»Pompidou werde ich nie wiedersehen«
Es heißt, General de Gaulle habe am 16. Januar 1952 sein Testament diktiert. Dieser Letzte Wille legte ausdrücklich fest, daß kein amtierender Staatschef und Minister an de Gaulles Begräbnis teilnehmen dürfe.
In dem Augenblick, als im Élysée-Palast die Nachricht vom Tod de Gaulles bekannt wurde, also um 7.30 Uhr am 10. November 1970, fragte man sich im Amtssitz des Präsidenten der Republik, ob de Gaulle vielleicht noch ein anderes, geheimes Testament hinterlassen habe, das früher oder später veröffentlicht werden solle. In der politischen Arena kannte jeder de Gaulles Ansicht, Pompidou sei für de Gaulles Abstimmungsniederlage bei der Volksbefragung von 1969 verantwortlich gewesen, wenn nicht gar deren Anstifter.
Die engsten Mitarbeiter Pompidous meinten deshalb, man müsse dringend mit der Familie des Verstorbenen in Colombey verhandeln, um festzustellen, ob es postume Texte des Generals gab, die Pompidou schaden könnten. Falls solche Texte existierten, müsse man versuchen, ihre Veröffentlichung zu verhindern,
Pompidou hatte in Colombey in der Person des Generals de Boissieu, des Schwiegersohns von de Gaulle, einen Verbündeten, Für den Élysée-Palast war es also ganz natürlich, sich an Boissieu zu wenden. In Paris wurden Kontakte zu de Gaulles Sohn Philippe aufgenommen. Beide Männer sollten Yvonne de Gaulle dazu bringen, auf die Veröffentlichung eines anderen Letzten Willens zu verzichten: des spanischen Testaments, das de Gaulle dem Obersten Emmanuel Desgrées du Lou (während seiner letzten Auslandsreise 1970) diktiert hatte. Yvonne de Gaulle zögerte, sie wollte ihren Mann nicht verraten.
Zwischen den beiden Testamentsfassungen bestand nämlich ein gewaltiger Unterschied. Während in dem ersten Text kein Name genannt wurde, hieß es in dem Testament von Spanien klar und deutlich: »Weder Pompidou noch einer seiner Minister, mit Ausnahme der Compagnons de la Libération, dürfen bei der Beerdigung anwesend sein.« Wäre dieser Text veröffentlicht worden, so hätte das gewiß das Ende der Einheit der (gaullistischen Partei) UDR bedeutet und die parlamentarische Mehrheit gefährdet.
Nach stundenlangen Verhandlungen -- Yvonne de Gaulle beharrte auf ihrem Standpunkt -- wurde Michel Debré nach Colombey-les-Deux-Églises geschickt.
Debré fand die richtigen Worte, um Madame de Gaulle zu überzeugen: Das Vaterland, Frankreich, sei wichtiger als legitime Gefühle. Das war gaullistische Sprache, Yvonne de Gaulle akzeptierte sie, wenn auch ohne Begeisterung.
Trotz allem hob Yvonne de Gaulle einen Zipfel des Schleiers. Sie sagte: »Gemäß seinem Letzten Willen wird der General in einem offenen Sarg ruhen. Nach welchem Letzten Willen? Das Testament von 1952 enthält keine solche Bestimmung.
Pompidou blieb nur noch, nach Colombey zu fahren, um der Nation zu sagen, daß den jetzigen Präsidenten der Republik nichts von seinem Vorgänger getrennt habe. In dieser Phase liefen die Dinge allerdings anders als vorgesehen. Als Philippe de Gaulle am Dienstag um 16 Uhr in Colombey eintraf, teilte er seiner Mutter mit, Pompidou habe die Absicht, sich am nächsten Tag vor der sterblichen Hülle des Generals zu verneigen. Yvonne de Gaulle erklärte kurz, das sei nicht möglich.
Erneut wurde Wortklauberei betrieben: Der General habe erklärt, weder der Staatschef noch einer seiner Minister dürften an seiner Beisetzung teilnehmen. In diesem Fall handele es sich jedoch nicht um die Beisetzung, sondern einen Besuch bei dem Toten. Yvonne de Gaulle ... erklärte jedem, der es hören wollte, sie beuge sich nur unter Zwang.
Hier setzte ein subtiles Spiel ein. Aus der Boisserie, de Gaulles Heim, verlautete, daß de Gaulles Sekretär Xavier de Beaulaincourt, Emmanuel Desgrées du Lau, der Bürgermeister sowie die Gemeinderäte von Colombey, Monsignore Alfred Atton, der Bischof von Langres, René Dijoud, der Präfekt des Departments Haute-Marne mit Frau, de Gaulles Schwager Jacques Vendroux und Frau, General Massu, Michel Debré und Generalstabschef Fourquet »das Gesicht des Generals zum letztenmal betrachten« konnten. Das hieß, diejenigen, die später kamen, hatten dieses Privileg nicht.
Als sich Präsident Pompidou am Mittwoch, dem 11. November, in Begleitung von Premierminister Jacques Chaban-Delmas vor der sterblichen Hülle verneigen wollte, wurden die beiden von Yvonne de Gaulle und deren Tochter Elisabeth de Boissieu empfangen.
Madame de Gaulle zu Pompidou: »Sie haben es trotz allem für angebracht gehalten, herzukommen. Sie müssen wissen, daß er es nicht wünschte.« Georges Pompidou sprach von Staatsraison, das Land würde das nicht verstehen. -- -- Yvonne de Gaulle unterbrach kurz: »Er ist da. Bleiben Sie nicht länger als fünf Minuten. Sie werden entschuldigen, daß ich Sie nicht begleite.«
Georges Pompidou und Jacques Chaban-Delmas betraten das Sterbezimmer. Sie standen vor einem Sarg, der auf Geheiß von Yvonne de Gaulle geschlossen und vernagelt war. So galt selbst noch nach dem Tode, was de Gaulle am Tage nach dem Referendum von 1969 sagte: »Diesen Pompidou werde ich niemals wiedersehen.«