Pikante Details - DER SPIEGEL
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LEGENDEN Pikante Details

Jahrzehnte lagerte eine Akte über den Hauptmann von Köpenick auf einem Dachboden. Sie zeigt, wie viel Spaß dem Hochstapler seine Gaunereien machten.
• aus DER SPIEGEL 37/2002
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Doktor der Jurisprudenz Max Gien, Jahrgang 1889, hatte einen untadeligen Ruf. Jahrelang, bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs, hütete er die Akten der einst unabhängigen Stadt Köpenick, die seit 1920 zu Berlin gehört.

Doch irgendwann müssen den Mann die preußischen Tugenden verlassen haben. Wahrscheinlich kurz vor dem Einmarsch der Russen muss er in das Archiv des Rathauses gegangen sein und die wohl wertvollste Akte geschnappt haben, die hier je lagerte: die »Acta des Magistrats zu Cöpenick betreffend die Beraubung der hiesigen Stadtkasse durch den Schuhmacher Wilhelm Voigt« - die Magistratsunterlagen also über jenen Geniestreich, der aus dem Ganoven Voigt 1906 den legendären »Hauptmann von Köpenick« werden ließ. Der Schriftsteller Carl Zuckmayer setzte ihm 1930 mit einem Volksstück ein literarisches Denkmal - Heinz Rühmann 1956 eines auf Zelluloid.

Ob Justiziar Gien die rund hundert Blatt tatsächlich vor den Russen retten wollte? Oder ob er sie - wie Familienmitglieder vermuten - »einfach mitgehen ließ«? Auf jeden Fall lag das kostbare Konvolut lange Jahre auf dem Dachboden von Giens Groß-Großnichte Garnet Gien-Weber im hessischen Königstein. Sie hat jetzt das getan, was die Familie schon lange vorhatte: die Odyssee der Akte zu beenden und sie dem »rechtmäßigen Eigentümer« (Gien-Weber) zuzuführen.

Wohl verpackt in einem großen Paket (DIN A2) traf der Papierstapel jüngst im Köpenicker Heimatmuseum ein, wo ihn nun Direktor Claus-Dieter Sprink in einem säurefreien Karton verwahrt. Ein »Sensationsfund«, jubelt er und greift behutsam zu den einzelnen Blättern.

In feinster Kanzleischrift finden sich pikante Details der sagenhaften Geschichte, »die das Bild von Voigt schärfen« (Sprink). Sie belegen etwa, welchen Spaß der Hochstapler bereits zur Tatzeit an seinem Streich hatte.

Ganz Europa lachte über den Kadavergehorsam preußischer Beamter, die vor einer Uniform strammstanden - egal, wer drinsteckte.

Am 16. Oktober 1906 hatte der vorbestrafte Schuster Wilhelm Voigt, mit einer gekauften Uniform als Hauptmann verkleidet, zunächst die Wache der Militär-Schwimmanstalt und die des Schießstandes seiner Befehlsgewalt unterstellt.

Dann gab er den Soldaten Order, ihm ins Rathaus zu folgen. Sein Ziel: ein Pass, den ihm die Behörden seit geraumer Zeit verweigerten. Als der falsche Hauptmann bemerkte, dass es keine Passstelle im Rathaus gab, beschlagnahmte er stattdessen die Magistratskasse mit rund 4000 Mark - und ließ auch gleich noch den Bürgermeister verhaften. Anschließend verschwand Voigt mit dem Geld nach Hause, während die Soldaten Bürgermeister und Kassenrendanten stur abführten.

Zehn Tage lang suchten die Behörden den falschen Hauptmann, bis ihn ein ehemaliger Zuchthauskollege denunzierte. Voigt bekam vier Jahre aufgebrummt, Wilhelm II. begnadigte ihn jedoch bereits nach der Hälfte der Zeit.

Mit welchem Vergnügen Wilhelm Voigt während der Tat den Triumph auskostete, zeigt nun zum Beispiel eine Quittung aus der Akte, die ihn der Köpenicker Kassenrendant Wiltberg unterzeichnen ließ - schließlich musste auch eine Beschlagnahme ihre Ordnung haben. Voigt, der mit »von Malzan« unterschrieb, weil ihm der Name seines letzten Zuchthauschefs in den Sinn kam, rechnete fein säuberlich noch einmal nach, wie viel Geld ihm der Mann aus der Kasse in Scheinen und Münzen gereicht hatte: 4000 Mark und 70 Pfennig.

Doch unter dieser Summe findet sich auf der Quittung noch eine andere Zahl: 4002 Mark und 37 Pfennig, die laut Auskunft des Rendanten am Tag zuvor in der Kasse waren. »Voigt monierte die Differenz«, erklärt Sprink und verweist auf zwei große Fragezeichen, die der »Hauptmann von Köpenick« schwungvoll neben die Zahlen gesetzt hatte. »Es muss ihm ein Vergnügen bereitet haben, den Fehler der Bürokratie zu bemerken.«

Neu ist für den Historiker auch: Gleich an sieben Denunzianten wurden die von der beraubten Stadt zur Belohnung ausgesetzten 2000 Mark ausgezahlt, vier weitere Informanten gingen leer aus.

Den meisten Lohn (1200 Mark) kassierte ein ehemaliger Mithäftling von Voigt - Paul Kallenberg. Er hatte seinen früheren Zellenkumpan auf einem Steckbrief an einer Litfaßsäule erkannt. So gut war das Phantombild, dass auch der Zeichner entlohnt wurde - mit 100 Reichsmark. Ein weiterer Profiteur war der Händler, der Schuster Voigt eine Uniform verkauft hatte.

Kurioserweise machte der Magistrat so fast die Hälfte jener Summe locker, die Voigt einst erbeutet hatte. Der Hochstapler war im Vergleich dazu mit dem Staatseigentum sparsam umgegangen: Von den 4000 erbeuteten Mark hatte er bis zu seiner Verhaftung gerade mal 29 Mark und 70 Pfennig ausgegeben - für einen neuen Anzug. CAROLINE SCHMIDT

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