Perverse Legitimation - DER SPIEGEL
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Briefe

Perverse Legitimation
• aus DER SPIEGEL 15/1984
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Perverse Legitimation

(Nr. 13/1984, Tierversuche bei der Bundeswehr. Siehe auch S. 37 dieser Ausgabe) *

Ihr Bericht ist erschütternd. Welch ein heimtückisches Unrecht, welcher tägliche Krieg tobt da klammheimlich gegenüber hochentwickelten Tieren. Ich meine, wir können nun keinen Tag länger ahnungslos und gutgläubig behaupten, die Bundeswehr erfülle einen »Friedensauftrag«, wenn sie so mit Wehrlosen umgeht. Tierversuche für den Zweck der Bundeswehr sollten ausnahmslos verboten sein, wie es der Gesetzentwurf der Grünen verlangt.

Die Bundeswehr darf kein Selbstbedienungsladen sein, der sich der rechtsstaatlichen Kontrolle entzieht. Wenn also das Parlament den großen Schritt eines Verbotes der Tierversuche für wehrmedizinische Zwecke nicht zuwege bringt, muß es sich wenigstens entschließen, einer unabhängigen Tierschutzbehörde die ausschließliche Genehmigungskompetenz für Tierversuche zu verschaffen.

Nagold (Bad.-Württ.) DR. EISENHART VON LOEPER Sprecher der Aktion Verantwortung für das Tier

Was müssen das für Menschen sein, die eine wehrlose Kreatur für solch sinnlose und grausame Versuche mißbrauchen!

Stams-Haslach (Tirol) MARIA HAMMER

Mit seinen Steuern bezahlt jeder auch weiterhin diese »Pseudo«-Wissenschaftler, die auch in Zukunft lebensverachtend Tiere quälen, um längst Erwiesenes zu erforschen. Eine perversere Legitimation für Tierquälerei als das »Humanermachen einer Waffe« gibt es wohl nicht.

Calw (Bad.-Württ.) HANS-JÜRGEN WULFRATH Wehrpflichtiger

Als ehemaliger Freiwilliger kann man sich nur schämen, der Bundesrepublik gedient zu haben.

München LOTHAR RADAU

Nicht nur, daß man sich der wehrlosen Tiere bedient - nein, man hält es nicht für nötig, den Riecher mal aus dem Bau zu stecken, um nach »Forschungsergebnissen« in anderen Ländern zu sehen. Jeder murkst auf seine Weise, Tiere gibt's ja genug, und niemand klopft den Experimentatoren auf die Finger.

Berlin GABY BUCH

Die angeführten Praktiken der unsinnigsten aller Tierversuche überhaupt, nämlich im Bereich der militärischen Forschung bei der Bundeswehr, lassen selbst gut informierten Tierschützern das Blut in den Adern gefrieren.

Schwabach (Bayern) HILDEGARD DÖRFLER Tierversuchsgegner Nordbayern e. V.

Zutiefst getroffen von Ihrem Artikel frage ich, was kann ich, was können denkende und fühlende Menschen tun gegen solche unfaßlichen Perversionen? Sind diese Gehirne noch als normal zu bezeichnen und zu tolerieren, die unter dem Deckmantel des Expertentums und verborgen hinter dem anscheinend unkontrollierbaren Militär ihren Sadismus ungestraft und ungezügelt ausleben? Dies alles sprengt meine Vorstellungskraft, hier gibt es keinerlei Hemmungen mehr gegenüber Lebewesen. Ich fühle mich unbeschreibbar hilflos.

Einbeck (Nieders.) MARTINA HIRT

Mich fröstelt - so will ich nicht »verteidigt« werden!

München GERHARD HRUBY

Ich schäme mich, daß ich vor drei Jahren meinen Grundwehrdienst, auf den ich bis jetzt eigentlich stolz war, bei einer solchen Bundeswehr abgeleistet habe.

München RALPH-THOMAS SCHIEDER

Hoffentlich werden die angeblichen Tierschützer in Regierung und Parlament jetzt endlich einmal wach!

Köln ILONA UND DIETER MEIER

BRIEFE

Harter Widerstand

(Nr. 13/1984, SPIEGEL-Gespräch mit Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher über Europa-Politik) *

Das SPIEGEL-Gespräch macht in bestürzender Weise das Desinteresse des deutschen Außenministers an Fragen der

finanziellen Belastung der Bundesrepublik durch die EG deutlich.

Wenn Großbritannien 23,4 Prozent der europäischen Budgetlasten in Brüssel zu zahlen hat und 13,2 Prozent nach Großbritannien zurückfließen, dann sind die von Großbritannien netto noch zu zahlenden 2,6 Milliarden Mark »unzumutbar«.

