ARGENTINIEN / KULTURKAMPF Peron oder Christus?
Der lutherische Wanderprediger und Wunderdoktor Tom Hicks ist wieder in Buenos Aires eingetroffen. Vor einem halben Jahr noch hatte er, unter dem Druck der katholischen Kirche, Argentinien fluchtartig verlassen müssen.
Der knochenköpfige Tommy Hicks hatte damals an einem einzigen Tage die »größte christliche Menschenmenge« - etwa 200 000 Argentinier - um sich versammelt. Im Fußball-Stadion »Huracán« vollbrachte er täglich 1500 Heilungen, und als der katholische Padre Monzago von der Kanzel herab seine Stimme gegen den lutherischen Wundertäter erhob, starb der Pater von einem Tag auf den anderen.
Die katholische Kirche forderte daraufhin den Staatspräsidenten Perón auf, Hicks auszuweisen. Von etwa 18,5 Millionen Argentiniern sind 16,5 Millionen Katholiken. Perón ließ Tommy Hicks kurzerhand aus dem Lande entfernen, und der Kirchenfrieden schien wiederhergestellt.
Alsbald zirkulierte jedoch in Buenos Aires das Gerücht, der Vatikan unterstütze gewisse Pläne zur Gründung einer katholisch-demokratischen
Partei als Gegengewicht zu Peróns »Justizialismus«. Und dann überraschte plötzlich der Präsident sein Volk mit einer überaus heftigen Rundfunk-Ansprache gegen den Klerus.
Zwölf Stunden lang hatte er am 10. November in seiner Vorstadt-Residenz in Olivos mit Ministern, Provinzgouverneuren, den Führern der peronistischen Partei und den Gewerkschaften verhandelt. Dann ließ er die Rundfunk-Programme unterbrechen und verkündete, daß die Zeit gekommen sei, gegen die Politisierung der Kirche vorzugehen.
Er sprach von einem »politisch-klerikalen Komplott zur Störung der Ordnung«. Überall versuche ein oligarchischer Sektor der katholischen Priesterschaft, sich in die staatstragenden Organisationen - vor allem der Arbeiterschaft und der Jugend - einzuschleichen, um die Autorität des Staates zu unterminieren. Ein führender Geistlicher der (katholischen) Universität Ateneo in Córdoba (Argentinien) habe die Gläubigen sogar aufgefordert, »zwischen Christus und Perón zu wählen«. Doch er - Perón - habe »mit Christus nie einen Konflikt gehabt« und sei ein Verteidiger des Christentums.
Schließlich verlas der Präsident die Namen dreier argentinischer Bischöfe und 21 niederer Geistlicher, die »staatsfeindliche Tätigkeit organisiert haben«. Dabei hätten die höchsten kirchlichen Würdenträger des Landes ihm erst jüngst versichert, sie verurteilten Geistliche, die sich in die Politik einmischen. Er nehme sie nun beim Wort und erwarte, daß sie seine Maßnahmen unterstützen.
Perón: »Wir würden einen großen Fehler machen, wenn wir uns wie ein Stier verhielten. Wir werden nicht gegen das Tuch kämpfen, sondern gegen den Torero ... und wir wissen, wer das ist.«
Der »Torero« parierte den Angriff am ersten Dezember-Sonntag. Von allen Kanzeln des Landes wurde ein Hirtenbrief verlesen, den sämtliche argentinischen Bischöfe gutgeheißen hatten: »Angesichts der Verleumdungen gegen einige Geistliche und gewisse katholische Organisationen ... werden wir Maßnahmen ergreifen, die der Schwere der Anschuldigungen entsprechen.«
Der Stier Perón ließ sich dadurch nicht einschüchtern. Er setzte seine Kampagne gegen den »alten Feind« (die politische Opposition) »im neuen Gewand« (des Priesters) - »immer die gleichen Hunde mit unterschiedlichem Halsband« - fort und verbot in den Morgenstunden des 7. Dezember eine Frühmesse im Dom von Buenos Aires.
Mehrere Tausend Menschen verlangten vergeblich Einlaß in das Gotteshaus. Die Menge schrie: »Lang lebe der Papst!« und »Argentinien ist katholisch!« Dann erschien die Polizei mit Wasserwerfern. Der Staatspräsident empfing zu dieser frühen Stunde den aus Tokio zurückkehrenden Box-Weltmeister im Fliegengewicht, Pascual Pérez.
