Perfekt an Bord - DER SPIEGEL
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VOLKSMARINE Perfekt an Bord

• aus DER SPIEGEL 9/1950
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ihr werdet sein Kern von demokratische Marine!« gab Kapitän Tschenkow fünfhundert Jünglingen in schwarzer Uniform die Parole, die als erstes Kaderbataillon der Volksmarine in die Kasernenblocks am ehemaligen Frankendamm auf dem Dänholm in Stralsund eingezogen sind. Der Begrüßungsappell enthielt Gedenken an Generalissimus Stalin und Hinweis auf »deutsch-sowjetische Freundschaft«. Sie soll nicht nur zu Lande, sondern auch zu Wasser gefestigt werden - mit Hilfe der Schnell- und U-Boote und kleinen Zerstörer, die der »Volkspolizei« aus der deutschen Kriegsmarinebeute zur Verfügung gestellt wurden.

Die Rote Marine hatte 1945 die intakten deutschen Ostsee-Einheiten übernommen. Im Strudel der allgemeinen Auflösung gingen aber auch mehrere gemischte Verbände der Nordsee-Stationen, z. B. aus Rotterdam und Wilhelmshaven, freiwillig auf Ostkurs. Siegestrunkene sowjetische Küstenbewacher schossen in die Luft, als im Mai vor Leningrad und der Reede von Kronstadt deutsche Zerstörer, Minensucher und Schnellboote mit weißer Flagge aufkreuzten.

Die deutschen Nordsee-Kommandanten brachten es nicht über sich, Schiffe dem Erbfeind zur See zu übergeben, dem sie einen ganzen Weltkrieg über widerstanden hatten.

Die Besatzungen blieben wochenlang an Bord, bis die Sowjets sich von dieser Ueberraschung gefaßt hatten. Dann feierten die roten Matrosen mit den Deutschen Verbrüderung. Nach gründlicher Mischung mit geschulten Nationalkomitee-Funktionären und sowjetischen Aufpassern übernahmen deutsche Matrosen besondere Sicherungsaufgaben.

Das Kommando über die deutschen Marine-Hiwis teilten sich zwei Matadore der verflossenen deutschen Admiralität: Generaladmiral Saalwächter, einstmals Admiral der Nordsee-Station Wilhelmshaven, dann Befehlshaber der deutschen Schwarzmeerstreitkräfte, und Admiral Voß, ehemals Marine-Berater des Führers im Wehrmachtführungsstab.

Als Feldmarschall Manstein Sewastopol geknackt und Ferngeschütze vom Thorformat die sowjetischen Marinebastionen an der Sewernaja-Bucht zerschmettert hatten, baute Saalwächter deutsche Schnell- und U-Bootbasen an der Südspitze der Krim auf. Nach Kapitulation, Verhör und Preisgabe von Marinegeheimnissen interessierten die Sowjets ihn für den Aufbau ähnlicher Basen an der Ostseeküste von Pillau bis Stettin.

In den Plan dieses Befestigungssystems hat Stalins Marineminister Malysjew auch die ostzonale Insel Rügen einbezogen. Sie wird als großer Flugzeugträger mit Marine-Flugbasis im Südteil des Jasmunder Boddens ausgebaut und mit diversen U- und Torpedoboots-Stützpunkten, Artilleriestellungen und Radarstationen gespickt.

Den Westflügel der Küstensicherung von Neuwarp bis Klütz soll jetzt die neuaufgestellte ostzonale Volksmarine stark machen helfen. Was Osternothafen bei Swinemünde für die sowjetische Marine ist, soll Stralsund für die Volksmarine des Ostzonenstaates werden. Die durch Luftangriffe und Ari-Beschuß beschädigten Kasernengebäude in der Stadt und auf der vorgelagerten Insel, über die der Rügendamm führt, sind im vergangenen Jahr schon wieder vollständig hergerichtet worden.

Anfang Dezember zogen die ersten Kaderkommandos ein. Nach folgten die Stammkompanien, eingeteilt in zwei Züge zu je sechzig Mann. Zuggliederung: Vier Gruppen zu fünfzehn. Diese Gruppeneinteilung wurde der Besatzungsstärke der Schnellboote angeglichen, zu der noch ein Kommandant, ein Wachoffizier und ein leitender Maschinist gehören.

