STINNES-KONZERN Plus minus Null
Auf dem Verwaltungsgebäude des Stinnes-Konzerns in Mülheim an der Ruhr flattert immer noch die schwarzweißrote Flagge mit gekreuzten Schlegeln. 70 Jahre lang war diese Flagge das Symbol einer Dynastie. Unverändert betritt zur gewohnten Zeit der Chef des Hauses sein Arbeitszimmer im 1. Stock des roten Backsteinbaus. Diese Fassade und sein Gesicht konnte der eigenwillige Konzernchef aus den Wirren der letzten Wochen retten.
Seit etwa 14 Tagen Ist Hugo Stinnes nur noch ein Statist vor den Kulissen seines Konzerns. Diese Tage gehörten zu den schwersten seines Lebens. Sein stachlig geschorenes Haupthaar färbte sich grau, und in seinen stahlblauen Augen glimmt nicht mehr der harte
Blick des geschäftstüchtigen Autokraten, der bis vor kurzem sein Konzernschiff als Kapitän und Steuermann lenkte. Niemand ahnte, daß sich unter der Wasserlinie bereits seit längerer Zeit Risse an den Bordwänden zeigten, die sich schließlich zu Lecks erweiterten.
Auch Stinnes selbst weiß erst seit wenigen Monaten, wie hoch sich seine beiden Hauptgesellschaften, die Hugo Stinnes Persönlich GmbH und die Hugo Stinnes Industrie und Handel GmbH, verschuldeten. Der Ballast drückender Forderungen wiegt etwa 75 Millionen Mark. Zu den Großgläubigern zählen internationale Öl- und Treibstoffgesellschaften, ferner Banken und schließlich auch der Zoll, bei dem Stinnes mit rund 14 Millionen in der Kreide steht.
Angesichts dieser Schuldenlast schien Stinnes der Weg von Borgward und Schlieker vorgezeichnet. Um ein Haar wären von Mülheim und Bremen aus nochmals Katastrophenbeben durch die bundesdeutsche Wirtschaft gegangen. »Nur eine Zauberhand hat hier einen Konkurs verhindert, der weltweite Konsequenzen nach sich gezogen hätte«, so umschreibt einer der Nothelfer die in letzter Minute gelungene Sanierungsaktion.
Die Hilfe kam aus dem Finanz-Zentrum Frankfurt, allerdings nicht von den dort residierenden Großbanken, die bei den früheren Illiquiditätsfällen nur als Vollstrecker, des Todesurteils in Erscheinung getreten waren, sondern von dem Institut des Münchner Industriefinanziers Rudolf Münemann, der Frankfurter Investitions- und Handels-Bank.
Münemann hatte den Mülheimer Industriellen kennengelernt, als Stinnes vor Jahren noch Großaktionär bei der Feldmühle AG war und deren Aufsichtsrat als Vorsitzer angehörte. Die Feldmühle AG war eines der führenden Unternehmen, die von Münemann Schuldscheindarlehen bekamen; an dieser Finanzierungsmöglichkeit schien auch Stinnes Gefallen zu finden. So nahm er für mehrere seiner Konzernfirmen Schuldscheindarlehen auf, die einwandfrei besichert wurden.
Das Arrangement mit dem Münchner Bankier bot dem unternehmerischen Mülheimer die Möglichkeit, seinen Konzern, den er durch kommerzielle Geniestreiche in knapp zwölf Jahren zusammengebracht hatte, zu untermauern und die wichtigsten Betriebe auszubauen. Ohne Rücksicht auf familiäre Verluste hatte sich der Sproß der Mülheimer Industriellendynastie nach der Währungsreform neue Macht angeeignet.
Das große Montanerbe aus der Glanzzeit seines Vaters Hugo, der an der Ruhr wegen seines düsteren Aussehens »der Assyrer-König« genannt wurde, war längst zerschmolzen. Schon 1925/26 war der Name Stinnes in eine aufsehenerregende Krisenaffäre verwikkelt. Damals war eine amerikanische Bankengruppe in die Bresche gesprungen und hatte den ausgehöhlten Montankoloß saniert.
Die Stinnes-Familie behielt bis 1941 die Majorität an der amerikanischen Stinnes Corporation; dann wurden die Aktienpakete als Feindvermögen beschlagnahmt. Die Bundesregierung konnte sie nach dem Krieg zurückerwerben und läßt sie seither von einem Bankenkonsortium verwalten.
