Pump oder Kollaps - DER SPIEGEL
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EDEN-REISE Pump oder Kollaps

• aus DER SPIEGEL 6/1956
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Er habe gefunden, sagte Englands Ministerpräsident Sir Anthony Eden in der letzten Woche auf einem Festbankett in Washington, daß Präsident Eisenhower schon wieder »ganz tüchtig auf den Beinen« sei. Die versammelten amerikanischen Offiziellen - Außenminister Dulles, Chefberater Adams, Oberster Richter Warren und zahlreiche Senatoren - freuten sich der tröstlichen Mitteilung und griffen in Erwartung des nun laut Zeremoniell fälligen Trinkspruches auf das amerikanische Staatsoberhaupt zu den Gläsern. Doch nichts dergleichen kam. Vielmehr setzte sich der ob seiner gesellschaftlichen Formen viel gerühmte Sir Anthony sang- und klanglos zu einer der denkwürdigsten Pausen in der Washingtoner diplomatischen Geschichte nieder. Der Toast fiel aus.

Der verpaßte Trinkspruch war nicht die einzige Vergeßlichkeit, die dem Sir Anthony gelegentlich seines Amerika-Besuches unterlief. In einer Pressekonferenz nach den Zwecken seiner Reise befragt, zählte der Premier die Probleme des Mittleren Ostens, Asiens und Afrikas auf.

Einen Einwurf, wie es denn mit dem deutschen Problem sei, beantwortete er zunächst indigniert mit der Frage »Was Sie nicht alles wissen wollen!« und schnurrte dann die ehrwürdige, aber wenig kostspielige Phrase herunter, daß England unverändert für die Wiederherstellung der deutschen Einheit eintrete. Freilich dürfte die Nonchalance, mit der Englands Premier die deutsche Frage behandelte, nicht ganz unbeabsichtigt gewesen sein.

Dieser Eindruck ergibt sich schon daraus, daß Sir Anthony es nicht für nötig gehalten hatte, den Deutschland-Experten des Foreign Office mit nach Amerika zu nehmen. Dafür hatte er seine Equipe ausgiebig mit finanz- und kolonialpolitischen Fachleuten bestückt.

In der Tat ließ die personelle Zusammensetzung des Edenschen Reisestabes ziemlich verläßlich erkennen, wo Englands Staatsrock und wo Englands löcheriges Hemd zu suchen sind. Näher an Englands Haut als die Deutschland-Frage ist offenkundig das Problem, wie das britische Mutterland - während das Kolonialreich immer mehr abbröckelt und die Geldsituation immer prekärer wird - zu den Dollars kommen soll, mit denen die Insel einen erheblichen Teil ihrer Einfuhren bezahlen muß.

Gelegentlich des Eden-Besuches zupfte die amerikanische Presse ein ganz beträchtliches Stück des britischen Hemdes unter dem Staatsrock hervor. »Nicht weniger als vierzig Prozent des jährlichen britischen Einkommens an harter Währung (vor allem Dollars) werden immer noch vom Fernen und Mittleren Osten aufgebracht«, schrieben die Brüder Alsop in der »New York Herald Tribune« und wiesen damit, auf den Schwerpunkt des Wunschzettels hin, den Eden nach Amerika mitgebracht hatte

- nämlich auf die politische Absicherung

der britischen Einfluß- und Kolonialgebiete, aus denen England dollarträchtige Rohstoffe und Versorgungsgüter bezieht.

Die respektlosen Journalisten-Brüder scheuten sich nicht einmal, die für den Ausland-Konsum entworfene Propaganda-These der Briten zu entblättern, die besagt, daß England von seiner eigenen Hände Arbeit und nicht aus Quellen lebt, die noch »aus den alten Tagen des Imperialismus stammen«.

»Die Schlagader Englands«, schrieben die Alsops, »liegt nicht in den geschäftigen Midlands oder in den rauchigen Vorstädten Londons, sondern im Fernen und Mittleren Osten und in Afrika.«

Etwas Ähnliches hatte Mitte Januar Sowjetrußlands Chruschtschew gesagt und damit in England helle Empörung ausgelöst. In einem Gespräch mit einem britischen Unterhausabgeordneten hatte der biedere Sowjetmensch gemeint, England »pumpt seine Kolonien aus«. Wütend hatte daraufhin der stellvertretende englische Außenminister Nutting geantwortet: England pumpe mehr in seine Kolonien hinein als heraus. Aber auch für diese Replik hatte der Russe schon vorher sein Gegenargument bereitgestellt, das freilich auch manches von sowjetischer Sinnesart verrät. Er verstehe nicht, hatte Chruschtschew gesagt, warum man andere Länder besetze, wenn nicht, »um sie auszupumpen«.

