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CHINA Private Praxis

Neuerung im sozialistischen Gesundheitssystem: Sanitäter und Ärzte, bisher staatlich, dürfen künftig auf eigene Rechnung behandeln und abrechnen. *
• aus DER SPIEGEL 47/1984
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Kostenlose Behandlung, Geschenke werden abgelehnt.« So steht es auf dem Schild vor der Landpraxis des pensionierten Armeearztes Zhou Chao im Kreis Gaochun an der Grenze zwischen den ostchinesischen Provinzen Anhui und Jiangsu.

Soviel Uneigennützigkeit war der Parteipresse eine Würdigung wert. Und Zhous ehemaliger Arbeitgeber, die Volksbefreiungsarmee, ehrte den Diener des Volkes mit einem Tagesbefehl.

Doch das Beispiel des Armeearztes Zhou wird rühmenswerte Ausnahme bleiben. Künftig nämlich ist es Chinas Ärzten ausdrücklich gestattet, Patienten auf eigene Kosten zu behandeln und ihre Leistungen zu berechnen. Profit ist erlaubt.

Gerade arbeitslose und pensionierte Heilpraktiker, Doktoren und Sanitäter sollen sich nach dem Willen von Gesundheitsminister Cui Yueli selbständig machen. Selbst Ärzte der staatlichen Kliniken dürfen sich - ausreichenden Personalstand vorausgesetzt - weitgehend risikolos niederlassen. Die beamteten Mediziner behalten das Recht, später auf ihre früheren Posten zurückzukehren.

Diese »radikalen Veränderungen« (Cui) gehören zu dem Paket der jüngsten wirtschaftlichen Reformbeschlüsse des Regimes, und der Minister hofft damit, das »dünn gestreckte Netz der medizinischen Versorgung« für Chinas Milliardenbevölkerung zu verbessern.

Der Minister klagte über schlechte Betreuung, fehlende Flexibilität und Geldverschwendung in der Gesundheitsfürsorge - dabei kann die Volksrepublik China als »sozialistisches Entwicklungsland der Dritten Welt« (Verfassungsdefinition) eindrucksvolle medizinische Erfolge vorweisen.

1952, drei Jahre nach der Staatsgründung, gab es 425 000 Ärzte; 1983 waren es 1,3 Millionen. Damit stehen für 1000 Bürger Chinas rechnerisch 1,3 Mediziner zur Verfügung (in Indien sind es 0,3, in der Bundesrepublik 2,5). Die Zahl der Krankenbetten stieg von 160 000 (1952) auf 2,1 Millionen im vergangenen Jahr.

Den Chinesen bekam die bessere Versorgung gut: Die durchschnittliche Lebenserwartung, die vor 1949 zwischen 35 und 38 Jahren lag, beträgt heute fast 68 Jahre. Seuchen wie Pocken, Cholera und Typhus, die in China vor Antritt der Kommunisten jährlich Hunderttausenden das Leben kosteten, sind ausgerottet, Malaria und Lepra unter Kontrolle.

Die KP sorgte für gesündere Ernährung und startete Hygienekampagnen gegen gefährliche Infektionen: Die Bewegung für »Zwei Kontrollen« überwachte Trinkwasserreservoirs und Jauchegruben. Eine Kampagne für die »Fünf Verbesserungen« (Reinhaltung von Brunnen, Viehställen, Aborten, Kochstellen und allgemeine Sauberkeit) dämmte das in Südchina verbreitete Schneckenfieber (Schistosomiasis japonicum) ein. Schon 1958 freute sich Mao Tse-tung in einem Gedicht: »Lebewohl Seuchengott.«

