Politik mit einem Phantom
Der Hochtemperaturreaktor (HTR) ist das einzige Fossil, das aus der naiv-euphorischen Frühzeit der Kernreaktor-Entwicklung bis in unsere Tage erhalten geblieben ist. Er gehörte zu den Dutzenden von Konzepten, die in den fünfziger Jahren auf dem Papier entstanden und auch in Form kleiner Versuchsreaktoren gebaut wurden. Sie wurden jeweils von einem Clan von Wissenschaftlern und Ingenieuren aufgrund einer jeweilig langen Reihe wunderbarer Eigenschaften als der zukunftsträchtigste Reaktortyp deklariert -- und es fanden sich für jeden Typ auch budgetgewaltige Staatsdiener und Politiker, die von diesen wunderbaren Eigenschaften überzeugt waren.
Alle diese zukunftsträchtigen Reaktortypen sind verschwunden; weltweit haben sich die Leichtwasserreaktoren durchgesetzt, weltweit verfolgen zudem alle großen Industriestaaten den natriumgekühlten »Schnellen Brüter« als Zukunftskonzept.
Im Laufe der Jahre stellte sich nämlich heraus, daß zunächst einmal viele Kraftwerke eines Typs gebaut und sukzessive verbessert werden müssen, bis ein Typ als einigermaßen ausgereift angesehen werden kann. Dieses jahrzehntelange Experimentieren übersteigt die Finanzkraft sogar der größten Industrieländer oder Unternehmen.
Allein dem Hochtemperaturreaktor schien der »Durchbruch« Anfang der siebziger Jahre gelungen, als die finanzstarken Ölmultis Gulf und Shell die (in der Entwicklung des HTR seit langem engagierte) Firma General Atomic gekauft hatten und Aufträge für den Bau von zehn großen, kommerziellen Kraftwerksreaktoren akquirierten.
1975 brachen die Ölmultis diesen Versuch, ins Reaktorgeschäft einzudringen, auf spektakuläre Art ab: Sie kündigten unter hohen Verlusten die Bauaufträge, stellten die Arbeiten ein. Die eigentlichen Erfinder des HTR, die Engländer, hatten schon vorher die Entwicklung eingestellt. Lediglich ein Versuchsreaktor im amerikanischen St. Vrain wurde noch fertiggebaut.
Aber in Deutschland -- und praktisch nur in Deutschland -- gab der HTR-Clan nicht auf. Die staatliche Kernforschungsanlage Jülich, halbherzig unterstützt von den Elektrofirmen Siemens und BBC, konnte nordrhein-westfälische Politiker und Gewerkschafter von einer verhältnismäßig spät entdeckten aus der langen Reihe wunderbarer Eigenschaften des HTR überzeugen: Dieser Reaktortyp sollte Prozeßwärme für die Kohlevergasung bereitstellen.
Das wiederum wird übersetzt als »Unentbehrlichkeit« des HTR für die Kohlevergasung, und so »sichert« der HTR angeblich die Zukunft der deutschen Kohle. Da es nun aber den Prozeßwärme-HTR nicht gibt, noch nicht einmal als Versuchsreaktor oder auch nur als ausführungsreifen Plan eines Versuchsreaktors, entzündet sich auch nirgend öffentliche Kritik an diesem Phantom, mit dem gleichwohl reale Politik gemacht wird -- wie gerade dieser Tage in Hamburg.
Im Forschungsministerium und im Bundestagsausschuß für Technologie brütet man dagegen wieder über der Frage, ob und wie die Entwicklung des Hochtemperaturreaktors -- die nur unter der Zielsetzung Prozeßwärme-HTR noch gerechtfertigt ist -- weiter finanziert werden kann. Dabei ist es eher hilfreich, daß das nur stromerzeugende, keineswegs für Prozeßwärmeerzeugung eingerichtete 300-Megawatt-Versuchskraftwerk in Schmehausen -- mit dessen Bau vor zehn Jahren begonnen wurde -- nun schon seit Jahren immer gerade drei Jahre »vor seiner Vollendung« steht.
Zwar verursachen auch die inzwischen auf 2,5 Milliarden Mark angewachsenen Kosten dieses Versuchskraftwerkes Kopfschmerzen: Sie drohen unerträglich zu werden, wenn dieses Kraftwerk in Betrieb geht. Denn dann soll der »nächste Schritt« getan werden, und der sollte mal ein großer stromerzeugender Reaktor, mal ein kleinerer sein, der auch Prozeßwärme erzeugt.
Kurz vor dem Baubeschluß aber werden die geschätzten Kosten für diesen nächsten Schritt gewaltig anwachsen, und nach dem Baubeschluß werden sie nicht aufhören zu wachsen. Denn auch der nächste Schritt ist nur ein Schritt in der langen Reihe von Schritten, deren jeder einzelne viele Milliarden Mark an Subventionen kosten wird, auf dem jahrzehntelangen Weg zu einer HTR-Wärmekapazität, die energiewirtschaftlich relevant sein könnte.
Nun dämmert auch dem Bundestagsausschuß, daß dieser Weg wohl nie endet. Denn der HTR als Prozeßwärmeerzeuger bringt gegenüber dem HTR als stromerzeugendem Reaktor betriebs- wie sicherheitstechnische Probleme, wie sie nie zuvor in der Reaktortechnik bewältigt werden mußten. Da aber selbst der vergleichsweise einfache stromerzeugende HTR in der industriellen Realität nicht durchgesetzt werden konnte, potenzieren sich die Schwierigkeiten und die mit Sicherheit zu erwartenden Rückschläge, die nur mit einer langen Baureihe von ständig verbesserten Prozeßwärme-HTRs zu überwinden wären.
Darüber hinaus verlangt der HTR den Aufbau eines nur auf ihn zugeschnittenen Brennstoff-Zyklus -wie er bisher weltweit nicht einmal für die Leichtwasserreaktoren gelungen ist. Und dieses Mammut-Programm müßte allein von der Bundesrepublik finanziert werden. Sogar wenn das gelänge und auch alle technischen Hindernisse überwunden wären, so wäre doch kaum zu erwarten, daß der HTR jemals ökonomisch konkurrieren könnte mit viel einfacheren Methoden der Prozeßwärmeerzeugung.
Der Prozeßwärme-HTR dürfte sich als Phantom, mit dem reale Politik gemacht wird, erhalten, bis das Versuchskernkraftwerk in Schmehausen irgendwann einmal -- gewiß nicht in den heute prognostizierten drei Jahren -- den Betrieb aufnimmt. Dann werden sich vermutlich weder der Bund noch die Industrie bereitfinden, das »offene Ende« der Baukosten für den nächsten Schritt zu übernehmen -- nicht in Brokdorf und auch nicht anderswo.
Dann wird auch in aller Öffentlichkeit und vor Gericht die Frage nach der Entsorgung des »nächsten Schrittes« gestellt werden, und es wird sich zeigen, daß es halbwegs überzeugende Antworten nicht einmal auf dem Papier gibt. Dann wird auch die vielgepriesene »besondere Sicherheit« des HTR in das Kreuzfeuer der Experten geraten. Dann wird auch ruchbar werden, daß die Unfallgefahr bei einem HTR, der Prozeßwärme erzeugt, bei weitem höher ist als bei den gängigen Leichtwasserreaktoren.