MODERATOREN Prösterchen und Bäuerchen
Der Mann, der aus dem Fernsehen sprach, hatte einen runden Kopf und eine runde Brille. Er rollte das R. Er trug einen Anzug mit einer Weste und einer Krawatte. Er sagte: »Ich darf Sie einladen, uns auch in der kommenden Woche zuzusehen. Das Thema heißt: Erholung für Oma und Opa. Vielen Dank und auf Wiedersehen.«
Biolek. Natürlich war es Alfred Biolek. Aber es war vor 36 Jahren. Erholung für Oma und Opa war das Thema einer Sendung, die Alfred Biolek 1965 moderierte, sie hieß »Urlaub nach Maß«, und sie lief im öffentlich-rechtlichen Fernsehen.
Im Prinzip läuft sie heute immer noch.
Runder Kopf, runde Brille, das R gerollt, pico Anzug, »ich darf Sie einladen, uns auch in der kommenden Woche zuzusehen«, und manchmal klingt das Thema immer noch wie Erholung für Oma und Opa: »Im Namen der Familie«, »Der Ernst des Lebens«, »Nicht immer eitel Sonnenschein«.
Seit zehn Jahren nun geht das schon so. Seit zehn Jahren kommt »Boulevard Bio« jeden Dienstag um 23 Uhr, seit zehn Jahren werden in einem Kölner Studio indonesische Bataviasessel und goldene Beistelltische auf dünnen Beinchen aufgestellt, seit zehn Jahren leitet Alfred Biolek Gesprächsrunden, die den Eindruck vermitteln, als sei die ganze Welt ein lauwarmes Fußbad. Ein zehn Jahre altes, lauwarmes Fußbad.
Genau genommen hat Alfred Biolek, der inzwischen 66 Jahre alt ist, am 7. August seinen Jubeltag. Zehn Jahre und immer dieselbe Nase, das hat kein RTL und kein Sat.1, kein Günther Jauch und kein Harald Schmidt. Das hat nur die ARD. Das Erste Deutsche Fernsehen lässt es deshalb in diesen Wochen ordentlich krachen, die betriebseigene Kreativ-Abteilung hat aus gegebenem Anlass ein Feuerwerk ohnegleichen gezündet.
Sie nennen es die »Bio-Festwochen«. Die »Bio-Festwochen« bestehen zunächst einmal aus zehn Fest-Wiederholungen von zehn »Boulevard Bio«-Sendungen. »Mütter und Töchter«, »Verliebt, verlobt, verheiratet«, »Was man aus Liebe tut«, solche Dinge. Dann gibt es, am Dienstag dieser Woche, einen Fest-Film von einer Stunde, der hat den Titel: »Alfred Franz Maria Biolek - Fast ein Selbstporträt«. Dann ist noch ein Fest-Buch erschienen, das bei Kiepenheuer und Witsch verlegt wird, es heißt: »Boulevard Bio - Die ersten zehn Jahre«.
Das Fest-Buch ist gewissermaßen ein Nachschlagewerk für die ganze Familie, ein Spiegel der Zeit, Auszüge aus zehn Jahren feinster Fernsehunterhaltung, eine Antwort auf die Frage, warum Alfred Biolek ("Je älter ich werde, desto besser") der Ruf eines Talkmeisters von hohem Niveau und höchster Feinfühligkeit vorauseilt, der seinen Gästen immer mehr entlockt, als sie eigentlich sagen wollen.
Bischof Karl Lehmann zum Beispiel war da, am 14. Mai 1996.
Aus dem Fest-Buch:
Bio: Sie lesen auch die Messe noch jeden Tag?
Lehmann: Ja, ja.
Bio: Gibt's das noch, diese Verpflichtung, das Brevier zu lesen?
Lehmann: Ja, natürlich!
Bio: Sie müssen noch geistliche Lesungen halten?
Lehmann: Ja ja, ja ja.
Auch Dieter Bohlen war da, am 3. Februar 1998.
Bio: Das ist auch hart, wenn man dann sich trennt und wenn man die Frau sozusagen verlässt! Hat Sie das große Kämpfe gekostet? Oder haben Sie das so mit links gemacht?
Bohlen: Nee, so was kann man nicht mit links machen!
Bio: Und haben Sie 'n schlechtes Gewissen?
Bohlen: Total!
