WIRTSCHAFTSKRIMINALITÄT Probleme mit der Null
Wer ordentlich schafft, heißt eine Maxime im deutschen Musterländle, darf auch leben. Manfred Schmider und Klaus Kleiser, die jahrelang als baden-württembergische Vorzeigeunternehmer galten, wussten zu leben.
In ihrer Villa in Théoule-sur-Mer bei Cannes fehlte es an nichts. Der Clou aber war die Bar, von der aus der Blick auf die Wellen des Mittelmeers ging - die Theke stand mitten im Swimmingpool.
War ihnen die Welt an der Côte d'Azur mal zu eng, standen Ausweichquartiere rund um den Globus zur Verfügung: das größte Anwesen Ibizas mit Hallenbad, Freibad und einem kleinen Teich im Haus, hochwertige Immobilien in der Sonne Floridas auf Fisher Island oder im Schnee von St. Moritz, dazu noch zwei Villen in Montevideo für je rund 15 Millionen Dollar.
So viel Wohlstand kommt nicht von ungefähr. »Das Ganze war eine viechige Arbeit«, gestand Kleiser kürzlich.
Wohl deshalb war auch der Weg zur Arbeit so angenehm wie möglich organisiert. Schmider flog fast jeden Morgen mit dem Hubschrauber von seinem 20-Millionen-Mark-Anwesen in Karlsruhe-Durlach in die nicht mal zehn Kilometer entfernte Firmenzentrale nach Ettlingen.
Hier, im Herzen der FlowTex-Gruppe, legten die Chefs dann bei allen großen Geschäften selbst Hand an - mit Schere, Kleber, Kopierer und Scanner.
Die meisten FlowTex-Geschäfte waren nämlich Luftnummern.
In dieser Woche erhob die Mannheimer Staatsanwaltschaft gegen Schmider und Kleiser, die seit über einem Jahr in Untersuchungshaft sitzen, Anklage wegen des Verdachts des gemeinschaftlichen Betrugs, des Bandenbetrugs und des Kapitalanlagebetrugs. Allein Schmider werden 372 Einzeltaten vorgeworfen.
Die Anklageschrift beziffert das Ergebnis der »viechigen Arbeit« auf den Pfennig genau. Um 4 138 422 766,14 Mark sollen die beiden mit derzeit weiteren 25 Beschuldigten über Jahre hinweg rund 120 Banken und Leasing-Gesellschaften geschädigt haben - da wirkt selbst der Immobilienpleitier Jürgen Schneider, dessen Name bislang als Synonym für den größten Wirtschaftsbetrugsfall der Republik galt, mit einem angerichteten Schaden von rund zwei Milliarden Mark wie ein Schulbub.
Die FlowTex-Kumpanen - mit angeklagt wurden bereits der ehemalige Commerzbanker Karl Schmitz, mit dessen Hilfe fünf Anleihen zu je 250 Millionen Euro aufgelegt werden sollten, und die frühere Geschäftsführerin Angelika Neumann - hatten leichtes Spiel bei Banken, Wirtschafts- und sogar bei Betriebsprüfern. Gegen mehrere Finanzbeamte, darunter auch ein ehemaliger Tennispartner Schmiders, ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts der Beihilfe.
Dabei hatten die badischen Kaufleute eigentlich seriös begonnen. Sie entwickelten so genannte Horizontal-Bohrsysteme, mit denen Kabel und Rohrleitungen unter Straßen verlegt werden können, ohne diese aufreißen zu müssen.
Mit dem Patent bauten sie ein scheinbar florierendes und innovatives Unternehmensgeflecht auf. Im Zentrum der FlowTex-Gruppe saßen die Ettlinger Firmen FTT und KSK. Die KSK kaufte die Geräte und gab diese an die FTT weiter. Von dort wurden sie für den operativen Einsatz anderen Partnerfirmen der FlowTex-Gruppe zur Verfügung gestellt.
Der Preis pro Horizontal-Bohrsystem lag laut Anklageschrift zwischen 1,07 und 1,60 Millionen Mark. Die teuren Geräte finanzierten Schmider und Kleiser über Leasing-Gesellschaften und Banken. Nur: Von den angeblich 3187 Bohrsystemen existierten gerade mal rund 280. Die anderen waren virtuell, allesamt in Kleisers und Schmiders stillen Bastelstunden entstanden, wie die rund 300-seitige Anklage beschreibt.
So besorgten sich die mutmaßlichen Betrüger unter anderem aus Italien und Spanien Lieferscheine und Speditionspapiere angeblich verkaufter Maschinen, schlossen für sie Versicherungen ab und organisierten, wie von den Leasing-Gesellschaften verlangt, so genannte Shelter-Briefe.
Mit Briefbögen und Kontoauszügen der einzelnen Kreditinstitute wie der Deutschen Bank oder dem Bankhaus Vontobel deckten sich die Beschuldigten bei einer Karlsruher Druckerei ein, die dafür einen sechsstelligen Betrag kassierte. Auch einen Prägestempel der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG hatte sich Schmider nach Angaben von Kleiser organisiert.
