-Gehalt ab. Heines Nekrolog: »Ich habe große Sympathien für Wesemann gehabt. Leider habe ich mich aber davon überzeugen lassen müssen, daß Wesemann zwei Drittel der Redaktion gegen sich aufgebracht hatte.«

Der Betriebsrat der »Hannoverschen Presse« und die Funktionäre der Industriegewerkschaft Druck und Papier in Hannover bestreiten heute geflissentlich, mit dem illegalen Setzerstreik und der Streikdrohung gegen den Chefredakteur Wesemann etwas zu tun gehabt zu haben. Wohingegen »Die Feder«, das Organ der Berufsgruppe Journalisten im DGB, nichtsdestoweniger ungeniert unter der Überschrift »Ein mutiger Schritt« vermeldete:

»Neunzehn Redakteure einer großen niedersächsischen Zeitung ... sind geschlossen vom Deutschen Journalistenverband in die Berufsgruppe Journalisten im DGB übergetreten. Bereits kurz danach wurden in einer Solidaritätsaktion zur Durchsetzung einer Forderung der Redaktion an die Geschäftsführung des Blattes von den ebenfalls in der IG Druck und Papier organisierten Maschinensetzern die Setzmaschinen des Verlages für einige Zeit angehalten.«

Ollenhauer, SPD-Chefredakteur Wesemann (r.)*: Die Genossen Drucker streikten

Hauptgesellschafter Heine

Kleinbürgerlichkeit erweist sich ...

Verlagsleiter Schmidt-Küster

... als ein Hemmnis

Verlagsleiter Hoffmeister

Worte wie Meuterei und Streik

* Mitte: Metallarbeiterführer Brenner.

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