Auch Michael Schumacher war da, am
3. Oktober 1995.
Bio: Ich hatte immer's Gefühl, dass Sie dort sehr autistisch in Ihrem Auto sitzen und eigentlich völlig abgeschieden von der Welt - Bio ahmt mit seinen Händen wie auch lautmalerisch das Vorbeirasen von Rennwagen nach - und hüihüihüihüi oder so was hören - Zuschauer lachen - und dass auch die Fans optisch eigentlich eher so an Ihnen vorbeirasen - wie kriegt man dann mit, dass die Fans jubeln?
Michael Schumacher grübelt, zögert, lacht: »Ja, hmmm, da fehlen mir sogar die Worte.« Bio und Zuschauer lachen.
Köstlich. Ja, so ist er, der Bio. Immer den Schalk im Nacken und immer nett zu den Menschen. Und wenn es manchmal wirkt, als würde er sie anschreien, dann täuscht das: Alfred Biolek lacht sie nur an. Das tut er immer sehr unvermittelt und sehr geräuschvoll, und meistens tut er es, wenn er selber einen Spaß gemacht hat.
Das sind Momente, vor denen sich die Tontechniker seiner Sendung fürchten. Bioleks Heiterkeitsausbrüche sind genauso schwer aussteuerbar wie der trockene Kurzhusten, der ihn gelegentlich überkommt. Man hat ihm deshalb eine so genannte »Räuspertaste« in seinen Sessel eingebaut - wenn er husten muss, drückt er kurz den Knopf, und schon geht sein Mikrofon aus.
Auffällig ist außerdem, dass sich, wenn der Gast redet, Alfred Bioleks Mund gern ins Karpfenhafte öffnet. Er kann seinen Mund auch unversehens nach innen saugen, was so aussieht, als habe er sein Gebiss entfernt. Dieses virtuose Spiel mit seinem Mund vermittelt immer den Eindruck, als passiere bei »Boulevard Bio« gerade etwas Besonderes. Aber das täuscht.
Bei »Boulevard Bio« passiert nie etwas Besonderes. Man meint das nur immer, etwa dann, wenn sich der Meister aufmacht, die nächste Frage zu gebären. Er ringt dann immer mit sich und den Worten, »wie ... wie ... wie ...«, man denkt, jetzt bricht er das letzte Tabu, man erstarrt, man fragt sich: Was kommt jetzt? Was fragt er? Fragt er: »Wie oft masturbieren Sie?« Fragt er: »Wie oft schlagen Sie Ihre Frau?« Nein. Er fragt: »Wie geht es Ihnen?«
Solche Fragen stehen auf seinen Karteikarten. Seine Karteikarten lässt er nie los. Seine Karteikarten gibt es in unterschiedlichen Pastelltönen, sie müssen immer zu dem Anzug passen, den er gerade trägt, das ist ihm wichtig. Auf seinen Karteikarten hat er mit Füllfederhalter aufgeschrieben, was er fragen soll. Was er fragen soll, hat ihm vorher seine Redaktion gesagt. Frage eins, Frage zwei, Frage drei. Karteikarte eins, Karteikarte zwei, Karteikarte drei. Seine Karteikarten guckt er immer an, als läse er eine Gebrauchsanweisung. Hätte Alfred Biolek seine Karteikarten nicht, sein ganzer Boulevard würde zusammenkrachen wie ein Ikea-Regal.
So einen Talk, frei von jeder Frage, die irgendwie überraschend käme, kann nur er. Früher, als es noch Schwarzweiß- und Buntfernsehen gab, hat Alfred Biolek auch mal anderes Fernsehen gemacht. »Kölner Treff«, »Bio's Bahnhof«, »Mensch Meier«. Willy Brandt war da und Franz Josef Strauß, Sammy Davis Jr. und junge Wilde, Randgruppen, Knast-Insassen, Prominente und Außenseiter.
Früher applaudierte er Joseph Beuys für seinen Feldzug gegen »die Herrschaft des internationalen Geldmonopols«. Heute lässt er sich von Annie Leibovitz fotografieren und macht Werbung für American Express. Heute kommt der Bundesverteidigungsminister Rudolf Scharping mit seiner neuen Flamme und erzählt, wie romantisch es war, als die beiden vom Sonnenuntergang verschluckt wurden. Scharping kam in der Woche, als in Berlin über uranhaltige Munition gestritten wurde. Biolek stellte keine Fragen zu Uran.
