KONKURRENZ Programm aus dem Osten
Fernsehteilnehmer im Bereich der Oberpostdirektion Kiel, die ihre Geräte allabendlich auf Kanal 11 einstellten, um das über den Kieler Sender ausgestrahlte Programm des »Deutschen Fernsehens« zu empfangen, erlebten unlängst eine Überraschung: Auf ihrem Bildschirm erschienen Sendungen, die weder in den Programmvorschauen des .Deutschen Fernsehens« noch in den Rundfunkzeitschriften angekündigt worden waren.
So sahen die schleswig-holsteinischen Fernsehteilnehmer statt der erwarteten »Tagesschau« des 'Deutschen Fernsehens« die ostzonale Defa-Wochenschau »Der Augenzeuge«, dann einen Filmbericht über Viehzüchter in der Sowjetunion - »Erbauer des besseren Morgen« - und einen »Bunten Abend« im Ostberliner Friedrichstadt-Palast. Zum Abschluß des Programms tanzte ein Volkskunst-Ensemble der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft«.
Alle Gerätebesitzer, die beim Kieler Sender telephonisch Aufklärung forderten, erhielten den Bescheid: Der Fernsehsender sei in der Nacht zum 14. August auf Kanal 5 umgestellt worden, weil auf dem Kanal 11 der Ostzonen-Fernsehsender Schwerin seinen Betrieb aufgenommen habe. Bei Benutzung des gleichen Kanals seien Störungen unausbleiblich. Wenn der Kieler Sender des (West-) »Deutschen Fernsehens« nicht auf Kanal 5 ausgewichen wäre, der eigentlich für den geplanten Sender Heide (Schleswig-Holstein) vorgesehen war, würde ein großer Teil der schleswig-holsteinischen Fernsehteilnehmer zwei Programme zu gleicher Zeit, also über- und durcheinander sehen und hören.
Zwar hatte der Norddeutsche Rundfunk (NDR), durch Informationen aus dem Osten frühzeitig gewarnt, Fachhändler und Innungen in Schleswig-Holstein schon knapp einen Monat vorher von der geplanten Umstellung unterrichtet. Aber die Mitteilung von der Kanal-Änderung drang nur langsam bis zu den Fernsehteilnehmern durch. In den schleswig-holsteinischen Tageszeitungen erschienen zwar einen Tag vor dem Frequenzwechsel entsprechende Hinweise; sie waren jedoch so unauffällig placiert, daß die meisten Fernsehteilnehmer erst von der Umstellung erfuhren, als auf ihren Bildschirmen das Programm des sowjetzonalen »Deutschen Fernsehfunks« flimmerte.
Ohne eine Verabredung zwischen den ostzonalen Fernseh-Funktionären und den Technikern des Norddeutschen Rundfunks die »DDR« ist an die Verträge der Stockholmer Wellenkonferenz nicht gebunden -, war der Schweriner Sender, der bis dahin nur mit einer äußerst schwachen Leistung auf Kanal 7 gesendet hatte, auf den von Kiel benutzten Kanal 11 übergewechselt. Gleichzeitig wurde die Leistung des Senders von ein Kilowatt auf 100 Kilowatt erhöht. Mühelos kann das Ostzonenfernsehen mit dieser Sendeleistung große Teile Schleswig-Holsteins überdecken.
Der Kieler Sender hingegen hat nur eine Leistung von 5 Kilowatt. Angesichts dieser Tatsache verzichtete das westdeutsche Fernsehen freiwillig darauf, es auf einen Sender-Störkampf mit dem Osten ankommen zu lassen.
Schon vor zwei Jahren hatte das Ostberliner Staatliche Rundfunkkomitee, dem auch das ostzonale Fernsehen untersteht, zusammen mit Propaganda-Experten der »DDR«-Regierung einen »Westplan« aufgestellt, dessen proklamiertes Ziel die Ausstrahlung des Ostzonen-Programms auf die Bundesrepublik ist. Die technischen Voraussetzungen dafür waren gegeben. Das Fernsehen der »DDR« arbeitet ebenso wie das »Deutsche Fernsehen« der Bundesrepublik mit dem 625 - Zeilen - System, so daß Gerätebesitzer in zonennahen Gebieten und Großstädten Westdeutschlands - wie zum Beispiel Hannover oder Hamburg - ohne weiteres den ostzonalen »Deutschen Fernsehfunk« empfangen können, wenn sie eine entsprechende Antenne haben.
Die Ostzonen-Techniker waren schon beim Bau ihres Sendernetzes darauf bedacht, die Stationen mit hohen Energien auszustatten: Die starken Fernsehsender sollten so tief wie möglich in das Gebiet der benachbarten Bundesrepublik eindringen.