Unter dem anspornenden Zuspruch ihrer Mutter Cläre - Kaufmannsgut hat Ebbe und Flut« - traten die Söhne Hugo und Otto in die Fußstapfen ihres Vaters, der sich als genialer Spekulant einen Namen gemacht hatte. Zunächst betrieben sie ihre Nachkriegsgeschäfte gemeinsam und verdienten während des Korea-Booms Millionen an dem Kohle/Stahl-Austausch - mit den Vereinigten Staaten. Aber bald kamen dießrüder, die beide an Schwerhörigkeit leiden, einander ins Gehege. Der ältere schrie den jüngeren an und verbat sich jegliche Einmischung in seine Geschäftspolitik.
Stillschweigend hatte sich Hugo nebenbei eigene Privatfirmen aufgebaut und auf sie Gewinne übertragen, die nach Ottos Ansicht auch ihm und seiner Mutter gehörten. Nach dem Familienzerwürfnis kannte der Älteste nur noch ein Ziel: auf den Fundamenten seiner Privatfirmen einen breit gefächerten neuen Stinnes-Konzern zu errichten. Er faßte seine Unternehmen und Beteiligungen - darunter die Atlas -Werke AG in Bremen und die Kieler Maschinenfabrik Mal - zunächst in der Holding Hugo Stinnes Industrie und Handel GmbH, kurz Hustinhand genannt, zusammen.
Um seine Verschachtelungskünste möglichst unbeobachtet ausüben zu können, gründete er in Mülheim eine weitere Holding unter dem Namen Hugo Stinnes Persönlich GmbH. Die kuriose Firmenbezeichnung hatte ihm ein Mülheimer Richter empfohlen, nachdem Mutter Cläre und Bruder Otto gegen ihn prozessiert hatten«. In ihrer Klage behaupteten sie, der Älteste erwecke mit seiner Gründung in Mülheim den Eindruck, daß allein er die Tradition des Stammhauses fortsetze. Mit dem Beiwort Persönlich« wurde der Streit juristisch bereinigt.
Über seine Dachgesellschaften, die Hustinhand und Stinnes Persönlich, lancierte der Konzernherr jahrelang seine vielfältigen Handelsgeschäfte. Er engagierte sich nicht nur im Schiffs - und Maschinenbau, sondern auch in der Elektronik, der Schiffahrt, im Ölhandel und im Tankstellengewerbe und schließlich sogar in der Papier- und Kunststoffbranche. Seine letzte bedeutende Transaktion war die Übernahme der Aktienmajorität des potenten Kunststoffunternehmens Wolff & Co. in Walsrode, an dem er seit 1960 mit 75 Prozent beteiligt ist.
Die stürmische Expansion schien dem Geschäftsmann zu bestätigen, daß er endlich wieder Anschluß an die alte Erfolgskurve seines Vaters gefunden hatte, den er in einer Art »Ahnenkult« verehrte und dem er bis auf den Haarschnitt zu gleichen bestrebt war.
Vater Hugo hatte seinen gleichnamigen Sohn schon mit 16 Jahren neben sich auf den Kontorschemel gesetzt, um dessen Instinkt für Hausse und Baisse, für Spekulation und gängige Tricks zu schärfen. Voller Ironie erzählt man sich an der Ruhr, jahrelang sei Hugo junior nachts vor das Porträt seines Vaters getreten, um an seine Brust zu klopfen: »Verzeih mir, Vater, daß ich heute wieder zu wenig gearbeitet habe - nur 15 Stunden. Ich gelobe, mich zu bessern.«
Dieser »Vaterkomplex« mag dazu beigetragen haben, daß Hugo Stinnes junior sich in den letzten Jahren zuviel vornahm und sich bei seiner Gratwanderung streckenweise verirrte.« Er wollte die alten Tricks seines Vaters nachahmen«, kritisiert sein ehemaliger Geschäftsführer Manthei, »aber die zogen nicht mehr wie in den zwanziger Jahren.«
Nachdem Hugo junior seine vielen Firmen und Industriebeteiligungen durch Organschaftsverträge verkoppelt hatte, die ihm die Möglichkeit des Gewinn- und Verlustausgleichs gaben, versuchte er, die Gewinne seiner einträglichen Firmen durch zusätzliche Manöver zu manipulieren. So wurde zum Beispiel die nichtsahnende Geschäftsleitung der Fella Landmaschinen-Werke im fränkischen Feucht eines Tages mit dem überraschenden Plan des Konzernherrn vertraut gemacht, demnächst auch Seeschiffahrt treiben zu müssen.
