Phantom mit Homburg - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 33 / 131

ZEITGESCHICHTE Phantom mit Homburg

Jahrzehntelang amüsierten sich Diplomaten mit dem erfundenen Kollegen Dräcker. Nun würdigt ein Handbuch des Auswärtigen Amtes den Ministerialdirigenten.
Von Hans-Ulrich Stoldt
• aus DER SPIEGEL 33/2000
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Im Sommer 1970 erhält der deutsche Botschafter in Neu-Delhi, Günter Diehl, einen diffizilen Auftrag: Auf Wunsch des Bonner Auswärtigen Amtes (AA) soll er die geheimnisvollste Figur der deutschen Diplomatie ausfindig machen - den Ministerialdirigenten a. D. Dr. h. c. Edmund F. Dräcker. Das ist nicht einfach, denn Indien ist recht groß.

Botschafter Diehl wird dennoch fündig. Er hört sich in Guru-Kreisen um und entdeckt den Ministerialdirigenten a. D. in einem kleinen Dorf nahe dem später in anderem Zusammenhang berühmt gewordenen Poona. Dort sitzt der mittlerweile 82-jährige Dräcker nahezu nackt in einer schmucklosen Hütte, hat Bart und Haupthaar hennarot gefärbt und gibt zwei jungen indischen Damen - »von ausgesuchter Schönheit«, wie Diehl wenig später »streng vertraulich« nach Bonn kabelt - Sanskritunterricht. Oder das, was er dafür hält.

Denn in Wahrheit geht es dem Ex-Diplomaten um die »Analyse der erotischen Gebräuche im Tantrismus«, wie Botschafter Diehl nicht ohne neidischen Unterton notiert: »Er bemerkte beiläufig, er verbinde seine Vorlesungen und Studien mit praktischen Übungen.«

Kein Wunder, dass der rüstige Alte die von Diehl überbrachte Offerte dankend ablehnt, einen (neu zu schaffenden) Lehrstuhl für »Indische Mythologie« an der Freien Universität in Berlin zu besetzen.

Schade eigentlich - hätte man doch den legendären Diplomaten, der mit Mao den Jangtsekiang durchschwamm und geheime Missionen im Nahen Osten und in Moskau erfüllte, gern ein Weilchen aus der Nähe beobachtet. So aber gab es auch weiterhin nur vereinzelt Berichte über den agilen Herrn, der bis ins allerhöchste Alter spektakuläre politische Verwicklungen entfachte und zu entflechten half.

Dieser Tage nun erfährt Ministerialdirigent a. D. Edmund F. (für Friedemann) Dräcker postum mit der Aufnahme in das offizielle »Biographische Handbuch des deutschen Auswärtigen Dienstes"** die ihm gebührende Würdigung. Penibel schildert der Historische Dienst des Auswärtigen Amtes den Lebenslauf Dräckers, geboren am 1. April 1888 in Suleyken (Ostpreußen), und seine Karriere vom Vizekonsul in Bombay (1911) bis zum Sonderberater der Europäischen Kommission in Brüssel für die Normierung von Seemannsgarn (nach 1985).

Dumm nur - es gab ihn nie.

Er existierte lediglich in der Phantasie einiger Diplomaten, Politiker und Journalisten, später dann auch in Notenwechseln, Akten und geheimen Depeschen. Ein »Phantom mit Homburg«, wie der SPIEGEL 1967 schrieb, als er Dräckers virtuelle Vita entlarvte, gleichzeitig aber in weitsichtiger Dialektik die eigene Story überschrieb: »Dräcker lebt«.

Seine Geschichte begann an einem heißen Sommertag des Jahres 1936 in der deutschen Botschaft zu Rom. Legationssekretär Hasso von Etzdorf saß in einer öden Konferenz, als plötzlich - wie vorher abgesprochen - der Amtsgehilfe Möller ins Zimmer trat: Ministerialrat Dräcker vom Reichsfinanzministerium in Berlin sei soeben eingetroffen und wünsche Herrn von Etzdorf dringend zu sprechen.

Der sprang sogleich auf, verließ die Sitzung und auch die Botschaft und eilte um die Straßenecke zur

Piazza dei Santissimi Apostoli. Dort gab es eine Taverne, die kühle »Birra Dreher« ausschenkte. Und darum ging es Etzdorf.

Die Brauerei Dreher hatte ihn inspiriert, den Namen Dräcker zu erfinden und damit immer mal wieder Grund für erfrischende Pausen während staubiger Konferenzen zu haben. Bald weihte Etzdorf Freunde ein: »Wir ließen Dräcker wie ein lebendes Wesen agieren und überall in der Welt auftreten, wo Leute aus unserem Kreise saßen«, gestand Etzdorf später.

Der diplomatische Homunkulus gewann an Gestalt, an Farbe und Charakter.

Durch eine Anfrage beim Reichsarchiv »betr. Ministerialrat Dr. Dräcker« wurde er schließlich aktenkundig und damit für die Bürokratie unsterblich. Nach dem Krieg nahm sich ein Dräcker-Fan im AA-Archiv des Vorgangs an und fragte bei der Alliierten Hochkommission an, ob Dräcker NS-belastet war - natürlich nicht.

