FRANKREICH Perfektes Casting
Welch ein Feuerwerk an Energie kann dieser Mann in einer einzigen Woche entfachen!
Kaum ist die zweite Runde der Parlamentswahlen vorbei und das Schwächeln der Regierungspartei verdaut, da stellt Nicolas Sarkozy auf den Stufen des Elysée das reformierte Kabinett den Fotografen vor. Jean-Marie Le Pen, marginalisierter Führer des rechtsextremen Front national, kommt zum Tête-à-Tête, tags darauf Ex-Rivalin Ségolène Royal; auch die Parlamentarier des Regierungslagers sind zu Gast im Palast. Dann tritt Sarkozy im prunkvollen Amtszimmer vor die Kameras.
»Man kann auf dem bequemsten Teil seiner Anatomie sitzen bleiben und zuschauen, wie die Züge vorbeifahren«, verkündet er dem Volk die neue Staatsphilosophie. »Aber ich bin gewählt worden, um überall etwas in Bewegung zu setzen.« Der »Hyperpräsident« ("Le Figaro") meint es ernst mit dem angekündigten Bruch überholter Traditionen der Fünften Republik.
Welches Bild zeigt dies besser als Sarkozys Auftritt vorige Woche mit den Stars des neuen Kabinetts? Mit Rachida Dati, Rama Yade und Fadela Amara?
Frau, farbig, feministisch: Bislang waren das keine Trümpfe für eine politische Karriere in Frankreich, schon gar nicht in einer Partei wie der konservativen UMP. Und doch führt jetzt eine Maghrebinerin das Justizministerium an der Place Vendôme, eine gebürtige Senegalesin ist im Außenministerium am Quai d'Orsay zuständig für Menschenrechte, und eine Frau mit Vorfahren aus der algerischen Kabylei soll sich künftig um die sozial Schwachen der Banlieues kümmern, der in den vergangenen Jahren so oft brodelnden Vorstädte. Dati, Yade und Amara - diese Namen stehen für das erste eingelöste Versprechen der »Revolution Sarkozy«.
Welch eine Ironie! Noch während der Präsidentschaftskampagne glänzte die sozialistische Konkurrentin Ségolène Royal als Verkörperung eines gewandelten Rollenbilds und offensichtliche Favoritin der französischen Wählerinnen. Sie war es, die für die Gleichstellung der Frauen und die Integration ausländischer Minderheiten plädierte, für ein »buntes, gemischtes Frankreich«. Mit Stillschweigen überging Royal dabei, dass es die Linke über Jahrzehnte versäumt hatte, wenigstens innerhalb der eigenen Reihen mit der ethnischen Ausgrenzung Schluss zu machen.
Jetzt, gerade mal vier Wochen nach der Amtseinführung des neuen Präsidenten, erleben die verblüfften Sozialisten, dass im Kabinett von Premier François Fillon weibliche Seiteneinsteiger zu Symbolfiguren werden. Sie dienen als Markenzeichen für Sarkozys »Politik der Öffnung«, mit der sich der Chef im Elysée Rückhalt für eine radikale Runderneuerung der Nation verschaffen will.
Für die zimmerte Sarkozy eine buntgemischte, 33-köpfige Regierungsequipe zusammen: Fast ein Fünftel der Ministerrunde stammt aus den Reihen der Linken, ein
Drittel sind Frauen. Den prominenten Sozialisten Bernard Kouchner versorgte Sarkozy mit dem Posten des Außenministers. Fünf weitere Linke köderte er mit hochkarätigen Führungsposten, ein Überläufer des Zentrums erhielt das Verteidigungsministerium.
Die Berufung von Power-Frauen in Prestigeressorts wie Inneres, Wirtschaft und Forschung verschafft Sarkozy die Aura, Vorkämpfer der Chancengleichheit zu sein. Das Lager erzkonservativer Christen erfreut er, weil nun eine ausgewiesene Abtreibungsgegnerin in die Regierung einzieht. Mit Blick auf Sportfans holte der Präsident gar noch Rugby-Nationaltrainer Bernard Laporte ins Team - die schillernde Figur rückt freilich erst nach der Weltmeisterschaft im Herbst ins Amt.
