PROGRAMMBEIRAT
Der SPIEGEL berichtete, Berlins Regierender Bürgermeister Willy Brandt habe die Absicht, sich der Hilfe eines »Braintrusts« zu versichern. Diese Nachricht gibt zu Mißverständnissen Anlaß. In Übereinstimmung mit Bürgermeister Brandt darf ich Ihnen sagen, daß der in Berlin gegründete
»Gesprächskreis Politik und Wissenschaft« im Rahmen der Friedrich-Ebert -Stiftung wirken wird und sich keineswegs die Aufgabe gestellt hat, die SPD in ihrer Tagespolitik oder in ihrer Wahlkampfführung zu beraten. Vielmehr geht es darum, unabhängige Wissenschaftler und Politiker regelmäßig zu einem Austausch ihrer Überlegungen und Erfahrungen zusammenzuführen.
Die Politiker (übrigens in allen Parteien) müssen wissen, wie die gesellschaftliche Wirklichkeit ist, auf die eine beabsichtigte politische Maßnahme trifft, und sie müssen sich vergewissern, welche wahrscheinlichen Auswirkungen ihre Absichten haben werden. Darüber können Wissenschaftler aus den verschiedensten Fachgebieten oft eine klärende Auskunft geben. Umgekehrt haben viele wissenschaftliche Forschungsarbeiten zu Ergebnissen geführt, die für die Politik von unmittelbarer Bedeutung sind, ohne bisher aber auf ihre politischen Konsequenzen hin durchdacht worden zu sein.
Dabei handelt es sich nicht um parteipolitische Fragen im engeren Sinne. Es geht auch nicht darum, den Wissenschaftlern eine Verantwortung aufbürden zu wollen, die den Politikern niemand abnehmen kann und soll. Aber ein enges Zusammenwirken von Politikern und Wissenschaftlern in dem skizzierten Sinn (vor allem bei der Bewältigung der großen innenpolitischen Gemeinschaftsaufgaben in den Bereichen des Bildungswesens, der technischen Entwicklung, des Verkehrswesens, der Gesundheitspolitik und der Raumordnung) ist notwendig, wenn wir in der Bundesrepublik zu einer Politik kommen wollen, die über den Tag hinausreicht. Wenn man damit 1965 endlich beginnen will, muß man sich heute darauf vorbereiten.
Bonn DR. ULRICH LOHMAR
Zu Ihrer Notiz, nach der »SPD-Kanzlerkandidat Brandt einen Braintrust aufbaut«, bemerke ich, daß ich einem solchen Braintrust nicht angehöre.
Göttingen PROF. G. LEIBHOLZ
Richter am Bundesverfassungsgericht
Hat man Forschung und Lehre dazu aus den Fesseln der Kirche befreit, daß sie sich heute von den politischen Parteien fesseln lassen können? Die von Herrn Dr. Gerstenmaier so sehr beklagte Staatsverdrossenheit vieler Bundesbürger rührt größtenteils daher, daß diese längst nicht mehr das nötige Vertrauen zu der Objektivität der parteigebundenen Beamten haben. Die aus den gleichen Gründen entstandene Staatsverdrossenheit war eine der Hauptursachen des Unterganges der Weimarer Republik. Daß er »den Saustall ausmisten und das alte preußische Beamtentum Wiederherstellen wollte«, hat sogar vielfach solche Bürger für den böhmischen Gefreiten gewonnen, die seine Rassentheorien für ausgemachten Humbug hielten. Mir scheint, die in der Weimarer Zeit gemachten Erfahrungen geraten völlig in Vergessenheit.
Brockhöfe (Nieders.) DR. OTTO SCHMIDT
SPD-MdB Lohmar