Die Hälfte aller bisher errichteten Ostzonen-Sender würde genügen, um die sogenannte Deutsche Demokratische Republik mit einem Fernsehprogramm zu versorgen Alle anderen Sender in der Zone sind so postiert, daß sie das gesamte Zonengrenzgebiet von der Ostsee bis zum Fichtelgebirge mit dem Ostzonen-Fernsehprogramm beliefern können. Es sei vielleicht sogar möglich, gestehen die Techniker des (West-)"Deutschen Fernsehens«, daß eines Tages auch die westdeutsche Region mit den meisten Gerätebesitzern, das Ruhrgebiet, im Einflußbereich des ostzonalen Fernsehens liege.
Das östliche Programm ist schon heute nicht nur in Schleswig-Holstein sondern auch in einigen Teilen Bayerns, Hessens und Niedersachsens zu sehen. Beinahe jeden Nachmittag bietet der »Deutsche Fernsehfunk«, dessen Zentrale in (Ost-) Berlin-Adlershof untergebracht ist, einen Spielfilm aus der westdeutschen, italienischen, französischen oder indischen Produktion. Die Defa liefert dem Ostzonen-Fernsehen Kopien ihrer neuesten Filme sogleich nach der Kino-Premiere. (Das westdeutsche Fernsehen kann in den meisten Fällen Spielfilme nur zeigen, wenn sie älter als fünf Jahre sind.)
Das Programm des Ostfernsehens enthält Direktübertragungen von Ostberliner Bühnen und Studio-Gastspielen von Theatern aus der Zone und aus dem Ausland; meistens ist für das Wochenende die Erstaufführung eines Fernsehspiels, und für Mittwoch die Wiederholung einer früheren Aufführung angesetzt Allein im vergangenen Jahr erschienen 63 Erstaufführungen auf den Bildschirmen.
»Noch vor einem Jahr nötigten die sowjetzonalen Fernsehbemühungen dem Fachmann ein Lächeln ab«, kommentierte die »Welt« den Vorstoß des Ost-Fernsehens nach Westen. »Heute besteht dazu nicht mehr der leiseste Anlaß. Sie sind 'drüben' mit Riesenschritten vorwärts gegangen. Das sowjetzonale Fernsehprogramm übertrifft das unsere bereits in der Länge der Sendezeiten. Es ist ihm überlegen durch die zentrale Steuerung von oben. Finanzielle Sorgen scheinen nicht zu existieren. Zuständigkeitsfragen, mit denen unsere Sender die Hälfte ihrer Vorbereitungsarbeit vertun müssen, gibt es nicht. Wie immer ist der total gesteuerte Apparat in der schnellen Aktion im Vorteil.«
Sogar Bischof Liljes »Sonntagsblatt« meldete Bedenken an: »In absehbarer Zeit dürfte das immer attraktiver werdende Ost-Fernsehen nicht nur in Berlin, sondern auch in weiten Teilen West-, Nord- und Süddeutschlands zum ,Zweiten Programm' für Fernsehteilnehmer geworden sein. Ob das West-Fernsehen dann mit der bisherigen Programmgestaltung seine Zuschauer weiter zu fesseln vermag, ist fraglich.«
Immer wieder gelangen die Kritiker zu dem Fazit: Das Ostzonen-Fernsehen wird schnell, konzentriert und mit großen Mitteln zu einem Propaganda-Instrument im Sinne des »Westplanes« entwickelt. Die Programmgestalter in Ostberlin haben begriffen, daß Holzhammermethoden, wie sie in früheren Jahren angewandt wurden, die westlichen Zuschauer abschrecken; darum statten sie ihre Programme immer geschickter mit westlichen Beigaben aus. Jazzmusik und selbst Rock 'n' Roll sind nicht mehr verpönt. »Was man bisher dem Zuschauer mit dem Nürnberger Trichter einflößte, wird jetzt in kaum merklichen Spritzen verabreicht«, schrieb die »Welt«. Als typisches Beispiel solcher Sendungen gilt das vorn Chef-Kommentator Karl-Eduard von Schnitzler geleitete »Mittwochsgespräch«, zu dem auch Bundesbürger herbeigeholt werden. Erst kürzlich hielt die Volkspolizei am Kontrollpunkt Dreilinden einen Hamburger Kaufmann an und bat ihn, vor den Ostzonen-Fernsehkameras doch einmal ungeschminkt seine Meinung zu sagen. Der Kaufmann willigte ein.