Biolek fragt nie, was andere fragen würden. Biolek fragt eher das, was die Gäste sich selber fragen würden, wenn sie dürften. Biolek fragt, als sei er eine Art kölscher Robin Hood für solche, die sich von der bösen Medienwelt verfolgt fühlen. Biolek ist der Sich-gemein-Macher mit allem, was sich auf seine indonesischen Bataviastühlchen verirrt.
Die Kölner »Stunksitzung«, eine Persiflage auf den Sitzungskarneval, ließ einmal Adolf Hitler bei Alfred Biolek auftreten. Biolek guckte Hitler wie immer sehr verständig an und sagte: »Aaah, Herr Hitler, sagen Sie mal, wie war das mit den Juden?«
Der Fußballtrainer Christoph Daum war bei Biolek an dem Tag, als bekannt wurde, dass die Staatsanwaltschaft in der Kokainaffäre Anklage gegen ihn erheben wird. Daum sagte, er habe schon viel Unrecht erduldet wegen dieser Staatsanwaltschaft. Bioleks Mund öffnete sich zu einem stummen Staunen, und dann sagte er, mit Ekel im Gesicht: »Haach, und die Medien ham das ausgenutzt!« Irgendwann war Daum fertig, und Biolek sagte noch: »Ich wünsche Ihnen alles Gute, erst mal natürlich, dass dieses Verfahren eingestellt wird.«
Über 1400 Gäste hat Alfred Biolek in den letzten zehn Jahren so schon abgearbeitet. Zu ihm kommt jeder gern, denn man weiß: Der tut nix, der will nur spielen.
Das einzige Geheimnis, das Alfred Biolek noch hat, ist, dass ihm die Menschen noch immer zugucken. Um die zwei Millionen hat er jeden Dienstag, das ist um diese Uhrzeit ein Marktanteil von 18 Prozent.
Selbst freitags gucken die Leute noch hin, wenn der in Böhmen zur Welt gekommene Gelegenheitskoch in der Sendung »Alfredissimo!« unter einigen Prösterchen und Bäuerchen verschiedenste Speisen anfertigt, die er sodann mit feuchter Lippe umgurrt: »Hmmm, köstlich, sehr schön.«
Ein Kritiker des Magazins »Gourmet« meint zwar, Biolek sei »der Repräsentant sozialdemokratisch-grüner Kochkultur«. Vermutlich röche es in seiner Küche »nach verbranntem Knoblauch auf Lammkeule, veraschtem Trockenoregano vom Toski-Urlaub, billigem Olivenöl und den babyähnlichen Ausdünstungen überschäumender Teigwaren im extra stählernen Teigwarentopf«.
Aber: Es läuft. Vielleicht läuft es deshalb, weil das meiste, was man im Fernsehen so sehen kann, noch dämlicher ist. Aber so sagt es natürlich niemand.
Winfried Bonk ist Unterhaltungschef beim Westdeutschen Rundfunk, Alfred Bioleks Heimatsender. Bonk sitzt im vierten Stock des Hauses und sagt: »Herr Biolek ist unser letztes Pfund, mit dem wir den traditionellen Unterhaltungsbegriff hochhalten.« Biolek sei menschlich immer fair und frage die Menschen in anständiger Weise, sagt Bonk. Er sei sehr stolz, dass der WDR Biolek habe.
Neben Winfried Bonk sitzt Klaus Michael Heinz. Herr Heinz sitzt da, damit Bonk nichts Falsches sagt über Biolek. Heinz weiß nämlich alles über Biolek. Heinz ist seit fast sechs Jahren der leitende Redakteur bei »Boulevard Bio«, er hat den Fest-Film gedreht, und er hat das Fest-Buch herausgegeben. Herr Heinz ist der Mensch gewordene Synergieeffekt des Westdeutschen Rundfunks.
»Der Avi Primor, der frühere israelische Botschafter in Deutschland, guckt noch heute 'Boulevard Bio'. Samstags auf 3sat. Da wird es ja wiederholt«, sagt Herr Heinz.
»Ich gucke, mit Verlaub, auch 3sat, wenn ich die Dienstagssendung aktuell verpasst habe«, sagt Herr Bonk.
Herr Heinz und Herr Bonk sind von Alfred Biolek abhängig.
