Pomp der Paneele - DER SPIEGEL
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Pomp der Paneele

Die Nacht, in der Gerhard Schröder Einzug ins Bonner Kanzleramt hielt
• aus DER SPIEGEL 45/1998
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Alles ist Eiche. Die kahlen Wände, die leergefegten Regale, das Fußbodenparkett, die dunkle, bedrückende Decke mit den Strahlern: »Hart-Eiche naturbelassen« heißt der Stoff, aus dem die Kanzlerräume sind.

»Grauenhaft« findet Doris Schröder-Köpf das neue Büro des Gatten, der zur gleichen Zeit ein Stockwerk tiefer die erste rot-grüne Kabinettssitzung leitet. Aber als Gerhard Schröder dann, zusammen mit seinem Staatssekretär Frank-Walter Steinmeier und dem grünen Umweltminister Jürgen Trittin, auf ein Glas Rotwein in sein Arbeitszimmer kommt, scheint ihn das piefige Interieur nicht zu stören. Er findet es toll, daß er Fernsehapparate an- und ausschalten kann, die noch vor wenigen Stunden Helmut Kohl gehorchten.

Amüsiert, fasziniert und immer noch ein bißchen ungläubig betrachtet Gerhard Schröder am vergangenen Dienstag abend den Kanzler gleichen Namens in der Glotze. Er ist mit sich zufrieden.

Kurz nach halb acht hat er Kohl zum Fahrstuhl begleitet. Man plaudert noch ein wenig. »Heute nacht gehe ich endlich schlafen«, sagt der Alte müde. »Danke nochmals!« ruft der Junge. Und bevor die Fahrstuhltür schließt, stürmt er zurück ins Kanzlerzimmer, als gäbe es dort Geschenke auszupacken.

Es ist »immer noch wie im Traum«, gesteht er. Aber er muß sich nicht mehr in den Arm kneifen, wie nach der Bundestagswahl. Jetzt endlich, nachdem Kohl gegangen ist, ist er angekommen im Zentrum der Macht. Seit 19.36 Uhr ist er tatsächlich Kanzler.

Marianne Duden, die schon bei Helmut Schmidt im Vorzimmer saß, ist fündig geworden. Etwas Eßbares konnte sie zwar nicht auftreiben, dafür aber einen fabelhaften Rotwein aus der Pfalz: einen 92er »Dunkelfelder« im Barrique-Ausbau - durchaus ein edler Tropfen, auch aus dem Eichenholzfaß.

Für die Chefsekretärin Duden, 52, ist die Berufung ins alte Büro eine biographische Flurbereinigung. Vor 16 Jahren mußte sie die Schreibtische an Juliane Weber übergeben. Nun ist es umgekehrt - ein schwerer Tag für Kohls langjährige Vertraute. Trotzdem treten die beiden Frauen, eng untergehakt, wie gute alte Freundinnen, zum Abschiedsempfang an. »Macht''s gut, Jungs, viel Glück!« ruft Juliane Weber den Schröder-Leuten zu, bevor sie endgültig geht.

Nicht überall verläuft das »friendly takeover« ohne Knirschen. Bevor Schröder einrücken konnte, sind im Kanzler-

* Marianne Duden (l.) und Juliane Weber (2. v. l.) am vergangenen Dienstag.

amt ganze Computer-Festplatten gelöscht worden.

Als Staatssekretär Steinmeier nachts gegen halb elf sein Büro aufsucht, wird dort noch heftig gearbeitet. Eine Sekretärin des früheren Geheimdienst-Koordinators Bernd Schmidbauer sichtet Akten. Die Papierschnitzel auf dem Fußboden zeigen, daß es beim Sichten nicht geblieben ist. Die Schreddermaschine kennt keinen Dienstschluß.

