GEHEIMDIENSTE Pressluft für Pullach
Es gibt drei Theorien, weshalb der geheime, freie Mitarbeiter eines Nachrichtendienstes »V-Mann« heißt. Gute Menschen hoffen, das »V« stehe für Vertrauen; Bürokraten behaupten, es sei das Kürzel für »Verbindung«.
In Pullach bei München, wo der Bundesnachrichtendienst (BND) residiert, kommt man an die Wahrheit: »V« steht für Verrat. Verrat ist die Basis des Geschäfts. Ohne V-Männer kein Geheimnisverrat und ohne Geheimnisverrat kein Geheimdienst.
Das Leben als V-Mann kann wunderschön sein. Für Informationen aus dem Schlapphut-Milieu zahlt Vater Staat grundsätzlich in bar, und, noch besser, diese diskreten Zuwendungen sind von Amts wegen steuerfrei. Kein Wunder also, dass viele beamtete Geheimdienstler fasziniert sind vom finanziellen Gestaltungsrahmen ihrer konspirativen Mitarbeiter.
Beim Regierungsdirektor Helmuth Hans Danz, Deckname »Dedler«, in Pullach zuletzt tätig als Sachgebietsleiter 34 AB, zuständig für GUS-Staaten, führte der Neid auf seine Zuträger in den neunziger Jahren zu einer kreativen Idee: Er warb seinen alten Spezi Alfred Heszheimer, Deckname »Albert«, der früher beim BND als »Auswerter« geschafft hatte, als Pseudo-V-Mann an und fütterte ihn sechs Jahre lang mit Nachrichten aus dem Fundus des Amtes. Treulich teilten die beiden Dunkelmänner die Honorare des produktiven Recycling: 30 Prozent für »Albert«, 70 Prozent für den Sponsor »Dedler«.
Für jede Information zahlte ein ahnungsloser dritter Mann im Bunde, der BND-»Anbahner und Verbindungsführer« Richard Erben, dem Nachrichtenlieferanten erst 200 Mark, später 250 Mark in bar. Das addierte sich zu hübschen Sümmchen, denn Heszheimer machte seinem akademischen Grad alle Ehre. Der Bayer ist »Master of Arts« der University of Southern California, und zwar im Fach »Internationale Beziehungen«.
So fiel die phantastische Produktivität des Informanten in Pullach zunächst nur angenehm auf: Albert berichtete aus über 70 Ländern. Wie Harry Potter mit seinem Zauberstab lüftete er die Schleier vor den Themen Geldwäsche, Rauschgift und Waffenhandel, Terrorismus und fremde Dienste. Dabei gelang es ihm auch noch, die vom Bundesnachrichtendienst gewünschten Aspekte Militär, Wirtschaft und Politik in seine Meldungen hineinzuwurschteln.
Kein Ausland war vor ihm sicher (und aus deutscher Sicht sind 99,8 Prozent der Welt Ausland). Der Master of Arts berichtete aus Mittel-und Südamerika, dem Nahen und Mittleren Osten, um nur seine »Schwerpunkte« zu nennen. Russland war für ihn ein offenes Buch.
Alles hatte »Albert« von München aus im Blick. Informationsreisen in die weite Welt seien gar nicht nötig, denn er - so machte der Nachrichtenhändler dem BND weis - verfüge rund um den Globus über Kontaktleute, Sub-Agenten, Zuträger und Abschöpfer, selbst in den höchsten Kreisen. In Wahrheit leitete der Kaufmann in Bayerns Hauptstadt die H&P Pressluftdienst GmbH, einen Kleinbetrieb mit Kontakten zur lokalen Bauwirtschaft.
Doch in Pullach war man jahrelang ordentlich stolz auf das imaginäre weltumspannende Netz des phantastischen V-Manns. Rund tausend geheime Informationen lieferte er in knapp fünf Jahren, die meisten wurden als wertvoll eingestuft. Die sprudelnde Quelle erhielt den Codenamen »Sir«.
»Sir Albert« ließ sich nicht lumpen. So lieferte er beispielsweise am 1. Februar 1994 27 Geheimnisse, am 18. Februar weitere 8 und am Monatsletzten noch mal 13. Strahlend drückte ihm sein V-Mann-Führer Richard Erben später insgesamt 9200 Mark bar in die Hand.
Richard mit der dicken Brieftasche - er ist immer noch Beamter beim BND - schätzte seinen V-Mann »Sir Albert« aus vielen Gründen. Denn der firmierte überdies als »Legendenarbeitgeber« und stellte auch das Handy zur Verfügung (gegen bar).
Das Glück zu dritt hätte ewig währen können, wenn der Dichter
der Nachrichten etwas weniger produktiv gewesen wäre und sich dabei gleichzeitig mehr Mühe gegeben hätte. So aber zirkulierten die Geheimnisse handschriftlich, weil »Dedler« und »Sir Albert« zu faul waren, sie mit einem PC zu verfremden. Auch die Fülle der enträtselten Mysterien aus aller Welt ließ beim BND vorübergehend ein »ungutes Gefühl« entstehen. Heimlich sorgte man sich in Pullach, der Presslufthändler verkaufe dem Amt womöglich nur heiße Luft.