Der Ausbau der medizinischen Versorgung konzentrierte sich zunächst auf die Städte. Nur 15 Prozent aller Ärzte arbeiteten vor 1966 auf dem Land, und für die ärmere bäuerliche Bevölkerung blieb der Gang zum Doktor teuer. »Ein einjähriges Schwein für eine Fahrt im Krankenwagen«, rechneten damals Kommunebauern. So klagte Mao noch am Vorabend der Kulturrevolution: »Für die Massen auf dem Land gibt es überhaupt keine Krankenpflege - weder Ärzte noch Heilmittel.«

Das Schwergewicht der medizinischen Arbeit, forderte Mao 1965, sei daher auf das Land zu legen. Zudem müsse man die Ausbildung der Mediziner reformieren: »Es ist nicht notwendig, daß sie so viele Bücher lesen.«

Die Weisung des Großen Vorsitzenden war damals Befehl. Das Medizinstudium, zuvor fünf bis sechs Jahre lang, verkürzte man auf drei Jahre. In drei- bis sechsmonatigen Kursen wurden zudem Millionen von Sanitätern ausgebildet, welche die grundlegende Versorgung in den Dörfern sicherstellen sollten, ohne sich dabei von den Massen zu entfernen: Es waren jene »Barfußärzte«, die sich ihre Zeit zwischen der Arbeit im Reisfeld

und dem medizinischen Einsatz teilten.

»Hohes proletarisches Bewußtsein« war bei der Auswahl der Hilfsdoktoren freilich wichtiger als fachliche Qualifikation. Und während der Kulturrevolution setzten die Mediziner vor allem auf die heilsame Wirkung politischer Kampfsprüche: Bei schwierigen Eingriffen wurden Bilder und Zitate des Großen Vorsitzenden im Operationssaal aufgehängt.

Patienten hielten eine Mao-Bibel in der Hand und hatten Akupunkturnadeln im Ohr, als ihnen bei vollem Bewußtsein der Brustkasten aufgesägt wurde. Angeblich schmerzfrei las der Operierte dazu Texte aus dem kleinen Buch des »Großen Steuermanns«.

Diese Form der Akupunktur-Anästhesie, damals als Erfolg des proletarischen Kurses von Mao auf medizinischem Gebiet gefeiert, stellte sich später als politischer und medizinischer Schwindel heraus.

Kein Wunder, daß die Barfußärzte - noch bis zum Sturz der »Viererbande« 1976 als »neue Errungenschaft der Großen Proletarischen Kulturrevolution« gepriesen - heute ideologisch wie fachlich in Verruf sind. Fast die Hälfte der damals ausgebildeten Sanitäter gilt als nicht ausreichend qualifiziert.

Schon 1974 belächelte Teng Hsiaoping, heute Chinas starker Mann, deren medizinische Fertigkeiten ("Es ist immerhin besser, Barfußärzte zu haben als gar keine Ärzte") und empfahl ihnen Weiterbildung: »Sie können zunächst nur einige häufige Krankheiten behandeln, aber nach einigen Jahren tragen sie Strohsandalen und wissen schon etwas mehr. Wenn dann noch einige Jahre vergangen sind, ziehen sie Stoffschuhe an.«

Trotz neuer Ausbildungsgänge sind manche der Barfußärzte auch heute nicht mehr als Quacksalber. Den ratsuchenden Bauern verschreiben sie Hühnersuppe mit Schmetterlingen gegen Bronchitis und ein Mahl aus Rehnieren, Kuheuter und Schildkrötenfleisch gegen Impotenz.

Solche schwarzen Schafe des Berufsstandes versucht das Gesundheitsministerium durch Prüfungen auszusondern: Bei einer Kontrolle in einem der 2300 chinesischen Landkreise bestanden von 1016 Barfußärzten nur 800 das staatliche Examen.

Billig ist die medizinische Versorgung immer noch. Eine Untersuchung im Krankenhaus kostet normalerweise nur die Registrationsgebühr von rund 15 Pfennig, etwa zwei Stundenlöhne.

