PRESSE-BAUSCH - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 20 / 36

Briefe

PRESSE-BAUSCH
• aus DER SPIEGEL 50/1953
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

PRESSE-BAUSCH

(Nr. 47/1953, Deutschland)

Ich habe mit großem Interesse von Ihrem interessanten Artikel »Die Tagegeld-Könige« in der Nummer vom 18. November 1953 Ihres Blattes Kenntnis genommen, in dem Sie unter anderem auch einige Dinge schreiben, die meine Person betreffen.

Zunächst fällt mir auf, daß Sie bei Ihren Veröffentlichungen über mich immer das gleiche Bild verwenden. Dies ist nicht so sehr ratsam. Abwechslung macht Pläsier! Vielleicht darf ich Ihnen für den Fall eines etwa wiederauftretenden Bedarfs mitfolgend noch ein anderes Bild von mir übersenden und Benutzung ergebenst anheimstellen.

Sie stellen u. a. fest, ich hätte von meinem Fraktions-Chef Heinrich von Brentano den Vorsitz über den Haushaltsausschuß gefordert. Sie sind hier offenkundig einem Irrtum zum Opfer gefallen. Ich habe schon vor der Wahl und erst recht nach der Wahl sowohl öffentlich als auch meiner Fraktionsführung gegenüber unentwegt den Standpunkt vertreten. daß der Vorsitz über den Haushaltsausschuß auch weiterhin der SPD verbleiben solle. Ich habe zu keiner Zeit den Vorsitz über den Haushaltsausschuß gefordert. Dieser mein Standpunkt ist auch in der Presse diskutiert worden.

Ihre Meinung, ich sei ein »puritanischer Asket«, braucht noch nichts Schlechtes zu bedeuten. Immerhin kann man unter einem puritanischen Asketen vielleicht einen Menschen verstehen, der eine gewisse Neigung

dazu hat, die mannigfaltigen Vorgänge unseres bunten Lebens vorwiegend unter negativen Vorzeichen zu betrachten. Vielleicht ist es deshalb von Interesse für Sie zu hören, daß ich vor einiger Zeit in meiner Wohnung in Korntal den Besuch eines Journalisten gehabt habe. Ihm hatte man erzählt, ich sei ein »engstirniger, puritanischer Fanatiker«. Ich habe mich mit ihm gründlich unterhalten und gewann von ihm den Eindruck eines klugen und ehrlichen Mannes. Er hat dann in einer Zeitung ausführlich über mich berichtet ... Der Journalist kommt zu dem Ergebnis: »Kein Fanatiker, kein Puritaner, kein Dogmatiker«.

Was schließlich meine Rede in der 88. Sitzung des ersten Deutschen Bundestages am 22. September 1950 anbelangt, so kam es in dieser Sitzung, wie alle Beteiligten wissen, zu einer spontanen, geradezu eruptiven und zornigen Auflehnung des ganzen Parlaments gegen gewisse Berichte einiger Zeitungen über die Bezüge der Abgeordneten im Straßburger Europarat. Der Reihe nach sprachen Redner aller großen Parteien und nahmen das Parlament gegen jene Presseangriffe in Schutz. Ich selbst sprach über irreführende Berichte über Vorgänge, die den Haushalt des Bundes betrafen. Die schärfste Rede hielt jedoch nicht ich. sondern ein Abgeordneter der SPD. Alle Redner waren in ihrer Haltung bestimmt von der Furcht, die neugeschaffene Demokratie könne durch ungerechtfertigte Vorwürfe und Angriffe genau so in ihrem Bestand gefährdet werden, wie in den Jahren zwischen 1930 und 1933 die Weimarer Demokratie durch destruktive Presse-Veröffentlichungen untergraben wurde.

Selten aber kommt etwas Gutes dabei heraus, wenn aus der Furcht, aus der Wut und aus dem Zorn heraus geredet wird. So war es auch hier. Zudem stellte sich heraus, daß jene Zeitungen, die irreführende Berichte veröffentlicht hatten, von einem Beamten irrtümlich falsch unterrichtet worden waren. Nach jener Sitzung bestand auf beiden Seiten eine ausgesprochene Katzenjammerstimmung. Parlament und Presse hatten vollkommen aneinander vorbeigeredet. Ich habe nicht erst heute, wie Sie meinen, sondern schon damals Herren der Presse gegenüber erklärt, daß ich es bedauere, auch zu dieser Sprachenverwirrung beigetragen zu haben.

Von jener Zeit an aber haben sich die Verhältnisse grundlegend zum Guten gewandelt. Die Beziehungen zwischen Parlament und Presse sind wesentlich vertrauensvoller und enger geworden. Die Furcht vor einem Zusammenbruch der Demokratie ist geschwunden. Dies alles wurde erreicht, ohne daß strafrechtliche Bestimmungen beschlossen wurden. Diese Erfahrung scheint mir sehr bedeutsam zu sein...

Bonn

Paul Bausch MdB

Zur Ausgabe
Artikel 20 / 36