ARGENTINIEN Peron lebt
Dreißig Jahre lang hatte sich der 1895 in einem argentinischen Provinznest geborene Juan Domingo Peron zum Armeeobersten hochgedient. Ein Putsch von Offizierskameraden brachte ihm Ministerwürden und Popularität. Schnell wurde er General, Präsident, absoluter Herrscher über die Nation und schließlich mythisch verehrter Volksführer der Argentinier.
Peron verlor nie eine Wahl. Sogar aus dem Exil, in das ihn putschende Militärs nach neunjähriger Herrschaft getrieben hatten, bestimmte er wesentlich mit, wer in seiner Heimat das Sagen hatte.
Heute, kurz vor der Wahl, die am 30. Oktober das Ende der vorläufig letzten, siebenjährigen Militärdiktatur besiegeln soll, ist Peron zumindest im Kopf der 17,8 Millionen Wahlberechtigten wieder dabei. Alte Mitkämpfer haben noch immer seinen Namen auf den Lippen, Jugendliche, die ihn noch nie gesehen haben, stürzen sich mit dem Kriegsruf »Peron presente« (Peron lebt!) in die Wahlschlacht, und das Porträt des Generals, in scheinbar bigamistischer Herrlichkeit von den Bildern seiner Frauen »Evita« und »Isabel« flankiert, überragt noch jede Wahlveranstaltung der Peronisten. 1973 hatten sie die letzte Wahl mit 49 Prozent der Stimmen gewonnen - diesmal werden es weniger sein. Italo Argentino Luder heißt ihr Präsidentschaftskandidat. Der 66jährige, farblose Rechtsanwalt braucht dringend die Schützenhilfe seines toten Führers. Denn gegen den bislang so unüberwindbaren Einfluß der Geschichte tritt der Gegenkandidat, Raul Alfonsin, 56, auch er Anwalt und Karrierepolitiker, mit den politischen Waffen Perons an.
Alfonsin ist ein »Caudillo«, ein geborener Führer, dessen Reden elegant gekleidete Bürgerdamen in Ekstase versetzen und traditionell gegen seine Radikale Bürgerunion eingestellte Arbeitergruppen in Jubelbrigaden verwandeln können. Die Rückkehr zur Demokratie ist zu einem Kopf-an-Kopf-Rennen im argentinischen Chaos geworden.
Gerade um ein Chaos zu vermeiden, hatten die Militärs vor sieben Jahren die Macht an sich gerissen. Angeführt von Heeresgeneral Jorge Rafael Videla fürchteten sie 1976, nur neun Monate vor turnusmäßigen Wahlen, ein »Machtvakuum«. Neben der »christlichen Moral« und der »Würde der Argentinier« ging es den Putschisten, so vertraute es Innenminister General Albano Harguindeguy einem ehemaligen Abgeordneten an, um »die endgültige Ausrottung des Peronismus«.
Tatsächlich aber räumten die Generäle fast mit dem gesamten Land auf. Denn wie Chiles General Pinochet ließen sie die Wirtschaftspolitik in die Hände monetaristischer Technokraten fallen. Ergebnis: Zwei Millionen Arbeitslose, die Industrieproduktion fiel um 25 Prozent, die Reallöhne sanken um etwa ein Drittel, die Inflationsrate von 564 Prozent ist Weltrekord. Der teure Falklandkrieg tat ein übriges.
Besonders auf dem Land wird die Verwüstung der einst so reichen Nation deutlich. »Alles, was Geld kostet, haben die Militärs dezentralisiert - das heißt, _(Verwundeter Kriegsgefangener bei der ) _(Freilassung durch die Briten. )
sie haben es den Provinzen aufgehalst«, sagt ein peronistischer Kandidat aus der Andenprovinz Salta.
Die Sozialstatistiken Argentiniens nähern sich lange nicht mehr gekannten Drittwelt-Werten. »Ein Drittel der Kinder unter sechs Jahren ist unterernährt«, schätzt der Arzt Enrique Tanoni, Anwärter der Peronisten für die Gesundheitsbehörde in Salta, »unzählige Familien können sich einen Arztbesuch nicht mehr leisten.« Und so dringt die lange überwunden geglaubte, von Insekten übertragene »Chagas«-Seuche wieder vor.
Seuche und Hunger sind aber nur eine Seite des argentinischen Elends. Weit schlimmer noch ist die tiefe Wunde, die der Terror der Militärs im sozialen Gefüge hinterlassen hat.
