UNGARN Private Ente
Als »Schaufenster des Ostens« gilt die ungarische Hauptstadt Budapest wegen ihres vergleichsweise üppigen Warenangebotes schon seit langem; nun soll auch der bisher einheitliche Firmenname der Staatswirtschaft nach und nach verschwinden.
Die erste Etappe haben die experimentierfreudigen ungarischen Kommunisten unter dem eher verschleiernden Namen »Unternehmer-Sozialismus« schon erfolgreich zurückgelegt. Als Starttermin für den Weitermarsch wurde jetzt der 1. Januar 1982 festgelegt.
Schon seit Anfang dieses Jahres ist es möglich, bislang staatlich betriebene Kleinunternehmen, vor allem Einzelhandelsgeschäfte, Restaurants, aber auch Boutiquen oder Campingplätze für private Nutzung zu pachten.
Das Besondere an dieser vom Staat ausdrücklich geförderten Reprivatisierung: Die meist unrentablen Betriebe werden jetzt von den Behörden versteigert.
Derjenige Bieter, der dem Staat den höchsten Pachtzins verspricht, bekommt in der Regel auch den Zuschlag - fachliche Eignung vorausgesetzt.
Der nunmehr alleinverantwortliche Pächter darf bis zu zwölf Mitarbeiter anstellen, deren Gehälter und die Arbeitszeit weitgehend nach eigenem Gutdünken festlegen, seine Waren oder Materialien einkaufen, wo es ihm gefällt, und - was für die meisten Pächter sicher das Wichtigste ist - den Gewinn nach Abzug von Unkosten, Pachtrate und Steuern in die eigene Tasche stecken.
Daß dieser Gewinn mitunter ganz erheblich sein muß, zeigte die Versteigerung des renommierten Budapester Altstadt-Restaurants »Fekete Hollo« (Schwarzer Rabe): Der Zuschlag ging an einen Bieter, der dem Staat für drei Jahre einen Pachtzins in der stolzen Höhe von fünf Millionen Forint (etwa 400 000 Mark) versprach.
Das ökonomische Risiko für den Staat ist bei dieser Art von Reprivatisierung gering: Hat ein Pächter seine Tüchtigkeit oder auch nur den Kundenandrang überschätzt und macht Pleite, so fällt der Betrieb (oft renoviert und in Schuß gebracht) an den Staat zurück - der ihn dann auf der nächsten Auktion von neuem anbieten kann.
Die Gründe, die Budapester Wirtschaftsplaner für diese sozialistisch-kapitalistische Gemischtwarenhandlung angeben, klingen durchaus pragmatisch.
Zum einen wird die Kundschaft in privat betriebenen Läden oder Restaurants nach einschlägigen Erfahrungen leichter und besser zufriedengestellt; die Pächter und Angestellten geben sich aus verständlichem Eigeninteresse mehr Mühe als die Kollegen im Staatsbetrieb.
Zum anderen kann der ungarische Staat auf diesem Weg einen Teil der enormen Sparsummen seiner Bürger - die Banken sprechen von 150 Milliarden S.185 Forint - abschöpfen und wieder dem Wirtschaftskreislauf zuführen. Und eine kräftige Transfusion kann die ungarische Staatswirtschaft äußerst dringend gebrauchen.
Die Erfahrung, daß private Initiative auch dem Staat gutes Geld einbringt, haben die Planer bei der Verpachtung von insgesamt 35 000 Ladengeschäften und 18 000 Gaststätten in ganz Ungarn gemacht. Sogar in der Provinz wurden für ländliche Gasthöfe bis zu 200 000 Mark Pachtzins geboten.
So versprechen sich die Wirtschaftsexperten von dem Experiment auch eine bessere Arbeitsmoral im sozialistischen Ungarn. Mehr Fleiß und Einsatz in der Produktion soll sich -- wie die Erfolge des schon seit längerer Zeit privaten Kleingewerbes zeigen - wieder lohnen.
Denn die rund 100 000 bäuerlichen Familienbetriebe oder Handwerker in diesem Wirtschaftssektor haben fast ein Sechstel des Inlandbedarfs decken können. Allein die privaten Bauern erwirtschafteten 1979 eine Produktion im Werte von mehr als vier Milliarden Mark.