Um steuerpflichtige Fella-Gewinne zu reduzieren, hatte Hugo Stinnes bei seinen Atlas-Werken in Bremen für die Fella einen 4000-Tonner auf Helgen legen lassen. Auf dieselbe Weise verhalf er auch der Kieler Mak und seiner Tochtergesellschaft Koholyt zu maritimer Aktivität. Ihre Gewinne wurden in der Konzernspitze verheizt, dafür schwammen ihre Namen an den Schiffsleibern über alle Meere.
Durch dieses Gewinn-Versteckspiel verschaffte Hugo Stinnes zugleich seiner Atlas AG, deren Werftabteilung nicht voll ausgelastet war, besonders lohnende Aufträge. »Die Preise wurden stets überdimensioniert«, erinnert sich der ehemalige Geschäftsführer der Stinnes Persönlich, Gustav Manthei. »Unsere Schiffahrts-Abteilung jammerte immer: 'Bei dem heutigen Frachtmarkt kann man gegen diese Preise nicht anverdienen.' Sie schätzte die den Tochtergesellschaften in Rechnung gestellten Baukosten um fast eine Million überhöht.«
Da die Atlas-Werke als einzige Aktiengesellschaft des Konzerns mit ihren Bilanzen immer das Aushängeschild für die Bonität der ganzen Gruppe waren, lag Stinnes daran, das Bremer Unternehmen besonders zu fördern. Er ließ den Betrieb modernisieren und vergrößern, nachdem er mit Erfolg auf Bundeswehraufträge spekuliert hatte. Aus der Borgward-Konkursmasse erwarb er eine Betriebsanlage, in der jetzt für 130 Milionen Mark elektronische Einrichtungen für die Bundesmarine hergestellt werden.
Als der Mak in Kiel ebenfalls Bundeswehraufträge winkten - sie soll für etwa 100 Millionen Mark Panzer bauen -, kargte Stinnes auch in Kiel nicht mit Investitionen.
So melkte er vor allem die Tankstellengesellschaft Touring - und finanzierte mit ihren Gewinnen seine allmählich unüberschaubar gewordenen Geschäfte, die, wie beispielsweise durch unverhältnismäßig hohe Entwicklungskosten bei der Süd-Atlas-Werke GmbH, überdies zum Teil auch Verluste zu bringen begannen.
Während seine Mitarbeiter ihn vor den Gefahren dieses Finanzierungsdschungels warnten, schien Stinnes Unübersichtlichkeit für das Merkmal einer cleveren Geschäftstaktik zu halten. Sein hoher Verschleiß an Geschäftsführern - rund ein Dutzend in zwei Jahren - beweist, wie beharrlich er diese Überzeugung durchzusetzen versuchte. Stinnes nahm insbesondere Kredite für Investitionen auf, ohne sich ausreichend Gedanken darüber zu machen, wie Zinsen und Amortisation seine Finanzen während der Zeit belasten würden, in der die Investitionen noch keine Früchte tragen konnten.
Hartnäckig verteidigte er auch sein Schiffahrtsgeschäft, das er von Mülheim aus mit der Reedereifirma Transozean betreibt. Mittlerweile hat er sich eine Flotte von acht Überseeschiffen zugelegt, die seit Beginn der Frachtenbaisse nur wenig Erträge an Land brachten.
Als Stinnes endlich merkte, daß auch in der Konzernspitze die Kasse nicht mehr stimmte, nahm er gelegentlich auch Zuflucht zu einer wenig eleganten Selbstfinanzierungsmethode. »Ich verweigere die Aussage«, so sträubt sich der frühere Holding-Geschäftsführer Manthei, die Praktiken präzise aufzudecken. Aber er gibt zu, daß die Tochtergesellschaften des Stinnes-Konzerns untereinander Gefälligkeits-Wechsel ausgetauscht haben; das heißt, eine Firma belastete die andere mit einer Forderung, die dann zunächst von der Hausbank beglichen wurde.