Das verursacht aber auch ein chronisches Defizit im Gesundheitswesen: 1980 über eine Milliarde Mark, das ist der Jahresverdienst von anderthalb Millionen Arbeitern. Seitdem experimentiert das Gesundheitsministerium mit erhöhten Tarifen für Klinikbehandlung und Operationen.

Ob Chinas Versicherte die größeren Gebühren auch selbst werden bezahlen müssen, ist jedoch noch offen. Bei Industriearbeitern und Funktionären übernahmen jedenfalls bislang Fabriken oder der Staat fast gänzlich die Behandlungskosten.

Auf dem Land hingegen gibt es seit den sechziger Jahren genossenschaftlich organisierte Krankenkassen. Zwei Jüan, das sind zwei Tageslöhne, zahlen beispielsweise die Bauern eines Dorfes bei Schanghai jährlich für ihre »medizinische Kooperative«. Aus dem Gemeindefonds stammt noch einmal derselbe Betrag; aus den Erträgen der ortsansässigen Kleinindustrie wird ein weiterer Jüan pro Kopf zugeschossen.

Dem kulturrevolutionären Kassenmodell auf Gemeindebasis droht jetzt allerdings wirtschaftliche Auszehrung. »Seit die Bauern mehr verdienen und vereinzelt sogar reich werden«, stellte das Gesundheitsministerium fest, »wenden sich die Patienten immer häufiger direkt an den Allgemeinpraktiker im Gemeindekrankenhaus oder an Krankenhausärzte.«

Viele Bauern sind es nämlich leid, Jahresgebühren zu zahlen, denen keine entsprechenden Leistungen gegenüberstehen: Sie kündigen ihrer medizinischen Kooperative die Mitgliedschaft. In einzelnen Dörfern sind nur noch 20 bis 30 Prozent aller Familien in der Kollektivversicherung.

Die Folge: Gerade die hieraus bezahlten Gehälter der Barfußärzte geraten unter Druck. Viele der - mit durchschnittlich 20 Jüan (24 Mark) im Monat mager besoldeten - Hilfsmediziner geben daher den Sanitäterberuf auf. Verlockt vom propagierten Modell der »10 000-Jüan-Höfe« (Bauernfamilien mit dem für China phantastischen Jahreseinkommen von rund 12 000 Mark), kehren sie in die lukrative landwirtschaftliche Produktion zurück: Seit 1979 sank die Zahl der Barfußärzte von 1,8 Millionen auf 1,2 Millionen.

Private Arztpraxen sollen daher jetzt sicherstellen, daß die medizinische Basisversorgung gerade auf dem Land nicht zusammenbricht. Schon gibt es Dörfer, in denen die früheren Barfußdoktoren eigene Kliniken eröffnet haben. Bezahlt wird in bar. Die Genossenschaftskasse ist aufgelöst, nur in Härtefällen springt die Gemeinde mit einem Zuschuß ein.

Im Gegenzug verpflichtet sich der niedergelassene Arzt vertraglich zu kostenloser Hygieneberatung, zu Schwangerschaftsvorsorge und Familienplanung. Das neue Modell der Gesundheitsfürsorge wird vom Staat gefördert. »Es hat«, so lobt die Presse, »die medizinische Versorgung auf dem Land weiter verbessert.«

Bei der pragmatisch betriebenen Wende zur privat praktizierten Medizin wird das Exempel vom pensionierten Armeedoktor Zhou, der »bei gutem und bei schlechtem Wetter unterwegs ist«, der »weder nach Ruhm und höherer Position noch nach Geld« strebt, auch in Zukunft ein ebenso lobenswertes wie seltenes Ideal bleiben.

Für den individuell kassierenden Arzt nämlich dürften die Ziele des selbstlosen Mediziners kaum ein Motiv abgeben: »Wir müssen«, so der Genosse Zhou Chao, »den Geist der roten Blutkörperchen haben, Tag und Nacht hart für die Partei arbeiten und dem Körper der Partei ununterbrochen Nahrung liefern.«

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