POTSDAM
(Nr. 10/52, Oberbürgermeister Paul)
Der frühere SED-Oberbürgermeister von Potsdam, Paul, möchte die Leser seiner Ausführungen vom 5. 3. offenbar glauben machen, daß er sozusagen nach Westberlin flüchten mußte, um nicht ein Opfer seiner nahezu westlichen Gesinnung zu werden. Das genaue Gegenteil ist richtig, wie ich fünf Jahre lang unter seiner Herrschaft feststellen konnte.
Da in meinem Potsdamer Wohnbezirk, Wildpark - West, bis 1950 die politische Hetze der SED sich nicht durchsetzen konnte, und die Wahlen immer kraß gegen die SED ausfielen, setzte Paul persönlich auf einer von ihm einberufenen Aktivistenversammlung den bisherigen ehrenamtlichen Bezirksbürgermeister ab, da er nicht Mitglied der SED war. An seiner Stelle ernannte er eine Person mit in der Tat bester SED-Qualifikation. Paul selbst veranlaßte die Gründung der sogenannten Nationalen Front in Wildpark - West und hielt auch die entsprechenden Hetzreden dazu.
Die Gründe für seine Flucht nach Westberlin stellt Paul natürlich auch falsch dar. Die Potsdamer Verwaltung war unter der Fehlleitung des Paul seit Anbeginn 1945 sprichwörtlich schlecht wegen der dort herrschenden Korruption und Mißwirtschaft.
Die »westliche« Neigung des Paul bezog sich leider nur auf die westlichen Genüsse, die es auf dem Westberliner Lebensmittelmarkt in Berlin-Wannsee zu kaufen gab. Dort hielt sein Kraftwagen regelmäßig und wurde von ihm und seiner Frau mit den Dingen vollgestopft, die der ostzonalen Bevölkerung vorenthalten wurden. Natürlich konnte sein Kraftwagen die ostzonalen Kontrollposten ungehindert passieren. Aber er erregte damit doch den Unwillen seiner orthodoxen SED-Genossen, die sich mit den sowjetischen Pajoks begnügten. Verständlicherweise wollte es Paul nicht darauf ankommen lassen, und so wählte er die ihm anscheinend bereitwillig gewährte Freiheit in Westdeutschland.
Hamburg 13
Dr. Hans-Joachim Heise