In die Rolle der Hausbank war seit 1959 Rudolf Münemanns Investitions - und Handels-Bank AG hineingewachsen. Als sich die Stinnes-Konzern -Wechsel in diesem Frühjahr unheimlich vermehrten, gab Münemann seinem Geschäftsfreund in Mülheim zu verstehen, daß es so nicht weitergehen könne. »Wir müssen reinen Tisch machen und versuchen, Sie wieder flottzubekommen.«
Auf Münemanns Drängen verkaufte Hugo Stinnes seine in der Touring Tankstellen-GmbH zusammengefaßten Ölfirmen an die Agip AG, eine Tochtergesellschaft des staatlichen italienischen Erdölkonzerns ENI, und kassierte dafür 25 Millionen Mark (SPIEGEL 36/1963). Münemann: »Ich dachte, die etwa 15 Millionen Mark, die Stinnes dabei verdiente - die Touring stand mit etwa zehn Millionen zu Buch -, würden ihn wieder auf die Beine bringen. Beruhigt flog ich nach Amerika und machte anschließend Urlaub.«
Auch Stinnes hatte dringend eine Kur nötig. Seit einem Jahr hatte er sich hinter Arbeitsbergen verschanzt und sogar die Gratulationscour zu seinem 65. Geburtstag abgesagt. Selbst die traditionelle Weihnachtsfeier, auf der Stinnes, seine Gattin Birte und ihre Kinder Albert-Hugo, Birte-Marie und Ellen-Birte sonst im Kreise der Angestellten patriarchalische Kontaktpflege getrieben hatten, mußte ausfallen. Der sparsame Konzernherr mied jede Geselligkeit und nahm die Sorgen um die zerrütteten Finanzen auch in seinen Sommerurlaub nach Bad Gastein mit.
Schon nach wenigen Tagen hielt er es in der Stille nicht mehr aus. Er hetzte nach München und wirbelte vom Schreibtisch des Geschäftsführers seiner Süd-Atlas-Werke GmbH aus die Konzernspitze mit herrischen Telephonaten durcheinander.
Am 23. August kündigte er spontan über den Draht dem Geschäftsführer seiner Holding Hugo Stinnes Persönlich, Manthei, fristlos bei sofortigem Gehaltsentzug. Das waren die letzten selbständigen Entschlüsse des großen Konzernherrn. Er hatte sich von seiner rechten Hand getrennt, so ließ Stinnes später durchblicken, weil Manthei ihm gedroht hatte, Konkurs anzumelden, wozu er sich wegen der hohen Verschuldung als Geschäftsführer verpflichtet fühlte.
Bei aller Nervosität hegte Stinnes die Hoffnung, durchzuhalten, bis Münemann aus dem Urlaub zurückgekehrt war. Am 4. September preschte der Mülheimer mit seinem moosgrünen Mercedes 300 nach Frankfurt, wo er den Finanzmann endlich bei der Investitions - und Handels-Bank erreichte.
Dort beichtete er, was er so lange dem Bankier verheimlicht hatte: die Schuldenlast sei so drückend, daß er mit dem Touring-Erlös nur einen Bruchteil der dringendsten Verpflichtungen habe auffangen können. Bleich und deprimiert beklagte Stinnes sein Schicksal. Man habe ihn betrogen. Im Ölgeschäft sei er um zehn Millionen Mark geprellt worden.
Münemann schickte sofort eine Revisorenkommission nach Mülheim, die ihm in kurzer Zeit ein genaues Röntgenbild der Stinnes-Misere verschaffte. Der Konzern hatte allein in diesem Jahr annähernd 35 Millionen Mark Geschäftsverluste hinnehmen müssen. Viel gefährlicher war seine Illiquidität. Um die Warenlieferanten zu befriedigen und die kurzfristigen Kredite zurückzahlen zu können, brauchte Stinnes sofort rund 75 Millionen Mark.
Nach dieser Diagnose gab es nur zwei Möglichkeiten:
- sofortige Konkursanmeldung (Manthei: »Mit allen Folgeerscheinungen hätten wir dann in Westdeutschland eine runde 400-Millionen-Pleite gehabt") oder
- sofortiger Verkauf aller intakten
Konzernglieder.
Münemann erbot sich, die zweite Lösung geräuschlos zu betreiben und
jede Torschlußpanik zu bannen. Zum Zwecke der Soforthilfe übernahm er die gesamte Stinnes-Beteiligung ai der Firma Wolff & Co. KGaA, Walsrode, (nominell 17,5 Millionen Mark) gegen Barzahlung. Dann sortierte er, zusammen mit seinem Bankvorstand, die Konzernfirmen heraus, mit deren Verkauf er die Finanzlücke schließen konnte.
In knapp 14 Tagen stellte der Bankier nicht nur einen genauen Sanierungsplan auf, sondern er mobilisierte auch »Hilfstruppen« in der Schweiz, wo er selbst über mehrere leistungsfähige Finanzfirmen verfügt. Daneben gehört ihm im Fürstentum Liechtenstein die Rudolf Münemann, Finanzierungsanstalt in Mauren (eingezahltes Kapital: 20 Millionen Schweizer Franken).