Andererseits wollten die leitenden Herren des BND eine sprudelnde Quelle nicht ohne Not zustopfen. Die angekauften Nachrichten passten so gut in ihr Weltbild, entsprachen auch im Stil den Anforderungen. Kein Wunder: Regierungsdirektor Danz alias »Dedler« schöpfte sie ausnahmslos aus dem BND-eigenen Nachrichtenfundus. Als höherem Beamten standen ihm die »Meldungs-» und die »Ereignisübersichten« zur Verfügung, selbstverständlich auch die »Tagesunterrichtung«, denn an der schrieb er selbst mit.
Es war ungefähr die 1000. Dublette, diesmal aus Iran - da entstand erstmals massives Misstrauen gegen den V-Mann: Einem Auswerter fiel die weitgehende Textidentität mit einer hauseigenen PC-Meldung auf.
Jetzt war Pullach in Not: Die aufgeschreckten Nachrichtensammler überwachten wochenlang ihren V-Mann »Sir Albert«, doch den vermuteten Kontakt in den Apparat hinein brachte die Observation nicht ans Licht. Nur der V-Mann bemerkte die Beschattung und kündigte, um seine (fiktiven) Informanten zu schützen, dem Dienst die Freundschaft.
Das hieß aber auch: Es gab nun kein Geld mehr vom BND. Regierungsdirektor Danz »Dedler« wusste sofort Rat. Wenn es nicht mehr möglich sei, dem eigenen Amt Geheimnisse zu verkaufen, dann vielleicht den Polen, Bulgaren oder Rumänen?
Sir Albert nahm Kontakt zum Profi-Kollegen Janosz Ignatiev auf, dem geheimen Residenten des polnischen Nachrichtendienstes in München, getarnt als Diplomat im Generalkonsulat. Der ging erst mal auf den Handel ein und ließ sich drei verfremdete BND-Erkenntnisse liefern. Auch tat der clevere Pole so, als glaube er »Sir Albert« die Legende, hinter den Neuigkeiten verberge sich ein russischer KGB-Oberst in finanziellen Nöten, der deshalb pro Geheimnis 400 Mark berechnen müsse.
Die Lektüre lieferte dem talentierten Polen sogleich eine wichtige Erkenntnis: So beamtig, so nachrichtendienstmäßig dröge könne überhaupt nur jemand formulieren, der beim BND hauptberuflich Geheimnisse aufschreibt. Eifrig - schließlich wollte Polen in die Nato - unterrichtete Ignatiev
die auf ihn angesetzten Abschöpfer des BND. Man kennt sich im Schattenreich. Nun endlich flog der Schwindel auf.
»Sir Albert« und »Dedler« gerieten in Haft. Im Februar 1999 wurde im Namen des Volkes vom Bayerischen Obersten Landesgericht der Pressluftkaufmann zu zwei Jahren Gefängnis (mit Bewährung), sein BND-Kumpan zu viereinhalb Jahren (ohne Bewährung) verurteilt.
Und das Geld? Es ist weg. Der heute 52jährige Sir Albert, so erkannte das Gericht, besitze überhaupt kein Vermögen und müsse drei Kinder von drei Frauen alimentieren, bei jetzt 2500 Mark Monatseinkommen. Bisher half es dem geneppten BND nicht, dass er Quittungen über insgesamt 291 823,40 Mark präsentierte. Wiederhaben will der Geheimdienst nur 234 800 Mark zuzüglich 47 619,13 Mark Zinsen, berechnet zu den gesetzlichen vier Prozent. Doch alle Mahnbescheide blieben ohne Erfolg.
Mitte Februar wird das Münchner Oberlandesgericht in einer Berufungsverhandlung darüber entscheiden, ob »Sir Albert« zur Kasse gebeten wird. Sein Anwalt Jürgen Nath argumentiert, dass der Kaufmann den BND nicht betrogen und nicht getäuscht habe und deshalb auch nichts zurückzahlen müsse. Nur dem Nachrichtendienst selbst obliege es, »Seriosität und Glaubwürdigkeit der Informationen zu beurteilen«.
Seinen inzwischen entlassenen Regierungsdirektor Danz »Dedler« hat der BND bisher mit finanziellen Forderungen nicht behelligt. Auch »Sir Albert« ließ den Doubletten-Händler in Frieden, hält sich aber die Option auf Regress vor.
Dieser Ex-Beamte muss sich, wie seine Richter erkannten, nun wieder »völlig neu orientieren«. Die Chancen für den heute 51-Jährigen sind gut.
Denn bevor sich Danz auf den zweiten Bildungsweg machte, um »Dedler« zu werden und fremde Geheimnisse zu lüften, hatte der Bayer ganz brav von seiner Hände Arbeit gelebt - nach der Volksschule acht Jahre lang als Kfz-Mechaniker, zu jedermanns Zufriedenheit. HANS HALTER
* Einsatz gegen Kokainlabor in Kolumbien, Palästinenser vorHamas-Flaggen.* Im baden-württembergischen Rheinhausen.