»Die Mehrheit hat geschwiegen«, sagte James Neilson, Herausgeber des englischsprachigen »Buenos Aires Herald«, als die Militärs ihren sorgsam vorbereiteten Ausrottungsplan durchführten, dem bis zu 30 000 Menschen zum Opfer fielen - die »Verschwundenen«, die von den zahlreichen Geheimdiensten der Streitkräfte aus politischen Gründen verschleppt, gefoltert und zum größten Teil wohl ermordet wurden.
Gewiß gehörte die Gewalt Anfang der siebziger Jahre schon zum Alltag. Rechte peronistische Gewerkschafter kämpften mit Pistolen und Bomben gegen linke Abweichler: »Zurdo« (Linkshänder) zu sein, war für sie weit schlimmer als etwa Militär.
Guerrilleros der »Montoneros« - auch sie Anhänger Perons - mordeten wahllos, in der Hoffnung, Bürgerkrieg und Revolution zu provozieren. Doch die Militärs erhoben den Terror zur Staatsräson.
Von Reue ist denn auch unter den Soldaten und Offizieren nichts zu spüren. Die Oppositionellen »verschwanden, damit Argentinien nicht verschwindet«, meint etwa General Ramon Camps, von 1976 bis 1979, auf dem Höhepunkt der Unterdrückung, Polizeichef der Provinz Buenos Aires. »Wir haben einen gerechten Krieg gewonnen.«
Und um dies zu unterstreichen, verabschiedeten die Militärs noch geschwind ein Amnestiegesetz, das sie gerichtlicher Verfolgung entziehen soll. »Eine besonders feige Art, sich der Sache zu entledigen«, meinte ein westlicher Diplomat.
Sämtliche Parteien beteuern, das Gesetz rückgängig machen zu wollen. Und eine Sonderkommission soll sich auch dem Schicksal der Verschwundenen widmen. Strafe jedoch wird Sache der Gerichte bleiben. »Die Menschenrechtsorganisationen haben schon 2600 Klagen vorbereitet«, weiß ein Anwalt in Buenos Aires. Eine endlose Reihe von Prozessen wird also die neue Demokratie in Atem halten und die Regierung unter Druck setzen - wenn es je dazu kommt; denn die Geheimdienste und Terrorbrigaden der Militärs sind noch intakt und können jederzeit wieder zuschlagen.
Nicht ein einziges Mal in ihrer langen Putschgeschichte übernahmen die Militärs in Argentinien die Macht, ohne daß bedeutende Sektoren der zivilen Gesellschaft sie dazu aufgefordert hätten. Trotz langer Übung in den Mechanismen der Demokratie konnten die Parteien nur selten der Versuchung widerstehen, ihren vermeintlich so notwendigen und unausweichlichen Machtantritt durch Hilfe der Militärs zu beschleunigen. Der Peronismus zumal hat in Argentinien die Illusion gepflegt, daß in autoritärer, paramilitärischer Politik der Schlüssel zum nationalen Glück liege. Doch inzwischen ist die Bewegung zerrüttet von internen Spannungen. »Dies wird der letzte historische Zyklus des Peronismus«, meint ein Sozialforscher in Buenos Aires. »Luder wird die Wahl gewinnen und an der Regierung scheitern. Dann bricht der Peronismus auseinander in seinen rechten und linken Flügel.«
Wie verschiedene andere kleine Parteien unterstützen auch die Kommunisten Argentiniens Peron, weil, »Peron« eben »Volk« bedeutet. Die KP hofft, wenn es zur Spaltung der Peronisten kommt, den Anhängern des toten Caudillo eine politische Heimat zu bieten.
Die Perspektiven für eine Wiederkehr echter Demokratie sind entsprechend düster. Gegen den alten Mythos Peron setzt Radikalenführer Alfonsin sein Image als neuer Volkstribun ein. »Das Land braucht einen echten Mann«, wirbt er ungeniert auf Plakatwänden - als sei er der einzige weit und breit.
Der argentinische Präsident wird indirekt gewählt; sollte sich nach dem 30. Oktober im Kollegium der 600 Wahlmänner keine Mehrheit finden, wird die Auslese des Regierungschefs an das Parlament übergeben. Dort aber würde ein unseliger Handel einsetzen, werden sich die kleinen Parteien ihre wenigen, aber wahrscheinlich ausschlaggebenden Stimmen teuer abkaufen lassen.
Eine auf alle Fälle schwache Regierung, gestärkte Gewerkschaften und unangetastete Streitkräfte - das ist die Kräftekonstellation Argentiniens, die jede Freude über die neugewonnene Demokratie dämpfen wird. »Sobald die Wahlen vorüber sind, hole ich mir einen neuen Reisepaß«, meint düster ein Schriftsteller an einem Künstlertisch im »Cafe de la Paz« von Buenos Aires.
Verwundeter Kriegsgefangener bei der Freilassung durch die Briten.