PROTEST
(Nr. 29/52, Panorama)
Der Text zu dem Bild auf Seite 3 der SPIEGEL-Nummer 29 scheint mir zu sehr mit der Tatsache zu sympathisieren, daß »zwei randalierende Kommunisten« ohne das Eingreifen der Polizei von den dreißigtausend gegen die Entführung des Dr. Linse protestierenden Berlinern fast gelyncht worden wären. Damit würde der SPIEGEL aber seine mit Recht so gerühmte Objektivität aufgeben.
Denn der Vorfall ist ebenso widerlich und menschenunwürdig wie ähnliche Handlungen, die aus Masseninstinkten geboren werden, und unbedingt zu verurteilen. Es ist gleichgültig, von welcher Seite solche Handlungen ausgehen.
Die »aufgestaute Empörung« ist bestenfalls eine Erklärung, niemals jedoch eine Entschuldigung oder gar Rechtfertigung. Wie kann man mit innerer Überzeugung gegen ein Unrecht protestieren, wenn man gleichzeitig selbst Unrecht tut? Warum hat die Polizei nicht die »Lyncher« verhaftet?
München
Martin Schäfer