Hausmitteilung Pillen
Datum: 12. September 1983 Betr.: Pillen, DDR-Flucht Beschäftigt sich der SPIEGEL kritisch mit Kritikwürdigem in der Ärztezunft oder der Arzneimittelbranche, ist er auf besonders heftige Reaktionen gefaßt. »Infame Story«, »Hetztiraden": So schallt es - weiß der Doktor warum - oft mehr rabiat als rational aus Zunft und Branche zurück.
Auch diese SPIEGEL-Ausgabe könnte solches Echo auslösen. Berichtet wird über den besorgniserregend angestiegenen Tablettenkonsum der Deutschen und die erstaunlich emporgeschnellten Umsätze der Pharma-Industrie sowie über ein neues Nachschlagewerk, in dem erstmals 2000 marktgängige Medikamente nach Art der Stiftung Warentest beurteilt werden. Grippe- und Rheumamittel, Beruhigungsmittel und durchblutungsfördernde Mittel zum Beispiel - sind sie therapeutisch zweckmäßig, wirkungslos oder sogar schädlich, ist ihr Preis angemessen, oder gibt es qualitativ identische, aber preisgünstigere Alternativen?
Auszüge aus dem »kritischen Ratgeber« mit dem Titel »Bittere Pillen« zeigen, wie wenig eifernd, wie sachlich dessen vier Autoren, darunter ein früherer Pharma-Manager und ein Medizin-Soziologe, über »Nutzen und Risiken« der Arzneimittel aufklären. Ihr Fazit ist freilich alles andere als ein Tranquilizer: 62,3 Prozent der bewerteten Medikamente fallen unter die Rubriken »wenig zweckmäßig« oder »abzuraten« ("Wegweiser durch den Pillen-Dschungel«, Seite 221).