Wenn die Bundesrepublik mit 5,5 Milliarden Mark Nettozahlung 27,3 Prozent der europäischen Ausgaben finanziert und nur 14,2 Prozent aus Brüssel zurückfließen, dann ist der Hinweis auf dieses Mißverhältnis »eine falsche Einsicht in die Bedeutung der Europäischen Gemeinschaft«, wie Herr Genscher ausführte. Der Bundesaußenminister kann sicher sein, daß auch die Kosten des letzten Brüsseler Gipfels aufgedeckt werden, und er harten Widerstand zu erwarten hat, wenn er eine derartige Großzügigkeit im Umgang mit dem Geld des deutschen Steuerzahlers im Ausland durch weitere Kürzungen bei den sozial schwachen Schichten der Bevölkerung finanzieren will.

Gelsenkirchen JOACHIM POSS SPD-MdB

BRIEFE

Nebelreiter und Fußvolk

(Nr. 12/1984, SPIEGEL-Gespräch mit IG-Metall-Vorstand Hans Janßen und Gesamtmetall-Chef Dieter Kirchner über die Verkürzung der Arbeitszeit; Nr. 13/1984, 35-Stunden-Woche: Sinkende Zustimmung an der Gewerkschaftsbasis) *

Wenn ich die Diskussion zwischen Herrn Kirchner und Herrn Janßen aufmerksam verfolge, dann frage ich mich am Schluß, wo denn eigentlich das erklärte Ziel unserer Industriegesellschaft geblieben ist, nämlich allgemeine Arbeitserleichterung, sprich: -verkürzung?

Die heilige Kuh »Produktivität«, die beide nicht antasten mögen, hat uns neben materiellem Wohlstand den fast totalen Verlust des natürlichen Lebensumfeldes, Neurosen, Angst und Butterberge beschert und wird sich früher oder später dort plafonieren, wo wir mangels Raum und Zeit gar keine neuen Konsumgüter mehr gebrauchen werden können, sondern uns mit Ersatz von Verbrauchtem beschränken müssen. Bei daraus resultierendem Nullwachstum minus fortschreitender Automation muß die Arbeit dividiert werden, damit alle was davon haben, das ist doch klar! Das geht nicht ohne Gewinneinbußen, aber auch nicht ohne Verdiensteinbußen derer, die die Arbeit quasi beschlagnahmen.

Montpezat-de-Querzy (Frankreich) DR. UDO THEISSEN

Der Hohn und Zynismus von Herrn Dr. Kirchner ist kaum noch zu überbieten. Erst vernichten die Arbeitgeber mehr als 2,1 Millionen Arbeitsplätze, um im nächsten Atemzug zu beteuern: »Die Arbeitgeber haben nicht das geringste Interesse an Arbeitslosigkeit. Sie haben ein vitales Interesse, aus politischen, humanitären und ökonomischen Gründen, die Arbeitslosigkeit so rasch zu reduzieren ...« Frage, Herr Dr. Kirchner: Wo sind denn die neuen Arbeitsplätze? Muß man wirklich mit Ihnen über Ihre gesellschaftliche Verantwortung in Tarifkommissionen verhandeln, wo Sie doch noch vor wenigen Jahren Ihre hohen Gewinne mit dieser »enormen« gesellschaftlichen Verantwortung gerechtfertigt haben?

Es ist wohl eher so, daß Ihnen das Heer an Arbeitslosen als Reglementierungsmittel sehr recht ist: Nach dem Motto: »Wenn's dir hier nicht mehr paßt, kannst du ja gehen, draußen steht einer, der macht's für 'ne Mark weniger pro Stunde«; so läßt sich's gut Profite machen!

Henstedt-Ulzburg (Schlesw.-Holst.) BERND SIEMSEN IG-Metall-Mitglied

Wo nehmen nur die Verfechter der »35-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich« ihre gehirnakrobatischen Argumente her?

Pinneberg (Schlesw.-Holst.) HANS SCHÄFER Kleinunternehmer mit 3 Mitarbeitern

Die Gewerkschaften - allen voran die IG Metall - reiten auf dem falschen Pferd der 35-Stunden-Woche. Dabei haben diese Nebelreiter (Funktionäre) hoch zu Roß das Fußvolk (Malocher) vollkommen aus den Augen verloren.

Karlsruhe NIKOLAUS MÜLLER

BRIEFE

Magier des Fußballs

(Nr. 13/1984, Sport: Über Fußball-Bundestrainer Jupp Derwall) *

Was ich schon immer gefürchtet habe: Ihr Photo beweist es - Jupp Derwall hat zwei linke Hände! Zumindest hängt, wenn man Ihrem Photo glauben soll, auch an Jupps rechtem Arm eine linke Hand. Und so spielt die Truppe ja auch!

Bad Cadzand (Niederlande) WOLFGANG FENGLER

Das Photo überzeugt nun hoffentlich auch die letzten Zweifler davon, daß Herr Derwall zwei linke Hände hat.