»Politik der Öffnung«? Was für die »Neue Zürcher Zeitung« eine »ziemlich riskante Personalisierung seines Regierungsstils« ist, dient Sarkozy der kalkulierten Machtsicherung. Die überparteiliche Ämtervergabe an Sozialisten ohne politische Hausmacht garantiert die fast uneingeschränkte Befehlsgewalt für einen Staatschef, der unumwunden bekennt: »Ich bin ein Präsident, der regieren will.«
Das wohl glücklichste Händchen bewies er beim Kabinetts-Casting des attraktiven Frauen-Trios. Rachida Dati in der Rolle der Justizministerin - eine Idealbesetzung. Die 41-Jährige, Kind marokkanisch-algerischer Einwanderer, machte Karriere als Richterin, bevor sie als Sarkozy-Sprecherin reüssierte. Der Präsident berief sie zur Siegelbewahrerin, »damit kein Kind in unseren Vorstädten daran zweifelt, dass es in Frankreich
nur eine Gerechtigkeit gibt, eine für alle«.
Auch mit Fadela Amara gewinnt Sarkozy eine Bundesgenossin von hohem Wert. Die lautstarke Linke engagiert sich im Kampf gegen Rassismus und Diskriminierung; sie ist landesweit bekannt als Gründerin der Organisation »Weder Huren noch Unterworfene«, die muslimischen Mädchen hilft. Selbst Muslimin, soll sie sich um die maroden städtischen Randzonen der französischen Metropolen sorgen.
»Schön, schwarz, jung« - so beschreibt »Le Parisien« die Vorzüge von Rama Yade, die - gerade 30 - von Sarkozy zur Staatssekretärin für Menschenrechte gekürt worden ist. Sie wurde in Dakar als Tochter eines diplomatischen Beraters des senegalesischen Präsidenten Léopold Senghor und einer Geschichtslehrerin geboren und wuchs vor den Toren von Paris auf. Von den Sozialisten enttäuscht, offerierte die Politologin ihre Dienste der konservativen UMP - und machte blitzartig Karriere, als sie zu Sarkozys Wahlkampfauftakt vor 80 000 UMP-Anhängern mit einer grandiosen Rede brillierte. Eloquent und elegant schlug sie sich fortan bei Diskussionsforen und TV-Auftritten. Ihr Sprung ins Außenministerium vergangene Woche geriet trotzdem zur kleinen Sensation.
Gar kein Zweifel, dass der Aufstieg der farbigen Frauen sich auch für den Präsidenten lohnt. Eben noch berüchtigt für provokante Parolen, als Demagoge verschrien und immer gut für Ausfälle gegen Ausländer und Immigranten, erscheint der »Sarkozy nouveau« plötzlich als Landesvater aller Franzosen, ja als Verfechter der republikanischen Egalité. »Er macht den Versuch, Regierung und Regierte einander anzunähern«, konstatiert sogar die linke Tageszeitung »Libération« und lobt: »Das Frankreich an der Spitze entspricht mehr und mehr der bunten Vielfalt des Volkes.«
Über die weibliche Ministerriege freut sich Sarkozy nach Aussagen enger Freunde wie über einen besonders gelungenen Coup, vor allem ist er stolz auf die ersten Schritte seiner farbigen Kolleginnen. »Als ich Rachida Dati beim Obersten Rat des Richterstandes erlebte, auf ihrem roten Sessel, als Frau unter all den Männern, war ich bewegt«, gestand der Präsident.
Staatssekretärin Rama Yade nannte er anerkennend »ein verrücktes Pferd« und verstieg sich noch zu einem anderen gewagten Vergleich. »Jetzt gibt es zwei schwarze Frauen auf der internationalen Bühne«, so Nicolas Sarkozy, »die amerikanische Außenministerin Condoleezza Rice und Rama Yade.« STEFAN SIMONS
* Mit Fadela Amara und Rachida Dati (1. Reihe l.), Rama Yade(hinter Nicolas Sarkozy).