Auch Kohl hat alles mitgenommen, was nicht niet- und nagelfest war. Kein Buch, kein Bild blieb zurück, nicht mal ein Fisch. Das Aquarium wurde einem BGS-Beamten vermacht, Mineralien und Edelsteine landeten bei Parteifreunden, der gewaltige Eichenholzschreibtisch verschwand in Kohls neuem Bundeshaus-Büro.

Unter dem fortgeräumten Plunder kamen die siebziger Jahre hervor, in denen der Kanzleramtsbau - unter sozialdemokratischer Führung - entstand. Holzverkleidete Decken und Wände galten damals als Statussymbol. Wer herrschte, ließ täfeln - je mächtiger, desto edler.

Nicht nur Politiker wie Helmut Kohl erlagen dem Pomp der Paneele. Bank- und Sparkassendirektoren, Gewerkschaftsführer und Bosse fanden sie genauso chic. Auch Erich Honecker ließ sein spießiges Staatsratsgebäude mit Holz auskleiden.

Helmut Schmidt verspottete das Bonner Bauwerk als »groß geratene rheinische Sparkasse«. Und spätestens jetzt versteht die neue Kanzlergattin, was er damit meinte: Die eleganten Designermöbel, die Doris Schröder-Köpf zur Auswahl im Arbeitszimmer ihres Mannes aufstellen ließ, sind mit Kohls Interieur nicht kompatibel. Auch der ausladende Schreibtisch aus hellem Birnbaumholz, für den sich Schröder schließlich entscheidet, wirkt vor der altbackenen Eichenwand wie ein futuristischer Gruß vom Mars.

Der Alte bleibt gegenwärtig. Eine speckig gewordene lederne Tagesdecke, die auf dem Bett in dem kleinen Kabuff hinter dem Badezimmer liegt, verströmt den sauren Geruch von 16 langen Kanzlerjahren.

Auch das seltsam unzeitgemäße klobig-weiße Krisentelefon erinnert an Kohl. Es ist mit diversen roten Knöpfen und einem »Zweithörer« für Dolmetscher und Ohrenzeugen ausgestattet - ein Herrschaftsinstrument, das der Staatsmann aus der Pfalz virtuos zu nutzen wußte.

Wo Helmut Schmidt einst geheime Dokumente aufbewahrte, lagern jetzt Wein- und Wasserflaschen. Der Genußmensch aus der Pfalz hat die drei kleinen Panzerschränke im Vorzimmer ausbauen und durch Kühlschränke ersetzen lassen.

Die dunkle Kollwitz-Skulptur ist natürlich auch ein ständiges Kohl-Zitat. Gegen mannigfache Widerstände hat der Kanzler der Einheit das dreifach vergrößerte Abbild der trauernden Mutter in der Neuen Wache in Berlin installiert. Für einen weiteren Abguß, diesmal in Originalgröße, ließ er eine Eichenholz-Konsole bauen. Das Kunstwerk sorgt für Disput im Hause Schröder: Die Gattin möchte es entfernen, der Kanzler will es stehen lassen.

Unter einem aufklappbaren Paneelstück, direkt neben der Tür, entdecken Schröders Leute eine schwarze Leiste. Fünf Schalter kommen zum Vorschein, die seltsame Beschriftungen tragen: »Konferenztisch Str. 1« zum Beispiel oder »Bildecke Str. 4« und »Aquarium Str. 5«. Früher wurde hier die Illumination gesteuert. Jetzt ist die aufwendige Installation ihres Sinnes beraubt.

Es wird nicht lange dauern, bis Schröder die holzvertäfelte Leere füllt: Macht duldet keine freien Räume. Die neuen Utensilien stehen schon - in Umzugskartons - bereit.

Aber da sie noch nicht eingeräumt worden sind, entsteht in dieser historischen Sekunde des Übergangs im Bonner Kanzleramt eine merkwürdige Melange: Kohl ist zwar weg, aber immer noch da.

HARTMUT PALMER

* Marianne Duden (l.) und Juliane Weber (2. v. l.) amvergangenen Dienstag.

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