Rehe (Rhld.-Pf.) MATTHIAS JUNG

Für mich steht es jetzt fest: Derwall ist der Magier des Fußballs!

Wilhelmshaven (Nieders.) M. STELGENS

BRIEFE

Auf der Suche

(Nr. 12, 13/1984, SPD: Bundesgeschäftsführer Peter Glotz über die Organisation einer regierungsfähigen Linken) *

Peter Glotz hat mit großer Sachkunde und Weitsicht eine faszinierende Utopie für eine bessere Politik entworfen. Aber ob sie über eine »regierungsfähige Linke« zu organisieren ist, muß bezweifelt

werden. Erst aus dem Druck breiter Bevölkerungsschichten werden von den bisher etablierten Parteien »radikale Veränderungen« politisch gehandelt. Dieser Druck kommt nicht nur von links, sondern aus allen Richtungen.

Düsseldorf DR.-ING. JOSEF LEHMBROCK

Wir brauchen keine Glotz-Arithmetik. Wir brauchen kein Leipziger Allerlei. Wir brauchen jetzt die harten Parolen des »Schwedischen Modells": Hände weg von der freien Marktwirtschaft, dafür aber die Auflage größter sozialer Gerechtigkeit und außerdem: die Machtbegrenzung durch Konzernentflechtung.

Bremen HEINRICH SCHRIEVER

Als Oppositionspolitiker begibt sich Glotz auf die Suche, sich, SPD und Gewerkschaften im linken Politspektrum aufzustöbern. Wer sagt diesem kühnen Phantasten endlich, daß sein Vorhaben zum Scheitern verurteilt ist!

Siegen (Nrdrh.-Westf.) ULRICH BECKMANN

Diese zweiteilige Serie war eine Wohltat. Und doch: In der Überschrift ist von »Wünschen« die Rede ("Keine Angst vor Wünschen"), also etwas, was die »Gefühle« anspricht - aus den Zeilen aber spricht der »Verstand«. Da möchte ich am liebsten mal rausschreien: Hören wir endlich auf, so zu tun, als sei Politik überwiegend eine Sache des Verstandes.

Zwesten (Hessen) DR. HERBERT SCHULTZ-GORA

BRIEFE

Genialischer Luftikus

(Nr. 8/1984, Psychoanalyse: Ein amerikanischer Sanskrit-Forscher behauptet, Freud selbst habe seine wichtigste Theorie verraten) *

Endlich weiß es die Welt: Sigmund Freud hat seine ursprüngliche Einsicht in die sexuelle Verführung und Vergewaltigung von Kindern in seiner späteren Neurosenlehre unterdrückt. Ein »genialischer Luftikus« aus Amerika namens Masson hat diese Wahrheit ans Licht gebracht.

Es wäre wohltuend gewesen, wenn der SPIEGEL wenigstens in einer Fußnote angemerkt hätte, daß sich Masson an eine langjährige Debatte über Freuds »Verführungstheorie« angehängt hat, die vor allem durch die Arbeiten von Alice Miller und Marianne Krüll ("Freud und sein Vater") in Gang gekommen ist und darüber hinaus in der wissenschaftshistorischen Freud-Forschung schon längst eine Rolle spielt. Ganz zu schweigen von jenem kürzlich erst wiederentdeckten Selbstanalytiker Ernest Pickworth Farrow ("A practical method of self-analysis"), der sich noch kurz vor Freuds Tod mit diesem brieflich über die Bedeutung der realen Kindheitsträume bei der Entstehung der Neurosen auseinandergesetzt hat.

Aber was zählen solche Feinheiten gegenüber einem handfesten Skandal und seiner publizistischen Vermarktung?

Freiburg PROF. DR. MED. DR. PHIL. HEINZ SCHOTT Albert-Ludwig-Universität

Aus Marianne Krülls Analyse wird deutlich, daß Freud die Verführungstheorie nicht aus Gründen seiner Sorge um seine äußerliche Reputation aufgab, wie Masson zu behaupten scheint, sondern daß es hier sehr vielschichtige Zusammenhänge gab, die tief in Freuds früheste Kindheit hineinreichen und insbesondere mit seiner Vaterbeziehung in Zusammenhang stehen.

Daß Masson solche Zusammenhänge offenbar nicht berücksichtigt und lediglich sensationell aufgemachte Behauptungen über Freuds Motive in den Raum stellt, wirft vielleicht eher Licht auf seine Person als auf Freuds.

Schade, daß wichtige und notwendige Revisionen der Einschätzung seines epochalen Werkes durch solche sensationslüsterne Effekthascherei verwässert oder zerredet werden. Ich empfehle jedem, statt Massons Buch das von Marianne Krüll zu lesen.

Heidelberg PROF. DR. MED. DR. PHIL. HELM STIERLIN Ruprecht-Karls-Universität

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