Plan oder Panik - DER SPIEGEL
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SEXUALVERBRECHEN Plan oder Panik

Nach dem Geständnis eines Jugendlichen, der in Doberstau bei Halle ein Mädchen erdrosselte, streiten die Experten wieder über den richtigen Umgang mit Tat und Täter.
• aus DER SPIEGEL 22/1998
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Erst als er sich in Widersprüche verstrickt hatte, gab Marcus T. das Leugnen auf. Die Ermittler der sächsischen Soko Fasanerie hatten ihm vorgehalten, was sie von einem Bekannten des Schülers erfahren hatten. Zweimal schon, so der Freund, habe Marcus behauptet, er wolle ein Mädchen »entführen, vergewaltigen und ermorden«.

Marcus, 16, begann zu reden und blieb den Beamten der Kripo keine Antwort schuldig. Er gestand, die elfjährige Christina mit seinem Moped angefahren, das Mädchen verschleppt, mißbraucht und dann erdrosselt zu haben.

Auch die Frage, warum er die kleine Christina nach den sexuellen Handlungen nicht mit dem Leben habe davonkommen lassen, brachte den jugendlichen Täter nicht in Verlegenheit. Er habe das Mädchen getötet »aus Angst vor der Polizei« und davor, »daß sie mich verraten könnte«.

Das Geständnis machte nicht nur die Bewohner des sächsischen Dorfes Doberstau, der Heimat von Opfer und Täter, ratlos. Auch unter Kriminologen und Strafrechtsexperten löst der Fall Christina wieder Diskussionen aus, wie mit Sexualmorden umgegangen werden soll.

Die Kette der Verbrechen scheint in den letzten 20 Monaten nicht abzureißen. Vor der Tat von Doberstau wurde

* im emsländischen Lorup die Leiche der elfjährigen Christina gefunden. Eine Gen-Analyse ergab, daß der noch unbekannte Täter zuvor schon straffällig geworden war - die Kripo bat 18 000 Männer der Umgebung zum Speicheltest;

* im bayerischen Wilhermsdorf die zwölfjährige Carla sexuell mißbraucht, bis zur Bewußtlosigkeit gewürgt und in einen nahe gelegenen Weiher geworfen. Fünf Tage später starb das Kind. Dringend tatverdächtig ist ein Fenstermonteur aus dem Nachbardorf;

* in Versmold die elfjährige Jennifer mißbraucht und erwürgt. Als Täter wurde ein Onkel des Mädchens verhaftet;

* im friesischen Horumersiel die zehnjährige Kim von dem vorzeitig entlassenen Gewalttäter Rolf Diesterweg überfallen, mißbraucht und erstickt;

* im bayerischen Dorf Epfach die siebenjährige Natalie von dem vorbestraften Sexualtäter Armin Schreiner entführt, gefesselt, mißbraucht, gewürgt und bewußtlos in den Lech geworfen, wo sie ertrank.

Das Echo in Bevölkerung und Medien zwingt Politiker und Experten zu Antworten auf höchst umstrittene Fragen des sinnvollsten Umgangs mit Tat und Tätern.

Führt die gesetzliche Strafverschärfung wirklich zu einer Abschreckung? Garantiert konsequentere Verwahrung die Sicherheit der Kinder? Animiert die intensive Berichterstattung über Sexualverbrechen in den Medien Nachahmungstäter? Führt die aufgeregte Diskussion möglicherweise zu einer Tabuisierung oder Ächtung der Täter, die sie letztlich erst zu Mördern werden läßt?

Erst Ende vergangenen Jahres wurde unter dem Druck des Volkszorns das Gesetz verschärft. Seit dem 1. April wird sexueller Mißbrauch von Kindern mit Todesfolge mit Lebenslang oder Freiheitsstrafe nicht unter zehn Jahren bestraft.

Während Kinderschutz- und Frauenverbände darin endlich eine Anerkennung der Schwere der Verbrechen und der posttraumatischen Schädigungen an Kindern und Frauen sehen, verweist Christian Pfeiffer, Leiter des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, auf gefährliche Nebenwirkungen. Die »zunehmende Dämonisierung der Täter und die drohende Härte der Strafe« erhöhten das Risiko der Opfer von sexuellem Mißbrauch, »anschließend auch umgebracht zu werden«.

