Patt im Busch - DER SPIEGEL
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NIGERIA / BÜRGERKRIEG Patt im Busch

• aus DER SPIEGEL 51/1969
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»Das Ende ist sehr nahe«, prophezeite Nigerias Staatschef General Yakubu Gowon wieder einmal. Er wagte einen historischen Vergleich: »Wie sich heute kein Deutscher gern »Nazi« nennen läßt, so wird sich bald jeder verbitten, als »Biafraner« bezeichnet zu werden.«

Tatsächlich aber kann Gowons 130 000-Mann-Armee das abgefallene Ibo-Land heute genausowenig überrennen wie in den zweieinhalb Jahren seit Beginn des Biafra-Kriegs im Juni 1967. Und nichts deutet auch darauf hin, daß »Biafraner« einmal als Schimpfwort in den afrikanischen Sprachgebrauch eingehen wird.

Obwohl die Versorgungslage in General Ojukwus zusammengeschmolzenem Reduit seit dem Stopp der Rot-Kreuz-Flüge im Juni immer katastrophaler wird (statt benötigter 600 Tonnen Lebensmittel fliegen die Stockfischbomber der Kirchen pro Nacht knapp 200 Tonnen ein); obwohl Benzin- und Ersatzteilmängel sowie ständige nigerianische Luftangriffe den Verkehr in Biafra empfindlich stören, besteht seit Monaten ein militärisches Patt zwischen beiden Armeen: Das bisher schlimmste Blutvergießen im nachkolonialen Afrika geht weiter, ein Ende ist nicht abzusehen.

Zwar starteten Gowons Soldaten im November, als die Regenzeit vorüber war, eine neue Offensive. Aber Ojukwus Armee hatte inzwischen aus Europa Mörser, schwere Maschinengewehre und Bazookas erhalten und konnte die Attacke aufhalten.

Mehr noch: Ojukwus Mini-Luftwaffe aus einmotorigen schwedischen Minicons und amerikanischen Harvard T-6 sowie die im Feindgebiet operierende Partisanen-Organisation BOFF ("Biafran Organization of Freedom Fighters") treffen den nigerianischen Gegner, wo er am empfindlichsten ist: Sie greifen die Anlagen der für Nigeria lebenswichtigen Erdöl-Industrie an.

Folge: Nigerias Tagesförderung an Erdöl sank von 81 000 Tonnen im April auf rund 48 000 Tonnen im November, und Gowon muß seine Waffen im Ausland auf Pump kaufen.

Dennoch jubelte auch Biafra-Führer Ojukwu zu früh, als er seinen Soldaten unlängst zurief: »Biafras Sieg ist in Sicht.« Immerhin könnte der Stillstand an den Fronten die Kämpfenden an den Verhandlungstisch bringen.

Bisher waren alle Vermittlungsversuche an den Maximalforderungen beider Seiten gescheitert: Lagos verlangte von den Biafranern vor Gesprächen und vor einem Waffenstillstand den Widerruf der Sezession. Ojukwu aber forderte einen Waffenstillstand ohne jede Bedingung, um anschließend über die Konditionen eines Friedensvertrages zu sprechen. Lange Zeit bestand er aber darauf, daß über Biafras Souveränität gar nicht verhandelt werden könne.

Dennoch gelang afrikanischen Staatsoberhäuptern und Commonwealth-Staaten mehrere Male, Abgesandte Biafras und Nigerias zu Vorverhandlungen zusammenzubringen. Doch jedesmal störten Gowons Kommandeure die Gespräche durch erfolgreiche Attacken, die den Eindruck erweckten, der Endsieg stehe unmittelbar bevor.

So eroberte Oberst Beniamin Adekunles 3. Divison im Mai 1968, als Nigerianer und Biafraner in Uganda verhandelten, Biafras Hafenstadt Port [larcourt. Und während sich im September vergangenen Jahres afrikanische Staatsoberhäupter auf ihrer Gipfelkonferenz in Algier um einen Kompromiß bemühten, nahm Nigerias Armee die wichtigen biafranischen Städte Aba und Owerri.

Aber auch Ojukwu erschwerte Vermittlungsversuche. So verzichtete er zeitweise auf seine Hauptbedingung für Verhandlungen -- die Bewahrung von Biafras Souveränität -- und brachte sie wenige Tage später um so härter vor.

Im November deutete Ojukwu jedoch zum erstenmal größere Konzessionsbereitschaft an. Mehrfach erklärte sich Biafra zu Verhandlungen bereit -- ohne wie früher einen Waffenstillstand als Voraussetzung für solche Verhandlungen zu fordern. Biafras Oberrichter Mbanefo erklärte, daß Biafra nicht unbedingt auf der Souveränität bestehe. Bei einem Gipfeltreffen zwischen Gowon und Ojukwu müßten allerdings die Waffen ruhen.

Um ein solches Treffen bemühte sich in der vergangenen Woche Äthiopiens Kaiser Halle Selassie, der dem Nigeria-Ausschuß der »Organisation für Afrikanische Einheit« vorsteht.

Halle Selassie hofft, diesmal mit seinem Vermittlungsversuch mehr Erfolg zu haben, denn Nigerias Gowon steht unter wachsendem internationalen Druck, den schmutzigen Buschkrieg zu beenden. So drohte Siaka Stevens, Regierungschef des westafrikanischen Commonwealth-Landes Sierra Leone, mit der Anerkennung Biafras, wenn bis zum Jahresende keine Friedensverhandlungen aufgenommen würden.

Gefährlicher noch könnte für Gowon die wachsende antinigerianische Stimmung in England werden. Immer heftiger protestieren die angesehensten Zeitungen des Inselreichs gegen Wilsons pronigerianische Politik ("The Guardian": »Unehrlich, schändlich, schlecht beraten"). Nur 16 Prozent der Briten -- das ergab eine Meinungsumfrage im Dezember -- heißen die Waffenlieferungen für Lagos gut.

Haue Selassies Versuch, die feindlichen Brüder an den Verhandlungstisch zu bringen, scheint freilich auch diesmal auf Schwierigkeiten zu stoßen: Letzten Mittwoch ließ Ojukwu den Negus wissen, er würde nur in die äthiopische Hauptstadt reisen, wenn die Einladung zu Gesprächen von Haue Selassie persönlich käme -- und nicht von der »Organisation für Afrikanische Einheit«.

Und Gowons Kommandeure lieferten wieder einen besonderen Beitrag zu den Vermittlungsbemühungen: Zum erstenmal beschossen sie Biafras einzigen Flugplatz Uli mit Artillerie.

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