FISCHEREI / GLÜCKSTÄDTER LOGGER-FLOTTE Pleite verschoben
Drei Tage vor der Bundestagswahl war die »Glückstädter Heringsfischerei GmbH« im schleswig-holsteinischen Glückstadt pleite. Den Gang zum Konkursrichter riskierten die Reeder aber erst vier Tage nach der Wahl, als Kai-Uwe von Hassel im Wahlkreis Steinburg-Glückstadt sein Direktmandat wiedererrungen hatte.
Die Fischereibosse fühlten sich zur Kulanz verpflichtet, weil ihnen die Kieler CDU/FDP-Regierung im Frühjahr dieses Jahres mit einem sogenannten »weichen Darlehen« von 1,3 Millionen Mark aus der Patsche geholfen hatte: Zinsen und Tilgungsraten sollten nur bei Gewinn abgestottert werden.
Das Unternehmen steckte freilich schon Anfang des Jahres hoffnungslos in den roten Zahlen. Für 1968 wiesen die Bücher einen Verlust von 700 000 Mark aus.
Die Pechsträhne der Glückstädter datiert von Anfang der sechziger Jahre. Damals wurden die Heringsschwärme in der Nordsee immer seltener. Der gesamten deutschen Logger-Flotte gingen 1967 nur noch 13,5 Millionen Kilogramm Heringe in die Netze, 1960 waren es fast dreimal soviel gewesen.
Die Fischerei-Unternehmer wußten sich nicht anders zu helfen, als einen Großteil ihrer Flotte aufzugeben. Von 100 westdeutschen Heringsloggern, die 1960 auf Fahrt gingen, waren Anfang dieses Jahres nur noch 23 Schiffe übrig. Sieben davon gehörten den Gluckstädtern.
1968 wollten die Heringsfischer von Emden, Bremerhaven und Glückstadt ihre Malaise mit einem Kraftakt überwinden. Sie schickten zehn ihrer größten Schiffe zu den ergiebigen Fanggründen vor der Ostküste Nordamerikas.
Eigens dafür errichteten die Norddeutschen auf der französischen Inselgruppe Saint-Pierre et Miquelon ein zollfreies Lager. Von dort wurden die Fänge mit Frachtern in die Bundesrepublik geschafft.
Das Experiment endete mit einem Fehlschlag. Zwar hatten die Fischer am Jahresende 16,1 Millionen Kilogramm Heringe gefangen und übertrafen damit das Vorjahresergebnis um 2,6 Millionen Kilogramm, aber die Reisekosten waren viel zu hoch. Allein die Glückstädter hatten nach Abschluß der Saison pro Schiff einen Verlust von 100 000 Mark.
Zudem schmeckte der Ami-Matjes den Deutschen nicht. Die Glückstädter wurden Tausende von Fässern nicht los und saßen noch in diesem Sommer auf einem Teil ihrer Vorjahrsbestände.
In ihrer Not sandten die glücklosen Heringsfischer einen SOS-Ruf an die Landesregierung. Die Politiker in Kiel mochten dem Unternehmen an der unterentwickelten Westküste das Hilfeersuchen nicht abschlagen.
Die Glückstädter mußten sich nur bereit erklären, ihr Unternehmen unter die Fuchtel eines Aufsichtsrats zu stellen. Mitglied wurde unter anderen der CDU-Staatssekretär im schleswig-holsteinischen Landwirtschaftsministerium, Christoph-Bernhard Schücking.
Landesgeld und Staatsaufsicht konnten den Untergang der Flotte aber nicht mehr aufhalten. Als der Heringsverkauf in den heißen Sommermonaten dieses Jahres stockte, war die Pleite perfekt: Drei Tage vor den Bundestagswahlen meldete die Reederei 156 Seeleute und Landbedienstete beim Arbeitsamt heimlich zur Entlassung an.
Die für die Konkursmasse reservierten Logger fanden inzwischen einen unerwarteten Interessenten im Morgenland. Seine Adresse: ein Ölscheichtum im Vorderen Orient.