Wenn für KPMG mal wieder Bilanzen zur Verfügung gestellt werden mussten, machte sich Kleiser ebenfalls dran. »In mühevollster Arbeit« habe er unter Verwendung aller Schreibmöglichkeiten, die Windows bietet, auf seinem Rechner die Kontoauszüge erstellt.
Selbst die Erkenntnis, dass auf den Bankauszügen eine Schrifttype verwendet wird, die bei ganz genauer Prüfung nicht mit Windows nachproduzierbar war, schreckte die badischen Tüftler nicht. Die entsprechenden Zahlen wurden erst einmal eingescannt. Dann kopierte sie Kleiser, um sie wieder auf dem getürkten Kontoauszug zu generieren.
Besondere Probleme gab es dabei mit der Null. Wenn mal wieder eine nicht in das entsprechende Kästchen eines Vordruckes passte, klagte Kleiser den Beamten, »musste in stundenlanger Arbeit alles wiederholt werden«.
»Die wirklich gefährlichen Tatwerkzeuge sind heute eine Tube Uhu, der Pritt-Klebestift, eine Schere und ein Kopierer«, weiß der Frankfurter Rechtsanwalt Helmut Görling, der jahrelang beim Hessischen Landeskriminalamt Wirtschaftskriminelle jagte und jetzt mehrere Geschädigte der FlowTex-Gruppe vertritt.
Auch als es darum ging, die wenigen realen Bohrsysteme wie einen gewaltigen Maschinenpark erscheinen zu lassen, legte Kleiser zunächst selbst Hand an. Der gelernte Bauingenieur wechselte die eingestanzten Identifikationsnummern in Nacht-und-Nebel-Aktionen anfangs höchstpersönlich aus. Das war keine leichte Aufgabe. Vor allem das Einstanzen der neuen Nummern auf die ebenfalls extra geprägten Typenschilder musste ohne Kratzer erfolgen, sonst wäre der Schwindel womöglich früher aufgeflogen.
Später beauftragte Kleiser mit diesem Job den früheren Werkstattleiter, der bald nur noch mit dem Austausch der Schilder und der Pflege der Maschinen beschäftigt war. Schließlich mussten immer die gleichen Maschinen fabrikfrisch aussehen und durften schon deshalb keine Lackschäden haben. Manchmal wechselte der Mann innerhalb von fünf Tagen dreimal die Schilder aus, um Interessenten oder auch nur den Vertretern der Leasing-Gesellschaften scheinbar immer neue Produkte in den Werkshallen vorführen zu können.
Weil die wundersame Maschinenvermehrung dem Angestellten besonders an die Nerven ging, so erzählte Kleiser in seiner Vernehmung, habe er dafür gesorgt, dass der Mann mehr Freizeit erhielt.
So schlicht und wirkungsvoll wie der Milliardenbetrug, so einfach war auch die Tarnung. Die beiden FlowTex-Manager stellten einfach ihren illegal erworbenen Reichtum ungeniert zur Schau.
Zu all den Protz-Immobilien leisteten sich die Neureichen noch vier Hochseejachten, sammelten Luxusautos, Oldtimer und Sportwagen wie andere Briefmarken. Und wenn »Big Manni«, wie Schmider im Ländle ehrfurchtsvoll genannt wurde, zu rauschenden Partys lud, mochte niemand von Rang und Glanz fehlen.
Jetzt will sich keiner mehr in die Nähe zu Big Manni gerückt sehen. Es könnte ja gefährlich werden, schließlich ist der FlowTex-Fall noch längst nicht abgeschlossen.
Mit Schmiders Bruder Matthias und dessen Schulfreund Massimo C. sitzen zwei weitere mutmaßliche Mittäter in Untersuchungshaft. Matthias Schmider, der sich rund ein Jahr versteckt gehalten hatte und auf den zuletzt ein Kopfgeld von über 100 000 Mark durch den Insolvenzverwalter Eberhard Braun ausgesetzt worden war, wurde erst vor wenigen Wochen auf dem Flughafen Schiphol in Amsterdam verhaftet. Den Beamten war die schlechte Fälschung seines Reisepasses aufgefallen.
Auch gegen den Deutsch-Syrer Mohammed Yassin Dogmoch ermitteln Mannheimer Staatsanwälte. Für sie ist der Araber neben den bereits Verhafteten eine der Schlüsselfiguren in dem Wirtschaftskrimi. Er soll ebenfalls Scheinrechnungen besorgt haben. Seine Anwälte Peter Gauweiler und Volkmar Mehle weisen jeden Verdacht zurück.
Die für FlowTex zuständigen Betriebsprüfer des Finanzamts Karlsruhe-Durlach sollen schon 1996 die Luftnummern bemerkt haben. Sie hätten sich damals aber nur dafür interessiert, die rückständigen Steuern für die Scheingeschäfte zu kassieren. Sein Tennispartner vom Fiskus, behauptet Manfred Schmider, habe ihn sogar unmittelbar vor seiner Verhaftung gewarnt: Er, Schmider, solle doch in Urlaub fahren.
Weil die Betriebsprüfer zunächst von den Staatsanwälten als Aufklärer eingesetzt wurden, haben nun die Dogmoch-Verteidiger beim baden-württembergischen Justizminister Ulrich Goll die Entbindung der Mannheimer Staatsanwaltschaft vom Verfahren verlangt. FELIX KURZ