Schnitzler erklärte in der Einleitung, »daß wir doch alle für ein gemeinsames Vaterland arbeiten und uns offen unsere Meinung sagen können«. Der Kaufmann hielt denn auch mit seiner Meinung nicht zurück und sagte, was ihm bei seiner Reise durch die Zone mißfallen habe. Schnitzler pflichtete der Kritik bei, tadelte anschließend westdeutsche Fehler und schloß mit der Bemerkung: »Sehen Sie, so gibt es hier wie dort Fehler, aber wir sind uns ganz einig, und wenn wir uns gemeinsam bemühen, muß das Werk gelingen.«
Ost-Margot, West-Ingrid
Sonntags liefert das Ost-Fernsehen - wie in der Regel auch das westdeutsche Fernsehen - die Übertragung eines Fußballspieles oder eines anderen Sportwettkampfes. Die Übertragungen aus der Ostberliner Volkskammer können zwar neben den Live-Sendungen der Bundestagsdebatten nicht bestehen, aber andere ostzonale Parade-Programme, wie die Übertragung von Beethovens »Fidelio« aus der Ostberliner Staatsoper, sind durchaus geeignet, westdeutsche Zuschauer anzulocken. »Ingrid, die Ansagerin aus Köln, ist gewiß reizend«, urteilte das »Sonntagsblatt«. »Doch Margot aus Ostberlin zielt ebenso auf die Sympathie der Zuschauer.«
Wie weit die Ostberliner Fernseh-Funktionäre das westdeutsche Programm nicht nur ausstechen, sondern auch buchstäblich überdecken können, wird sich erst erweisen, wenn die in Grenznähe projektierten Ostsender errichtet worden sind (siehe Karte). Vorerst neigen die Techniker des NDR (Hamburg) dazu, die Überlagerung der Wellen in Schleswig-Holstein als Ausnahmefall zu betrachten. Das Ausweichen des Kieler Senders auf den Kanal 5, sagten sie, garantiere weiterhin den ungetrübten Empfang des westdeutschen Fernsehens. Zwei Tage nach dem Frequenzwechsel allerdings veröffentlichten die Briefredakteure der schleswig-holsteinischen Lokalzeitungen in ihren Spalten empörte Leserzuschriften.
»Seit der Umstellung auf Kanal 5 ist in hiesiger Gegend kein Empfang mehr möglich, der Ton hat empfindlich gelitten, das Bild ist überhaupt nicht erkenntlich«, klagte ein Fernsehteilnehmer in den »Kieler Nachrichten.« Ein anderer schrieb: »Durch die Umstellung auf Kanal 5 ist die Antenne nicht mehr brauchbar und nach Äußerungen der Fachleute nur noch als Schrott verwertbar.« In Flensburg meldeten 21 Teilnehmer bei der Bundespost ihre Empfänger mit der Begründung ab, sie seien nicht bereit, für einen schlechten Empfang monatlich fünf Mark Gebühren zu zahlen. Sie warfen den Technikern des Norddeutschen Rundfunks und den Fachhändlern vor, die Umstellung auf Kanal 5 technisch vorher nicht genügend durchdacht und vorbereitet zu haben.
Zu solcher Kritik glaubten sich die Fernsehteilnehmer angesichts der Kosten berechtigt, die sie für den Umbau der Antennen aufbringen sollten. Die Behauptung des NDR, daß einfaches Drehen der Kanalwählscheibe wieder einen einwandfreien Empfang garantiere, hatte sich nämlich als voreilig erwiesen. In Kiel waren die Programme des westdeutschen Fernsehens zwar auch nach der Umstellung noch gut zu empfangen, aber schon in dem nur 30 Kilometer entfernt gelegenen Eckernförde machten sich sehr unangenehme Begleiterscheinungen bemerkbar.
In Rendsburg, Schleswig und Flensburg gar sahen viele Teilnehmer auf ihren Bildschirmen nur verschwommene Umrisse, die erst wieder ein klares Bild ergaben, nachdem die Gerätebesitzer neue Antennen hatten installieren lassen*. Die Kosten für den Umbau, die weder von der Deutschen Bundespost noch vom Deutschen Fernsehen getragen werden, beliefen sich auf 50 bis 70 Mark.
Den Protesten der Fernsehteilnehmer begegnete der NDR mit dem Hinweis: »Unter Punkt acht der jedem Fernsehteilnehmer ausgehändigten Fernseh-Rundfunk-Genehmigung heißt es: Werden die kennzeichnenden Merkmale der Fernsehrundfunksender geändert (insbesondere Änderung des Sendeverfahrens und Frequenzwechsel), so hat der Inhaber dieser Genehmigung, falls er seineAnlage weiterbetreiben will, die gegebenenfalls notwendig werdenden Änderungen an seiner Fernseh-Rundfunk-Empfangs-Anlage auf seine Kosten vornehmen zu lassen.'«
Der Fachverband des Radio- und Fernsehhandels in Kiel dagegen tröstete die Fernsehteilnehmer mit einem Hinweis, der genau den Wünschen des Staatlichen Rundfunk-Komitees in Ostberlin entsprechen dürfte: Mit ihrer alten Antenne, die nur auf den Ostzonensender Schwerin gerichtet zu werden brauche, könnten die schleswig-holsteinischen Gerätebesitzer nun ein zweites Programm empfangen, »so daß sich die Kosten für die Anschaffung der neuen Antenne durchaus lohnen«.
* Die Länge der Dipol-Antenne soll der halben Wellenlänge entsprechen; im Bereich des Kieler Senders, der mit einer Wellenlänge von 140 Zentimetern sendete, also 70 Zentimetern Seit der Umstellung auf Kanal 5 strahlt der Kieler Sender jedoch mit einer Wellenlänge von 170 Zentimetern aus, wodurch die Fernseher gezwungen werden, ihre Antennen der neuen Wellenlänge anzupassen.