PULTVIRTUOSE
Mit Vergnügen habe ich den Artikel »Igor Strawinski über große Dirigenten« gelesen. Eine Persönlichkeit von der Kompetenz und Autorität eines Strawinski, den man wohl als den bedeutendsten lebenden Komponisten bezeichnen darf, besitzt alle Voraussetzungen, um die selbstherrlichen »Titanen des Podiums« von ihren Thronsesseln ein wenig herunterzuholen. Auch wenn er in seinem Urteil vielleicht gelegentlich übertreiben sollte, so sind doch verdammt viel Wahrheiten drin, und man kann die gesunden Auffassungen einer derart weltweiten Persönlichkeit nicht gut übersehen.
Karlsruhe GERHARD NAUMANN
Soeben in Deutschland angekommen, lese ich den Strawinski-Artikel. Da ich weiß, daß der SPIEGEL immer die genauen Aussprüche ohne Parteinahme des Berichterstatters bringt, wäre es sicher von Interesse und auch gerechtfertigt, die genauen Aussprüche meines 1954 verstorbenen Mannes über Strawinski abzudrucken.
In »Ton und Wort«, Brockhaus-Verlag, schrieb Wilhelm Furtwängler in dem Aufsatz »Beethoven und Wir": »Es gibt Leute - Strawinski gehört zu ihnen die der Musik die Fähigkeit, Gefühle auszudrücken, überhaupt absprechen. Mit diesen Leuten möchte ich mich nicht auseinandersetzen, möchte nur bemerken, daß so verschiedene Schöpfer wie Beethoven und Strawinski natürlich auch von verschiedenen Ausgangspunkten ausgehen müssen. So wenig es mir einfällt, den Ausgangspunkt Strawinskis für unwirklich und nicht existent zu bezeichnen, da Strawinski schließlich existiert und seinen bestimmenden Einfluß auf unsere Zeit hat, so wenig kann ich beistimmen, wenn derselbe Strawinski kurzerhand erklärt, daß der Ausgangspunkt Beethovens nicht wirklich, nicht existent wäre. Über die Existenz Beethovenscher Musik und deren Art und Wirksamkeit, die nunmehr bereits 150 Jahre lang sich erwiesen hat, entscheidet nicht die Meinung eines einzelnen, und sei es Strawinski.«
Und im »Vermächtnis«, ebenfalls Brockhaus-Verlag, eine Taschenbuchaufzeichnung aus dem Jahre 1945: »Es ist nötig, daß ein Kunstwerk nicht nur Höhe habe, sondern auch Breite, nicht nur Tiefe, sondern auch Fülle. Pfitzner ist hoch, wenn man will, auch tief, aber es mangelt ihm durchaus an Breite und echter Fülle. Strauss dagegen fehlt es an Tiefe. Debussy ist schon sehr irreal, aber sehr sublim, eine letzte Blume. Strawinski ist keine Blume mehr, er ist eine Technik, eine Realität, aber ohne jede Jenseitigkeit. Er ist der Mann des Momentes, aber nicht der Zukunft.«
Dazu noch Folgendes aus einem auf Band mitgeschnittenen Gespräch (in der Berliner Musikhochschule; Diskussionsteilnehmer waren Studenten, Professor Werner Egk und Wilhelm Furtwängler). Ein Student fragt: »Was meinen Sie zu dem Ausspruch Strawinskis 'Bruckner, das ist dumme Musik'.« Professor Egk, lächelnd: »Da ist etwas dran.« Wilhelm Furtwängler: »Ja, es zeigt eine Grenze Bruckners, aber auch eine von Strawinski.«
z. Z. Heidelberg ELISABETH FURTWÄNGLER
Daß Strawinski ein schwacher Dirigent ist, hat weder dem Komponisten noch dem Menschen Abbruch getan, daß ihn aber diese Schwäche offenbar veranlaßt hat, in seinem Buch »Themes and Episodes« ein Kapitel über Dirigenten zu schreiben, ist sehr zu bedauern. Eitler, boshafter Klatsch eines ungütigen alten Mannes, schade.
München KATHRIN ACKERMANN
Strawinskis große Liebe galt lange Jahre dem Dirigieren, allerdings hatte er, wie das Photo »Der letzte Große« zeigt, keine schlagtechnischen, dirigentischen Voraussetzungen. Er war selbstkritisch genug zuzugeben, daß seine eigenen Tempi als Dirigent nicht stimmten. Dazu kommt, daß seine rhythmische Notationsweise als Komponist übertrieben kompliziert ist und den Dirigenten auf größere Strecken zu einem »Taktierer«, herabwürdigt. Der große sinfonische Atem eines Furtwängler oder Mengelberg und so weiter ist ihm völlig fremd, was er selbst mit seiner Kritik an diesen beiden beweist. Statt dessen stellt er Felix Weingartner als den Abgott seiner Jugend hin, von dem jeder weiß, daß er ein Pultvirtuose und dabei sehr auf äußere Effekte bedacht war. In seinem Buch »Themen und Episoden« berücksichtigt er eine Reihe von Dirigenten mit Weltformat überhaupt nicht.
Seine Bemerkung zu Klemperers zeitweiligen verschleppten oder rasenden Tempi ist unverständlich. Man kann ein Tempo in verschiedenen Schnelligkeitsnuancen bringen; das hängt ab von der inneren Spannkraft und Intensität, mit der ein Dirigent eine Phrase ausfüllen kann, außerdem von physiologischen Aspekten, zum Beispiel Pulsschlag.
Es: wäre wünschenswert gewesen, wenn Strawinski seine Linie von »Feuervogel«, »Frühlingsopfer«, »Petruschka« et cetera konsequent weitergeführt hätte, anstatt sich mit neoklassizistischen Spielereien abzugeben, die der Entwicklung der modernen Musik auf keinen Fall förderlich waren, sondern lediglich eine Erhöhung seiner Tantiemen bedeuten (Sinfonie C Dur).
Am Beispiel Pfitzners zeigte es sich, daß das Wort eines Komponisten zwar manchmal durch seine negativistische Ironie unterhaltsam sein kann, aber auf keinen Fall der inneren Problematik einer anderen Kunstgattung, in diesem Falle der des Dirigierens, gerecht werden kann.
Heilbronn HELMUT M. REGER*
* Musikalischer Leiter und Dirigent des Heilbronner Sinfonieorchester e. V.
Elisabeth, Wilhelm Furtwängler (1953)