Nach diesen Vorfällen beschuldigte das Organ des Vatikans »Osservatore Romano« die argentinische Regierung, »den
Katholizismus, die Freiheit der Religion und das Gewissen der Gläubigen zu unterdrücken«. Der argentinische Außenminister Remorino - selber Katholik - war um diese Zeit gerade auf Staatsbesuch in Rom. Er sagte eine bereits angesetzte Audienz beim Papst ab.
Das imponierte sogar argentinischen Politikern, die vor Perón ins Exil geflohen sind. Der ehemalige radikale Abgeordnete Rodríguez Araya erklärte in Montevideo (Uruguay): Die Kirche »nahm an, daß ihr (bisheriges) Bündnis mit dem Peronismus die sozialen Fortschritte in diesem Land unterbinden würde«.
Perón setzte inzwischen seinen Kampf gegen »jene Priester, die seit 2000 Jahren vergeblich versucht haben, die Lehre Christi zu zerstören«, fort. Die »Sünde der späten Nachfahren jener bösen Hirten« ist - laut Perón - , daß sie das peronistische Regime in Argentinien untergraben. Dem Ausland gegenüber dementierten allerdings sowohl er als auch die argentinischen Kirchenfürsten, daß ein Konflikt zwischen der Kirche und dem Staat bestehe.
Um Weihnachten entließ die Regierung 43 Hochschulprofessoren der katholischen Universität Córdoba, dem Sitz der »Insurgenten«. In Buenos Aires wurden sechs Gefängnisgeistliche aus dem Dienst entlassen. »Damit haben wir gehandelt«, erklärte Perón, »und die Angelegenheit ist nunmehr bereinigt.«
Es ist jedoch wahrscheinlicher, daß die bisherigen Auseinandersetzungen zwischen Kirche und Staat nur der Auftakt zu dem eigentlichen Machtkampf sind. Es scheint so, als ob Argentinien zur Zeit jene historische Phase nachholt, die im vergangenen Jahrhundert Deutschland im »Kulturkampf"*) und Frankreich im Streit um den »Laizismus"**) durchmachten. Die Wurzeln dieses geschichtlichen Prozesses liegen in dem zwangsläufigen Zusammenstoß zwischen den (aus der Tradition hergeleiteten) Ansprüchen der Kirche und denen des von nationalen, liberalen und sozialen Ideen geprägten modernen Staates.
Bis zum »Staatsstreich« Peróns (1944) und seiner Ernennung zum Staatspräsidenten (1946) lag die wirtschaftliche und politische Macht in Argentinien in den Händen einiger Dutzend Familien, deren Reichtum sich zunächst auf gewaltigen Landbesitz gestützt hatte. An dem wirtschaftlichen Aufschwung nach den beiden Weltkriegen, als amerikanisches Kapital in zwei großen Wellen über das Land hereinbrach, profitierten in erster Linie sie. Dem blendenden Luxus der feudalen Oberschicht standen die verluderten Massen des (mehr oder weniger) arbeitenden Lumpenproletariats gegenüber.
*) Von Rudolph Virchow geprägte Bezeichnung für die unmittelbar nach der Gründung des Bismarck-Reiches entstandene Auseinandersetzung zwischen der katholischen Kirche und dem preußischen Staat, in deren Verlauf das kirchliche Leben staatlich reglementiert ("Mai-Gesetze") und die Zivilehe eingeführt wurde. **) Bezeichnung für die kirchen- und kulturpolitische Gesetzgebung der französischen Republik im 19. Jahrhundert, deren Ziel die Verdrängung des kirchlichen Einflusses aus dem öffentlichen Leben, besonders dem Schulwesen, und die völlige Trennung von Kirche und Staat war. Die Stärke der katholischen Kirche, die sich sehr deutlich im öffentlichen Leben Argentiniens, in der Gesetzgebung und im Schulwesen hervorhob, wurde für eben diese Kirche eine Gefahr, als General Juan Domingo Perón und seine 1952 verstorbene Frau ihr soziales Reformprogramm verkündeten. Der Klerus versäumte, sich an die Spitze der Reformbestrebungen zu setzen, wie es etwa in Frankreich und Italien die katholischen Arbeiterpriester versuchen.