Dank dieser Finanzkraft im Rücken konnte er auch eine ausländische Gruppe mit der konservativen Baseler Bank Ehinger für eine Kooperation gewinnen. Diese Gruppe erwarb aus dem Stinnes -Komplex eine Reihe von Hauptfirmen oder deren Aktienmehrheit:
- Atlas-Werke AG, Bremen;
-Mak Maschinenbau Kiel GmbH;
-Ruhr Intrans Hubstapler GmbH,
Mülheim;
- Scheid Maschinenfabrik GmbH,
Limburg/Lahn;
- Canada Machinery Corporation Ltd.,
Galt/Ontario;
-Fella-Werke GmbH, Feucht, und
-Koholyt Hugo Stinnes Persönlich KG, Mülheim.
Dafür wurden die Buchwerte, schätzungsweise 50 Millionen Mark, bar bezahlt. Mit dem Gesamterlös - einschließlich der Vorschußsumme für das Wolff-Paket rund 75 Millionen - konnte Stinnes seine drückenden Schulden begleichen.
Kaum hatte Stinnes nach dieser Rettungsaktion wieder kräftig durchgeatmet, da fuhr ihm ein neuer Schreck in die Glieder. Am Mittwoch vergangener Woche wurde er zum Staatsanwalt zitiert, um sich zu einer Strafanzeige der Notgemeinschaft Deutscher Bergbau GmbH, zu äußern, die ihm vorhält, sich durch ein Betrugsmanöver an Zechenfirmen bereichert zu haben.
Die Geschädigten behaupten, Stinnes habe Verträge zurückdatiert und Posteingangsstempel fälschlich benutzt, um in den Genuß von Ablösungsbeträgen zu gelangen, die von der Notgemeinschaft des Deutschen Bergbaus im Höhepunkt der Absatzkrise an der Ruhr - 1959 - den Kohle-Importeuren dann gezahlt wurden, wenn sie die Einfuhrkontrakte mit ihren amerikanischen Lieferanten annullierten.
Von Ärger oder Einsicht der Kohle -Unterhändler wird es nun abhängen, ob Hugo Stinnes, der nach dem Verkauf seiner Industriebeteiligungen, die quasi entästeten beiden Stamm-Firmen bei plus/minus Null aufzufangen versuchte, doch noch von einem Konkurs überzogen wird.
Stinnes selbst argumentiert, erst die Zeitungsberichte über den Kohle-Prozeß hätten seine Lage entscheidend erschwert, da ihm danach von mehreren Banken die Kredite gekürzt worden seien.
Münemann will die von Stinnes erworbene Industriegruppe neu organisieren. Ihm schwebt vor, die Atlas -Werke AG in Bremen zum Kristallisationskern eines Großunternehmens zu machen, das er aus den übernommenen Beteiligungen entwickeln will. Atlas und Mak sind mit etwa einer Viertelmilliarde Mark Bundeswehraufträgen auf einige Zeit versorgt. Durch eine Kapitalerhöhung sollen dem Bremer Unternehmen neue Mittel zufließen.
Den Fall Stinnes nahm Münemann als die neue Bestätigung seiner These, »daß Unternehmen dieser Größenordnung nicht mehr nach Art alter Konzerndiktatoren geführt werden können. Erst verlieren sie die Übersicht, dann die Liquidität und schließlich stopfen sie nur noch Löcher, bis die Pleite perfekt ist. Alles, weil sie sich monatelang vom größten Feind narren lassen, den es für einen Kaufmann gibt: der Hoffnung«.
Da das Metier des Münchner Finanzierungsexperten der Geldhandel ist, hat er für seinen ersten Ausflug in die Industrie einen recht prominenten Berater ins Auge gefaßt, der mit den Führungsproblemen großer Unternehmensgruppen vertraut ist.
Hugo Stinnes muß nach der Sanierung versuchen, seine ehemaligen Holdings zu echten Handelsgesellschaften umzubauen. Was ihm - außer den acht Handelsschiffen der Transozean - daneben noch verblieben ist, beschreiben Mitarbeiter in Mülheim mit Bitterkeit: »Einige Splittergesellschaften wie die Clementa Haarpflege GmbH und der stillgelegte Solinger Straßenbahnhof, den Stinnes vor mehreren Jahren für 2,4 Millionen Mark erworben hat.«
** Sie betreiben heute noch die Offene Handelsgesellschaft Hugo Stinnes in Mülheim.
Gestürzte Stinnes, Borgward, Schlieker*: Autokraten-Dämmerung
Handelsblatt
»Hugo, Hugo, gib mir meine Millionen wieder«
Stinnes-Sanierer Münemann
75 Millionen und kein Konkurs
* SPIEGEL-Titel 24/1957, 51/1960 und 31/1962.