Rudolf Augstein ist tot. Die traurige Nachricht kam für all jene nicht überraschend, die ihm nahe standen, denn sie wussten um seine Krankheit. Und dennoch ist es nicht nur persönliche Betroffenheit und Mitgefühl für seine Frau, seine Familie und seine persönlichen Freunde, sondern es ist zugleich die Gewissheit, dass mit Augsteins Tod ein weiteres Kapitel deutscher Nachkriegsgeschichte definitiv zu Ende geht. Deshalb mischt sich in die Trauer auch Melancholie über das Ende einer Epoche. Augstein gehört zu den ganz Großen der Gründergeneration der westdeutschen Bundesrepublik. Rudolf Augstein, Axel Springer, Henri Nannen, Gerd Bucerius - das waren die herausragenden Figuren des deutschen Nachkriegsjournalismus, allesamt Verlegerjournalisten. Rudolf Augstein war gewiss der Primus inter Pares unter ihnen.
Niemand ahnte das mehr als der fast lebenslange politische Antipode von Rudolf Augstein, Franz Josef Strauß. Er adelte ihn und sein Wochenmagazin durch einen ruchlosen Angriff der Staatsgewalt auf die Pressefreiheit in der damals noch jungen Westrepublik. Heraus kam die so genannte SPIE-GEL-Affäre, die Augstein 103 Tage in der Haft und FJS den Rücktritt vom Amt des Bundesverteidigungsministers brachte. Das Recht und die Pressefreiheit hatten gesiegt, und seitdem waren Augstein und der SPIEGEL zum Synonym für die Macht der vierten Gewalt, für Pressefreiheit, für kritischen und unabhängigen Journalismus in Deutschland geworden. Dies war eine der entscheidenden Stunden in der Geschichte der Freiheit der deutschen Nachkriegsdemokratie.
Augstein und sein Magazin haben mich ein Leben lang begleitet und, ja, gewiss auch politisch geprägt, meist zustimmend, bisweilen aber auch im Widerspruch. Im katholischen Milieu, in das ich hineingeboren wurde, war am Anfang Adenauer. Von ihm führte mein Weg über Augstein schließlich zu Rudi Dutschke. So lassen sich die ersten 20 Jahre meines Lebens zwischen 1948 und 1968 politisch kurz zusammenfassen. Rudolf Augstein und sein SPIEGEL sollten sich dabei allerdings als die tatsächliche Konstante erweisen.
Die erste Berührung mit dem SPIEGEL fand wohl in den späten fünfziger Jahren statt, und zwar beim Friseur in unserem Dorf. Dort saß ich in Erwartung des damals üblichen radikalen Haarschnitts für kleines Geld und blätterte in den grauen Seiten des Hamburger Wochenmagazins mit dem provozierend roten Rand auf der Titelseite. Streng blickende Herren, konservativ gewandet und bedeutungsschwer blickend, zierten in der Regel die damaligen Titel. Ich erinnere mich auch noch genau an jenes von FJS und der Bonner Obrigkeit als »Abgrund von Landesverrat« inkriminierte Heft mit dem schönen Titel »Bedingt abwehrbereit«. Später folgten dann die »gelben Seiten«, Einlagen in das Heft, die Augsteins Auftritte in Diskussionsrunden an verschiedenen Universitäten dokumentierten. Unsereins bildete sich bei der Lektüre politisch heimlich fort, denn in unserem konservativ-katholischen Dorf hatte der SPIEGEL eben doch das Faszinosum des fast Verbotenen. Augstein klang subversiv, und ebendas zog mich an. Kein Wunder also, dass dann schließlich der SPIEGEL in seiner von mir bewunderten Oppositionsrolle von dem Aufstand der Studenten und der 68er Bewegung abgelöst wurde.
Viele seiner Kommentare waren von bleibendem Wert, ja manche schrieben sogar politische und journalistische Zeitgeschichte. Gewiss war Augstein auch groß im Irrtum und gnadenlos im Vorurteil. Aber er machte nicht nur Meinung, sondern er hatte auch selbst eine. Und was für eine! Er gestaltete durch sein Magazin und seine Kommentare die Republik fast ebenso sehr wie die wichtigsten handelnden Akteure in Bonn.
Augsteins Stil konnte sarkastisch sein, ätzend gar, verletzend und hart. Ich weiß als eines der Objekte seiner Kommentierung nur zu gut, wovon ich rede. Aber selten waren sie nichts sagend oder gar langweilig, sondern fast immer klug und immer der Ratio und der Humanität in der Politik verpflichtet. Die Kontrolle und die Kritik der Macht und der Mächtigen blieben sein Basso continuo und Deutschland sein leidenschaftliches Thema. Er war ein nationalliberaler Demokrat im besten Sinne des Begriffs.
Augstein schrieb bisweilen geniale Kommentare, die ein solches Lesevergnügen waren, dass sie bis auf den heutigen Tag nicht vergessen sind. Wie kaum ein Zweiter verstand er die angelsächsische Kunst, mit einem Satz, mit einem Wortspiel auf jenen politischen Punkt zu kommen, der erklären, der aber auch erledigen konnte. »Wo Barzel den Most holt« lautete einer dieser genialen Sätze. Mit dieser Überschrift über einen Kommentar versenkte er den damaligen Bundestagspräsidenten in der so genannten Flick-Affäre. Oder auf die Frage im Fragebogen des »FAZ«-Magazins, welche militärischen Leistungen er am meisten bewundere: »Meinen Rückzug aus der Ukraine«, das zeigte schon eine einsame Klasse.
Nun ist Rudolf Augstein tot, und er wird eine große Lücke hinterlassen. Kein Nachfolger ist zu sehen weit und breit, der das Zeug hätte, Augsteins Feder zu ergreifen und die schmerzlich empfundene Lücke zu schließen. Darin aber liegt sein eigentliches Vermächtnis, denn unsere Republik braucht auch in Zukunft eine solche Feder.
Der Grünen-Politiker Joschka Fischer, 54, ist seit 1998 Außenminister.