Wie zu Zeiten der deutschen Schiffs-Stammdivision hängen in der Kaserne wieder die Wochendienstpläne auf dem schwarzen Brett neben dem UVD-Zimmer. Wecken: 6 Uhr, Zapfenstreich: 22 Uhr, sonnabends um 24 Uhr. Auf dem Dienstplan stehen: Kutterdienst, Waffenausbildung, Singen, Marschieren und politischer Unterricht.

Alte Bootsmanns- und Steuermannsmaate drillen Volksmarinerekruten, Maschinistenmaate unterrichten angehende Volksingenieuroffiziere, alte Hauptwachtmeister führen die Züge auf die Schießstände und zum infanteristischen Fußdienst.

Auch Nachtübungen gehören zum Dienstsoll. Jede Gruppe fährt einmal in der Woche nachts mit ehemaligen Kriegsmarinebooten in die Rügengewässer.

Die Grenzen der Uebungszone müssen streng eingehalten werden - Vorsichtsmaßregel von Verbindungskapitän Maxim Tschenkow, falls es einer VM-Gruppe nach Dänemark oder Schweden gelüsten sollte. Die Volksmatrosen überwachen ihrerseits den Kurs der zivilen Schiffahrt. Handelsschiffe und Fischdampfer dürfen die Kurslinien der sowjetischen Marine-Einheiten, die auf Seekarten eingezeichnet sind, nur an bestimmten Stellen kreuzen. Die Toleranz hört bei »Besteckfehlern"*) von einer halben Seemeile auf. Dann wird rücksichtslos vor den Bug geknallt.

Als deutscher Kaderkommandeur stieß Polizeikommissar Gustav Schüler zur Stralsunder Volksmarine. Er hat 1945 die Uebergabe der alten deutschen Torpedoboote und der noch intakten achtzehn Schnellboote in Rostock geleitet. Jetzt drillt er seine Kompanien für das Frühjahrsmanöver der Roten Flotte in der Ostsee:

»Ihr seid dazu berufen, Kameraden, als erste deutsche Marine-Einheiten daran teilzunehmen. Bis dahin müßt Ihr perfekt an Bord der Torpedoboote und Schnellboote ausgebildet sein!«

Nach dem Manöver soll das Kaderbataillon Stralsund als Sauerteig auf die übrigen Volksmarinegarnisonen Wismar, Rostock, Binz, Saßnitz und Bergen auf Rügen, Greifswald, Anklam und Neuwarp verteilt werden. Vor allem sollen Instrukteure für die marinetechnische Ausbildung abgegeben werden.

Für den Ausbildungsdienst stellte die Rote Flotte zwei Torpedoboote der alten deutschen Raubtierklasse, zwei Zerstörer der Narvikklasse, vier weitere Zerstörer und mehrere Dutzend Schnellboote, dazu vierzehn U-Boote vom Typ 28 (Schnorchelboote) als Erstausstattung. Damit die deutschen Kommandostellen auf direktem Kabelweg mit den Flottenkommandos der Sowjetflotte Verbindung aufnehmen können, wird jetzt ein Seekabel von Warnemünde nach Stralsund gelegt, das dann nach Pillau, Memel und Libau verlängert werden soll.

Für Rekrutennachwuchs wird vorgesorgt. Laut Anordnung des ostzonalen Ministeriums für Arbeit und Gesundheitswesen werden alle ehemaligen Angehörigen der deutschen Kriegsmarine, der Marine-HJ und Marine-SA ab sofort von den Arbeitsämtern neu registriert. Auch alle Inhaber der Patente für Sportschiffer und Sporthochseeschiffer werden in VM-Karteien erfaßt. Sie bekommen den Vermerk: »seemännische Bevölkerung« ins Arbeitsbuch. Das heißt: Ersatzreserve eins für die Volksmarine.

*) Seemännische Ortsbestimmung wird »Besteck« genannt.

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