Auf Landwirtschaft und Handwerk vor allem zielt deshalb auch die zweite Etappe der Reprivatisierung ab.
Die Privatbauern dürfen ihre Betriebe technisieren, und für den Kauf eines Traktors, der Eigentum der Bauern ist und bleibt, gibt der Staat noch großzügige Kredite.
Die Handwerker - mehr als 30 Berufssparten sind inzwischen von der Reprivatisierung erfaßt - können sich zu Genossenschaften nach westlichem Muster zusammenschließen und dabei bis zu 100 Beschäftigte anstellen. So lassen sich Privatbetriebe bis zur Größe mittlerer Industriefirmen aufbauen, mit eigener Import- und Exportabteilung.
Initiator dieses Reprivatisierungsprogramms ist der Nationalökonom Tibor Liska, Leiter eines Forschungsteams an der Budapester Universität. »Ökonomisch«, prophezeit er, »sind diesem Modell keine Grenzen gesetzt.«
Welche politischen Folgen es hätte, wenn eines Tages auch die Mehrheit der Industrie-Produktion privaten Managern untersteht, wollte Liska allerdings nicht voraussagen.
Darüber sprach ein Mann, der erst Anfang dieses Jahres wieder in der Öffentlichkeit auftauchte, nachdem er 1974 plötzlich von der politischen Bühne verschwunden war: Rezsö Nyers, ehemaliges Mitglied des Politbüros und der eigentliche Vater der ungarischen Wirtschaftsreform von 1968.
Nyers, der Anfang der siebziger Jahre im Meinungsstreit mit den orthodoxen Genossen in der Führung unterlag und sich trotz verlockender Angebote durch Parteichef Kadar seit sieben Jahren in die wissenschaftliche Forschung zurückgezogen hatte, nannte die systembedingten Schwierigkeiten beim Namen.
Das sozialistische System, so der Reformer in einem Vortrag, sei in die Erstarrung geraten. Nach den Thesen von Marx und Engels habe man sich die Produktionsverhältnisse des Sozialismus als einen Weg zur absolut freien Gesellschaft vorgestellt. Die Trägheit des Systems aber habe im Gegenteil bewirkt, daß die Menschen ihr Schicksal nicht selbst in die Hand nähmen.
Solch Ketzertum hat, wie nicht anders zu erwarten, die Orthodoxen in der Führung aufgeschreckt. Sie fürchten, bei allzu radikaler Demokratisierung und Liberalisierung die Kontrolle über die Gesellschaft zu verlieren und in den Strudel der »polnischen Ereignisse« zu geraten.
Gegen die Privatisierungswelle gehen sie mit einem Satz von Lenin an, der 1920 in seiner Schrift »Die Kinderkrankheit des ''Links''-Radikalismus im Kommunismus« gewarnt hatte: »Die Kleinproduktion ... erzeugt unausgesetzt, täglich, stündlich, elementar im Massenumfang Kapitalismus und Bourgeoisie.«
Die Orthodoxen stört vor allem der Rückzug der Partei, die ihren Einfluß auf die Auswahl von Führungskräften in der Wirtschaft verliert und die Produktion der Eigeninitiative unabhängiger Fachleute überlassen muß.
Ein Beispiel könnte ihnen recht geben: Bei der Versteigerung des Budapester Restaurants »Kacsa« (Die Ente), dem ersten ungarischen Lokal mit chinesischen Spezialitäten, bekam der Sohn des Andras Hegedüs, Sandor, den Zuschlag, weil er den höchsten Pachtzins bieten konnte.
Andras Hegedüs aber, der mitunter im Familienbetrieb auch selbst Hand mit anlegt, ist der im Revolutionsjahr 1956 gestürzte ungarische Ministerpräsident, der sich im Moskauer Exil vom Stalinisten zum prominentesten Dissidenten Ungarns gegen den Staats-Sozialismus wandelte.
S.183In seinem Budapester China-Restaurant »Kacsa«.*