PETER KREUDER † - DER SPIEGEL
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NACHRUF PETER KREUDER †

• aus DER SPIEGEL 28/1981
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Seine Wurzeln lagen bei Mozart und beim Jazz. Im Chanson wie im Symphonischen war er zu Hause. Im Tonfilmatelier wie in der Bar nebenan stand er seinen Mann, und nicht minder tat er das als Frauenliebling, als selbsternannter, allumfassender Meistererotiker, dessen Maulhurerei immer wieder durch Selbstironie und Sentimentalität zurückgenommen wird. Was auf Berlin als Geburtsort zu deuten scheint.

Dabei ist Peter Kreuder in Aachen zur Welt gekommen; am 18. August 1905 in der Garderobe des Stadttheaters, während sein Vater, ein Wagner-Sänger, im zweiten Akt der »Götterdämmerung« die Frage stellt: »Schläfst du, Hagen, mein Sohn?«

Peter Kreuder senior, ein wilhelminischer Übervater, wie ihn Heinrich Mann nicht unsäglicher hätte ersinnen können, wies dem musikversessenen Wunderkind Peter Kreuder junior den Weg; und zwar den Weg in die andere Richtung: weg von Walhall und zunächst hin zu Mozart. Der Sechsjährige spielt im Kölner Gürzenich Mozarts kleines A-Dur-Konzert. Es beginnen die Wanderjahre der Künstlerfamilie.

Das Berlin, in das Max Reinhardt ihn 1930 als musikalischen Leiter seiner Bühnen rief, war die Stätte, an der Peter Kreuder später seine größten Triumphe feierte. Er arbeitete im Plattenstudio und schrieb für Greta Keller die Balladen »Es kann zwischen heute und morgen« und »Wenn die Sonne hinter den Dächern versinkt«.

Es meldete sich der Tonfilm, und mit ihm setzte sich die Reihe jener Klassefrauen fort, die der Komponist in seinen beiden Autobiographien mit so hemmungsloser Diskretion schildern und vorüberswingen lassen sollte: Pola Negri, die ihren Whisky aus silbernen Schalen trank, und Rosita Serrano ("war leider Kleptomanin"); Marlene Dietrich, die sich »wirklich sehr stark für andere Frauen interessierte«, und Zarah Leander und Marika Rökk und, und ...

Irgendwie und irgendwo (Trude Hesterberg sogar auf der Orgelbank) hat er sie alle geliebt. Aber er hat für sie alle und für viele ihrer männlichen Kollegen auch ganz fabelhafte und dauerhafte Lieder geschrieben: vom gottvoll albernen »Ich wollt', ich wär ein Huhn« zum wienerischen langsamen Walzer »Sag beim Abschied leise Servus«; neben Marika-Rökk-Spezialitäten wie »Ich brauche keine Millionen« eben auch das bluesnahe »Wo ist der Mann?« und das resolute, so gar nicht zeitgemäß jazzige »Komm spiel mit mir Blindekuh«.

Wenn sie nicht gerade im Slow-Tempo daherkamen und durch ihren harmonischen Reichtum auf die gediegen klassisch-romantische Ausbildung verwiesen, gaben sie sich nämlich beswingt, die Kreuder-Melodien.

Denn die Parole hieß bald »Swingtanzen verboten« in jenen Tagen. Aber der Jazz-Käfer, der den jungen Pianisten einst im Dunstkreis der »Weintraub-Syncopators« gekniffen hatte, ließ auch den gereiften Komponisten im Dritten Reich nicht los.

Mit kleinen Gruppen, die er natürlich nicht »Swing-Combos« nennen durfte, hatte er im Plattenstudio musiziert und Duke-Ellington-Kompositionen noch gefährlich lange im Repertoire gehalten. Listig gelang es ihm, den Elan und die rhythmische Pikanterie der negroiden, der nichtarischen Fremd-Musik an den Ohren der Reichsmusikkammer vorbeizuschleusen, sie diplomatisch einzudeutschen.

Die Nazi-Größen müssen das gespürt haben. Geduldet haben sie ihn, aber nicht geliebt.

Die Reste vom Nonkonformismus der zwanziger Jahre blieben auch in den Ufa-Triumphen der dreißiger Jahre spürbar, nahmen den Schlagern die allzu blöde Sonnigkeit, gaben ihnen Untertöne von Verzagtheit, Obertöne eines verantwortungslosen Übermuts, und jeder mag für sich entscheiden, ob er aus alledem nun das Dennoch, den Trost in schwerer Zeit oder das eklig Affirmative heraushört.

Eines jedoch ist über jeden Zweifel erhaben: Der Mann war ein Melodien-Erfinder erster Wahl. Seine Evergreens werden so bald nicht verwelken, weil sie auf der Basis des Handwerks und aus den Wurzeln der Inspiration gewachsen sind. Die Erklärung ist banal. Das Geheimnis bleibt.

Peter Kreuder starb am vorletzten Sonntag in Salzburg.

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