Die Aussage von Marcus T., er habe »aus Angst« getötet, scheint Pfeiffer zu bestätigen. Doch Monika Frommel, Strafrechtlerin an der Universität in Kiel, bestreitet das. Die meisten Sexualmörder seien entgegen der landläufigen Annahme keine pathologischen Täter, sondern sogenannte schuldfähige Nichtpathologische. Frommel: »Der plant früher. Er hat ja nichts anderes im Kopf, als sich zu überlegen, wie er an die nächste Tatgelegenheit kommt.«

Zwar könne die Planung fehlschlagen und der Täter dann in Panik geraten, aber das habe »nichts mit der objektiv drohenden Strafe zu tun, sondern daß den Tätern plötzlich das Entdeckungsrisiko bewußt wird«.

Für diese These spricht, daß Marcus T. , der eine Schule für schwererziehbare Jugendliche besucht, seine Tat lange vorher angekündigt haben soll. Marcus hatte sogar Christina als Opfer benannt: »Diese soll's sein.«

Bei der Verwahrung gefährlicher Täter sind sich die meisten Experten einig: Auf pathologische Täter warte der Maßregelvollzug, aus dem sie nicht so leicht wieder herauskommen. Daher seien vor allem jene Täter problematisch, die als schuldfähig eingestuft und zu Gefängnishaft verurteilt würden. Da diese nach Absitzen ihrer Strafe wieder entlassen werden, »sind vor allem die gefährlich« (Frommel).

Während manche Kritiker in der Medienberichterstattung eher eine Hexenjagd sehen, wertet Frommel die wachsende Aufmerksamkeit, die den Fällen sexuellen Mißbrauchs entgegengebracht wird, als »ein gewandeltes kulturelles Selbstverständnis mit emanzipatorischem Hintergrund«. Das Signal sei positiv: Sexuelle Gewalt an Frauen und Kindern werde nicht länger geduldet oder mit dem Mantel des Schweigens zugedeckt.

Werner Glogauer, Professor für Schulpädagogik und Medienwirkungsforscher, macht dagegen die mediale Beeinflussung, egal ob durch Film, Video, TV oder Print, mitverantwortlich. Sicherlich sei, so der Wissenschaftler, sexueller Mißbrauch an Kindern »ein altes Delikt«. Aber es werde durch die Berichterstattung »propagiert und nicht verdammt«.

Glogauer vertritt die Ansicht, daß nicht nur gewaltverherrlichende Szenen in Filmen oder Videospielen, sondern auch die »detaillierte und wiederholte Berichterstattung der Medien zu Nachahmungstaten auffordern«. Statistisch läßt sich der Vorwurf nicht belegen. Das Bundeskriminalamt rechnet vor, daß die Zahl der Sexualmorde an Kindern seit Jahren stagniere.

Außerdem wendet Monika Frommel ein, daß »Nachahmungstäter zwar nicht ausgeschlossen werden könnten, aber die ursächliche Gewaltbereitschaft selbst nicht durch die Berichterstattung erklärt werden könnte«. Die Professorin für Filmwissenschaft an der Universität Bochum, Gertrud Koch, sagt es noch deutlicher: »Es sind immer noch Personen und nicht die Medien, die Gewalt ausüben.«

Dagegen glauben einige Kritiker, daß angesichts der durch die öffentliche Diskussion verstärkten sozialen Ächtung die labilen potentiellen Triebtäter noch weniger wagen würden, sich Vertrauenspersonen mit ihren »abweichenden« oder gewalttätigen Phantasien anzuvertrauen. Das aber sei die beste Chance zur Prävention. Der Psychiater Andreas Marneros warnt: »Schweigen kann töten! Das ist sicher.«

Da es einfache Antworten so schnell nicht zu geben scheint, hielt sich die Leipziger Staatsanwaltschaft an eine ganz alte Regel. Ehe sie den Namen des Täters bekanntgab, stellte sie seine Familie unter Polizeischutz - für alle Fälle.

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