Prager Blitz - DER SPIEGEL
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Prager Blitz

• aus DER SPIEGEL 11/1948
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Es war einsam um den 62jährigen Masaryk geworden. Im Czernin-Palais hinter der Prager Burg regierte in Wahrheit sein Stellvertreter Dr. Wladimir Clementis, ein slowakischer Kommunist. Wer von den alten Mitarbeitern des Außenministers von ihm noch verschont blieb, wurde umso sicherer von dem Aktionskomitee aus dem Amt gewiesen. »Von jetzt an bin ich Gefangener, und Sie dürfen nicht annehmen, daß das, was ich tun oder sagen werde, von mir ausgeht«, gestand Jan Masaryk in einer vertraulichen Stunde einem ihm nahestehenden Diplomaten.

Das Wort ist erst nach seinem Tode bekannt geworden. Was er in den wenigen Tagen seiner Zugehörigkeit zum Revolutionskabinett Gottwald sagte und tat, ließ allerdings seine Freunde vielfach an ihm irre werden. Schon daß er in der Regierung blieb, verstanden weite Kreise in London und Washington nicht.

Das Rätsel löste erst der Sturz aus dem Badezimmerfenster. Nun wurde der Druck bekannt, der auf den immer parteilosen Mann ausgeübt worden war, um ihn zum Eintritt in die kommunistisch gleichgeschaltete sozialdemokratische Partei zu zwingen. Jetzt sickerte auch das Wort durch, das er in der ersten Kabinettssitzung nach dem Umsturz gesprochen hatte. Er habe keine Bedenken, so sagte er, »Vorsitzender des Vereins politischer Häftlinge zu werden«.

Das war das letzte seiner drastischliebenswürdigen Bonmots gewesen, mit denen er Zeit seines Lebens auf dem internationalen Parkett zu glänzen liebte. Danach blieb nur noch die Umdüsterung. Am 7. März, dem 98. Geburtstag seines Vaters, stand er noch einmal an dessen Grab in Lany. Am 9. März besuchte er zum ersten Male nach dem Umsturz und zum letzten Male den von ihm hochverehrten Präsidenten Benesch. Wenige Stunden nach der Rückkehr wählte er die nun schon traditionell gewordene Prager Art des Freitodes.*)

Als eine halbe Stunde später die zerschmetterte Leiche auf dem Hofpflaster gefunden wurde, gingen sofort auch die letzten Tore, die noch aus der Tschechoslowakei in das Ausland führten, zu. Die Telefonämter vermittelten auf Regierungsbefehl keine Gespräche mehr. Die Telegraphenstationen schwiegen. Erst als der kommunistische Innenminister Nosek der Nationalversammlung den Tod des »großen Kämpfers für die Freiheit« mitgeteilt hatte, erhielt auch die übrige Welt Kenntnis von der Prager Tragödie.

*) 1618 stürzten Mitglieder des tschechischen Ständerats. Gesandte des Kaisers aus dem Fenster der Prager Burg. Die Gesandten fielen auf einen Misthaufen und blieben unverletzt. Am 28. Februar 1948 stürzte sich der bisherige Justizminister, Prokop Drtina aus einem Fenster seines Hauses. Er wurde schwer verletzt. Der Westen nahm sie mit einmütigem Echo auf. »Prag ist zum zweiten Male innerhalb von zehn Jahren durch ein rücksichtsloses und dem Volke fremdes System erobert worden. Es gibt keinen Kompromiß zwischen individueller Freiheit und Diktatur. Jan Masaryk starb als Opfer dieses Konflikts«, schrieb die »Times«. Dieselbe Ueberzeugung sprach »New York Herald Tribune« aus. »Wie ein Blitz die Nacht erhellt, so hat der Tod Masaryks die letzten Schleier über der russisch-kommunistischen Eroberung gelüftet.«

Selbst Außenminister Marshall enthielt sich jeder diplomatischen Reserve: »Der Tod Masaryks enthüllt klar, was sich heute in der Tschechoslowakei ereignet. Es ist die Herrschaft des Terrors und nicht des Volkes, welches die Macht ausübt.«

Zweifel an dem Selbstmord blieben nicht aus. Vielen seiner amerikanischen Freunde wollte dieser Gedanke nicht in das Bild des lebenslustigen Spötters passen. In Prag jedoch berichtete man von einer Selbstmordneigung, die seit je in der Familie Masaryk bestanden habe. Man wies auch darauf hin, daß sein Vater als Philosophie-Professor 1881 in deutscher Sprache ein Buch geschrieben hat: »Der Selbstmord als soziale Massenerscheinung der Zivilisation.

Auf diesen Vater hat Jan immer geblickt. »Die Geschicklichkeit, mit der ich mir einen bedeutenden und klugen Vater ausgesucht habe«, nannte er gern sein »einziges Verdienst«. Dieser Vater war der Gründer der ersten tschechoslowakischen Republik. Er war ihr Präsident von 1918 bis zu seinem Tode 1935. Aber die Grundsteine zu seinem Staat hatte er nicht in Prag, sondern im Ausland gelegt. Vor allem in den Vereinigten Staaten.

Zwar hatte Thomas Masaryk, der von seiner amerikanischen Frau noch den zweiten Vornamen Garigue führte, seinen tschechischen Nationalrat 1915 zuerst in Paris aufgestellt. Zwar spielte er noch 1916 mit dem Gedanken, dem künftigen Königreich Böhmen einen Herrscher aus dem Hause Romanow zu geben. Zwar eilte er 1917 nach dem Ausbruch der Märzrevolution sofort nach Rußland und stellte dort aus tschechischen Kriegsgefangenen Legionen auf, die einst die Heimat befreien sollten. Aber die Gründungsakte der neuen Republik trug die Ortsbezeichnung Pittsburg (USA).

Nach amerikanischem Vorbild richtete der alte Masaryk den neuen Staat ein. Nach diesem Vorbild erzog er seinen Sohn. In Amerika begann Jan als Kinopianist und Stahlarbeiter. In Amerika heiratete er die Tochter des damaligen USA-Gesandten in China, Francis Crane-Leatherbee. In Amerika warb er nach dem Münchener Debakel von 1938, das ihn seiner 13jährigen Londoner Gesandtentätigkeit beraubte, für eine neue freie Tschechoslowakei. Deren Außenminister wurde er schon, als die zweite Republik nur erst in der Hoffnung der Londoner Emigranten bestand.

Er blieb es bis zum 10. März. An diesem Tag machte er selbst den Platz frei. Der Nachfolger hatte ihm schon vorher die Macht aus den Händen gewunden.

[Grafiktext]


Land Zahl der kom. Mitgl.% der Bevölk
OSTEUROPA:
Sow.-Union 6.000.0003,0
Tschechoslow. 1.250.0008,0
Polen 800.0003,0
Ungarn 800.0007,0
Rumänien 700.0003,5
Bulgarien 500.0007,4
Jugoslawien 400.0002,5
Finnland 30.0000,8
ÜBR. EUROPA:
Italien 2.200.0005,0
Deutschland Ostz. 1.576.0007,0
Westz. 350.0000,8
Frankreich 1.300.0003,1
Österreich 150.0002,2
Benelux 155.0000,8
Dänemark 65.0001,7
Schweden 46.0000,7
England 43.0000,1
Norwegen 33.0001,1
Schweiz 21.0000,5
Griechenland 400.0005,3

[GrafiktextEnde]

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