Fritz Pleitgen ist Intendant beim Westdeutschen Rundfunk. Er sitzt im sechsten Stock. Vom sechsten Stock aus kann man den Kölner Dom sehen. Pleitgen sagt: »Die Welt ist voller Sünde. Sie sind ein Sünder, ich bin ein Sünder, wir alle sind Sünder. Aber Herr Biolek spricht nicht über Sünde. Herr Biolek ist ein freundlicher Mensch. Die Menschen entscheiden sich für ihn, weil sie den Wunsch nach ruhiger Unterhaltung haben.«
Biolek, sagt Pleitgen, sei »unique«, ein »Künstler«, ein »Star«, ein »Markenzeichen«.
Welches Markenzeichen hat die ARD sonst noch?
»Die Maus«, sagt Pleitgen, »Die Sendung mit der Maus.«
Dass ARD, Biolek und Maus gelegentlich auf dasselbe Niveau abschrumpfen, darf Fritz Pleitgen natürlich nicht sagen. Denn auch Fritz Pleitgen ist von Alfred Biolek abhängig.
Günter Struve ist Programmdirektor der ARD. Er hat sein Büro in München, im 15. Stock. Nachmittags um fünf wird die Klimaanlage ausgeschaltet, weil die ARD sparen muss. Noch läuft sie.
Günter Struve hat sein Jackett über die Schultern gehängt, er hat die Augen fast geschlossen und die Hände zusammengeführt. Er sieht aus, als wolle er jetzt beten.
Dann sagt er: »Dienstags kann man beruhigt die 23 Uhr herbeisehnen, man weiß: Es wird gelingen. Die kontemplative Stimmung, die man um diese Uhrzeit braucht, stellt sich ein.« Biolek, sagt Struve, könne »Intimität zaubern«. Biolek müsse »gepflegt werden«.
Wer sind eigentlich die Menschen, die Alfred Biolek zugucken?
»Überwiegend Frauen, glaube ich«, sagt Struve.
Wie alt?
Struve geht ans Telefon, wählt eine Nummer im Haus, Herr Zubayr von der Abteilung Forschung meldet sich.
»Herr Zubayr, haben wir einen Altersdurchschnitt von 'Biolek'?«
»59«, sagt Herr Zubayr.
»Ah, 59, ein schöner Altersdurchschnitt«, sagt Günter Struve.
Hätte »Boulevard Bio« eine Werbepause, es liefe Reklame für »Galama« und Knoblauch-Dragees.
Natürlich ist auch Günter Struve von Alfred Biolek abhängig.
Struve hat keine Wahl. Wen hat die ARD außer ihrem Biolek? Eben erst hat er seinen Vertrag um ein Jahr verlängert, das findet Struve »beruhigend und erfreulich«.
Hätte Biolek nicht verlängert, hätte Struve einen Nachfolger suchen müssen, irgendwie, irgendwo, nur nicht im eigenen Haus, sagt Struve. Im eigenen Haus gibt es nämlich keinen Nachfolger.
So gesehen ist Alfred Biolek auch eine Bankrotterklärung der ARD.
Vielleicht gibt es ja auch gar keinen richtigen Nachfolger. Vielleicht hatte Helmut Kohl Recht. Als der noch Bundeskanzler war, saß er einmal bei Alfred Biolek auf dem indonesischen Bataviasessel.
Kohl sagte: »Ich könnt jetzt hier auch schlafen.« Auch Biolek könne doch eigentlich schlafen, sagte Kohl. »Stellen Sie sich vor, was das für die Zuschauer heißt. Die könnten 'ne Stunde eher schlafen.«
Es war gut gemeint. Aber es war zwecklos. Alfred Biolek kommt immer wieder. Woche für Woche. Auch Oma und Opa brauchen Erholung.
Alfred Biolek
begann seine Karriere 1963 in der Rechtsabteilung des ZDF. Von dort wechselte der promovierte Jurist in die redaktionelle Arbeit und wurde stellvertretender ZDF-Unterhaltungschef. 1976 hatte er mit der Sendung »Kölner Treff« des WDR seinen ersten Einsatz als Talkmaster. Von 1978 bis 1985 moderierte er in der ARD »Bio's Bahnhof«, danach »Mensch Meier«. Seit 1991 ist er Gastgeber bei »Boulevard Bio«, zudem macht er die Kochsendung »Alfredissimo!«.