Zwar gab es einige Geistliche, die diese Gefahr sehr früh erkannten. So vertauschte der Padre Filippo die Kanzel seiner Vorstadtkirche mit einem Abgeordnetenstuhl der peronistischen Partei im Kongreß. Der Jesuit Benítez wurde Chef der »Stiftung Eva Perón«, und der Priester Rodolfo Carboni, der jüngst wegen Konspiration gegen die Regierung in Villa Devoto eingesperrt wurde, war längere Zeit Herausgeber des peronistischen Kampfblattes »Renovador«.
Doch die meisten dieser anfänglich zum Peronismus übergeschwenkten Geistlichen gerieten in Widerspruch zum Regime, als die Frau des Staatspräsidenten die größte und angesehenste karitative Organisation der katholischen Kirche, die »Junta de Beneficencia de Señoras«, auflöste.
In den letzten Monaten des vergangenen Jahres erhielt nun die peronistische Polizei die Nachricht, einflußreiche katholische Kreise versuchten, das verlorene Gelände durch die Bildung einer christlich-demokratischen Partei, die von »emanzipierten Geistlichen, abwegigen Politikern und Pseudo-Intellektuellen« betrieben werde, zurückzugewinnen.
In der jetzigen Legislatur-Periode setzt sich die argentinische Abgeordneten-Kammer aus 137 Peronisten und zwölf oppositionellen Radikalen zusammen. Die Regierung ist sich aber nicht sicher, ob dieses Übergewicht zu halten ist, wenn eine christlich-demokratische Partei den Peronisten Konkurrenz macht. Die Vorgänge im November und Dezember waren eine erste Reaktion des Staatspräsidenten auf Entwicklungen, die sich hinter den Kulissen Argentiniens anbahnen.
Neuerdings vertritt die Regierung die Meinung, daß nicht einzusehen sei, warum Arbeiter, Angestellte und freie Berufe sich nach religiösen Ideen politisch gruppieren sollten. Die sozialen Probleme seien für alle Bekenntnisse die gleichen und daher eine Angelegenheit des Staates.
Mit einer Serie von Polizeimaßnahmen und Gesetzen versucht der Staatspräsident, die Volksstimmung für die zu erwartenden Auseinandersetzungen aufzupulvern. Er dekretierte die Gleichberechtigung illegitimer Kinder, entzog den Geistlichen das Monopol für katholische Erziehung in den Schulen und ließ die größte katholische Zeitung des Landes, »El Pueblo«, in Buenos Aires wegen »absoluter administrativer Verantwortungslosigkeit dem Personal gegenüber« schließen. Endlich gewann Perón die Sympathien vieler Argentinier, als er dem Land die Ehescheidung bescherte.
Dann ließ Perón in der Hauptstadt über Nacht 350 bekannte Homosexuelle verhaften, argumentierte, daß die Ursache der immer stärker um sich greifenden Homosexualität das gesetzliche Verbot der Prostitution
sei und erließ ein von allen Ressortministern unterschriebenes Dekret, in dem es heißt: »Die Regierungen der Provinzen und Bundesterritorien sowie die Stadtverwaltung von Buenos Aires werden ermächtigt, innerhalb ihrer Zuständigkeit und in entsprechenden Gegenden die Einrichtung von Etablissements zu gestatten, auf die sich das Gesetz über soziale Prophylaxe bezieht.«
Die umständliche Formulierung des Dekrets besagt, daß nunmehr in Argentinien auch das Verbot der gewerblichen Prostitution aufgehoben ist.
Eingeweihte Beamte des Innenministeriums deuteten an, daß sich bereits jetzt etwa 16 000 Anwärterinnen für dieses diskrete Gewerbe in die amtsärztlichen Listen eingetragen hätten.
Mit der Einführung der Ehescheidung und der Prostitution in Argentinien beschäftigte sich ein langer Leitartikel der großen Gewerkschaftszeitung »La Prensa«. Die Balkenüberschrift lautete: »Zwei Gesetze, auf die das Volk gewartet hat.«