PDS-Chef Gysi belastet?
Wolfgang Langnitschke, ehemaliger PDS-Finanzchef und seit dem 26. Oktober in West-Berlin wegen Verschiebung von 107 Millionen Mark in Untersuchungshaft, hat jetzt angeblich nicht nur seine Beteiligung an der Aktion zugegeben - er soll auch PDS-Chef Gregor Gysi und andere Präsidiumsmitglieder belasten. In der PDS-Zentrale am Rosa-Luxemburg-Platz herrschte darüber bei Präsidiumssitzungen am Donnerstag und Freitag helle Aufregung.
Unter anderem, hieß es aus der Parteizentrale, habe Langnitschke ausgesagt, es gebe zwar keine schriftlichen Weisungen Gysis, doch habe er den PDS-Vorsitzenden durch »verschlüsselte Botschaften« davon unterrichtet, er und der (ebenfalls verhaftete) stellvertretende Parteivorsitzende Wolfgang Pohl bemühten sich um die von Gysi Anfang Mai geforderte »Abwehr von Angriffen auf das Parteivermögen«. Es gebe da »vielversprechende Wege«. Gysi habe nicht widersprochen.
Der PDS-Vorsitzende hat bisher jede Kenntnis der Transaktion abgestritten (siehe Seite 50) und erklärt, er hätte die Überweisungen an die dubiose sowjetische Handelsgesellschaft »Putnik« verhindert, wenn er davon gewußt hätte.
Langnitschkes Aussagen, von den West-Berliner Justizbehörden bisher nicht bestätigt, veranlaßten den PDS-Chef am vergangenen Freitag zu einem obskuren Vorab-Dementi im Neuen Deutschland. »Angesprochen auf eine mögliche Provokation im Zusammenhang mit der Millionenschiebung, erklärte er (Gysi), ein derartiger Verdacht sei ,nicht unbegründet'. Er wolle aber ,eventuellen Feststellungen hier noch nicht vorgreifen'.« Schon tags zuvor hatte der PDS-Vorstand den ehemaligen Finanzchef in einer öffentlichen Erklärung ohne Angabe von Gründen beschuldigt, er sei offensichtlich ein »Agent provocateur«, der als Kronzeuge gegen die PDS auftreten wolle.
Langnitschke gehört zu den in Vermögensfragen am besten informierten PDS-Politikern. Er war, bevor er sein PDS-Amt übernahm, in der alten Honecker-SED stellvertretender Leiter der Abteilung Finanzen und ein enger Vertrauter seines damaligen Chefs Heinz Wildenhain, der am 9. November 1989, dem Tag der Maueröffnung, sämtliche Belege über das Valuta-Vermögen der SED vernichtet hatte. Wildenhain und Langnitschke wissen wahrscheinlich auch mehr über die auf einige hundert Millionen Mark geschätzten Besitztümer der SED im Ausland, über die es bisher keine verläßlichen Angaben gibt. Langnitschke war in den achtziger Jahren mehrere Male im westlichen Ausland, unter anderem in der Schweiz. Der PDS-Vorstand hatte Gysi am vorvergangenen Wochenende aufgefordert, der Treuhandanstalt gegenüber zu erklären, daß die PDS auf »jegliche Ansprüche« aus ausländischem SED-Vermögen verzichte.