Unentwegt bastelten Freunde an Dräckers Lebenslauf. Und weil seine Erfinder und Förderer in der jungen Bundesrepublik politische Karriere machten, rückte das Phantom mit ihnen auf. 1962 assistierte Dräcker gar Bundespräsident Heinrich Lübke bei einem Staatsbesuch in Indien und ließ sich von dessen englischen Sprachkapriolen anregen. Lübke hatte nach der Unterkunft deutscher Stahlwerker gefragt: »How are they undercome?«

Dräcker reüssierte dann in mehreren Vorträgen mit eigenen Sprachkreationen, etwa einem »She is better than her cry« oder »He has one in the crown«. So tickerte es die deutsche Botschaft jedenfalls am 14. Dezember 1962 nach Bonn.

Dann schien das schöne Spiel plötzlich aus zu sein: Der SPIEGEL-Bericht zerriss das sorgsam gepflegte Gespinst.

Ein lebhaftes Echo blieb nicht aus: Die einen sprachen von »publizistischem Meuchelmord«. Andere bedankten sich, dass der SPIEGEL die Existenz Dräckers sozusagen ausgelöscht habe und es diesem nun wieder möglich werde, ganz im Verborgenen »sein segensreiches Wirken fortzusetzen«, wie der damalige Chef des AA-Planungsstabs und spätere Indien-Botschafter Diehl schrieb.

Dräcker fand auch nach der Entlarvung prominente Förderer, die eloquent ignorierten, dass es ihren Schützling nicht gab. Am Vorabend des deutschen Uno-Beitritts etwa schlug 1973 der Leiter des Bundespresseamts, Rüdiger von Wechmar, vor, Dräcker in die deutsche Delegation aufzunehmen - das Kanzleramt unterstützte »die Nominierung Dräckers ohne jede Einschränkung«. Im Jahr darauf kam Kanzler Helmut Schmidt nicht umhin, Dräckers wirtschaftsdiplomatische Ahnungen unter dem Motto »Deflation durch Askese« zu loben.

Pünktlich zum 1. April 1982 löste die »Frankfurter Allgemeine« mit einem vierspaltigen Korrespondentenbericht einen deutsch-deutschen Eklat aus: »Deutsche Flagge auf deutschem Eis«, hieß es dort, »bahnbrechendes Tun des früheren Ministerialdirektors Dr. Dräcker in der Antarktis«.

Der habe eine Lücke im Antarktis-Vertrag entdeckt, mit dem die wirtschaftlichen Nutzungsrechte des Eiskontinents definiert waren, und mit vier Flaggen auf einer »recht großen Scholle« bundesdeutsche Hoheitsrechte gesichert.

Empört kommentierte Ost-Berlin die freche Aktion des Klassenfeinds: »Hinter all diesen Aktivitäten verbirgt sich in erster Linie die Sorge imperialistischer Monopole, bei der Erschließung der reichsten Rohstoffvorkommen zu kurz zu kommen.«

Die Stimmung war heiter im Bonn jener Zeit.

Wann Dräcker starb, ist nicht bekannt. Als Datum findet sich im »Biographischen Handbuch« auf Seite 457 nur die vage Jahresangabe 1989 - und die ist noch mit Fragezeichen versehen.

»Genauer kann man das nicht sagen, weil die Quellen fehlen«, sagt Mitherausgeberin Maria Keipert und verteidigt zugleich die Erwähnung des Phantoms in der offiziellen Schrift: »Eine Persönlichkeit wie Dräcker darf in so einem wissenschaftlichen Standardwerk einfach nicht fehlen, auch wenn es ihn nicht gegeben hat.«

Bedauerlich nur, dass kein vernünftiges Foto von Dräcker aufzutreiben war: »Wir haben leider nur eins gefunden, auf dem man ihn nicht erkennt«, sagt Keipert.

Auch der SPIEGEL hatte einst ein Foto mit Dräcker gezeigt: Dräcker im Kaisermanöver von 1909 inmitten einer Schar von Soldaten als 23. Schütze von rechts.

»Dies entspricht in keinem Fall der Wahrheit«, erreichte darauf ein bitterer Brief die Hamburger Redaktion. »Vielmehr hatte ich an jenem Tag die Position des 24. Schützen (vertretungsweise) inne.«

Absender: Edmund F. Dräcker, z. Z. Ingolstadt. HANS-ULRICH STOLDT

* Oben: in Brüssel; unten: »Dräcker im Kaisermanöver 1909«,"Welt«-Meldung, »Dräcker auf Inspektionsreise im Hinteren Orient1922«.** »Biographisches Handbuch des deutschen Auswärtigen Dienstes,1871 - 1945, Band 1«. Schöningh-Verlag, Paderborn; 640 Seiten; 248Mark.

Zur Ausgabe
Artikel 33 / 131

Mehr lesen über