Unverkennbar ist auf jeden Fall, daß Englands Bürger, Bauern und Arbeiter schon längst auf Fernsehapparate, Autos und manche kostspieligen Annehmlichkeiten hätten verzichten müssen, wenn nicht zum Beispiel

* die britische Unilever-Gesellschaft die Kakao-Ernte der britischen Kolonie Goldküste für britische Pfunde kaufen und für Dollars weiterverkaufen könnte,

* britische Ölgesellschaften irakisches und

arabisches Öl zu verwalten hätten,

* britische Bergwerks-Gesellschaften und

Plantagenfirmen den Kautschuk und das Zinn des Schutzstaates Malaia gegen harte Währung in der ganzen Welt absetzen würden.

Trotz dieser Dollar-Verdienste ist im Verlauf des Jahres 1955 Englands Bestand an harter Währung um ein Viertel zurückgegangen. England leistete sich in den letzten Jahren einen Lebensstandard, wie ihn die Insel bis dahin noch nicht gekannt hatte. Waren, deren Rohstoffe für harte Dollars imAusland gekauft worden waren, wurden im Inland für Pfundnoten abgesetzt. Der Kauf-Sog des Inlandmarktes verleitete manchen britischen Industriellen, auf mühselige Auslandsgeschäfte zu verzichten (die der Bank von England Dollars eingebracht hätten). Alles in allem hatten die Engländer in ihrer Gold- und Dollar-Bilanz des Jahres 1955 ein Defizit im Werte von 2,7 Milliarden Mark.

Wenn England noch vier Jahre so weiter wirtschaftet, hat es keinen Dollar mehr

- was praktisch nicht viel weniger bedeuten würde, als daß die Inlandsversorgung auf ein Mindestmaß abgeschnürt werden müßte, und daß es - infolgedessen - zu ernsten innerpolitischen Wirren auf der Insel kommen würde.

Diese Sorge war das innere Motiv des Eden-Besuches. Es spiegelte sich auch in Edens Forderungen gegenüber Bonn. Eden erreichte Eisenhowers Einverständnis dazu. daß Bonn noch bis Mai 1957 jährlich 3,2 Milliarden Mark Unterhaltskosten für die alliierten Truppen in Deutschland zahlen soll. (An sich läuft diese Verpflichtung im Mai 1956 ab.)

Eden bedrängte Eisenhower, auch Amerika solle das Handelsembargo für Rotchina aufheben. Die Wiederaufnahme des Handels mit den Chinesen - früher eine der bedeutendsten Einnahmequellen der Londoner City - könne, so erklärte Eden, dem bedrängten England Erleichterung verschaffen. Dem Präsidenten blieb jedoch nichts anderes übrig, als zunächst abzulehnen. Denn im Wahljahr ist es schlechterdings unmöglich, eine solche Wendung der amerikanischen Politik zu vollziehen.

Eden hätte es auch gern gesehen, wenn die Vereinigten Staaten dem Bagdad-Pakt (England, Türkei, Irak, Iran und Pakistan) beigetreten wären. Dieses militärisch höchst fragwürdige Gebilde ist in der Tat nie etwas anderes gewesen als eine britischmittelöstliche Spekulation auf den Dollarsegen der USA. Amerikas notorische Vorliebe für antisowjetische Militärbündnisse sollte zur Sicherung der wichtigen britischen Öl-Positionen eingespannt werden. Amerika sollte darüber hinaus veranlaßt werden, Dollars in den Nahen Osten zu pumpen, von denen dann ein großer Teil in Gestalt von Industrie-Aufträgen zwangsläufig nach England fließen würde. Eden hatte den Entwurf eines »Marshall-Planes für den Mittleren Osten« nach Washington mitgebracht, der auf dem Bagdad-Pakt basieren sollte und dessen Unkosten den Amerikanern zugedacht waren.

Eisenhower lehnte auch dieses Projekt vorläufig ab. Die amerikanische »Standard Oil« war dagegen - wie der konservative Unterhausabgeordnete Patrick Maitland prophezeit hatte. Die Standard Oil beutet mit anderen US-Firmen die saudiarabischen Ölquellen aus, und König Ibn Saud hätte es den Standard Oil-Leuten sehr verübelt, wenn Amerika sich mit den Bagdad-Pakt-Mächten verbündet hätte, mit denen der Wüstenkönig verfeindet ist. Außerdem sind auch die drei Millionen Juden Amerikas dagegen, die durch ihre Zahl und ihren Reichtum einen bedeutenden Einfluß bei den Präsidentenwahlen ausüben.

Die Konferenz endete - wie ebenfalls von Patrick Maitland vorausgesehen - »mit Platitüden«, was jedoch keineswegs bedeutet, daß sie ergebnislos war. Amerika ist zur Zeit - wie alle vier Jahre vor den Präsidentenwahlen - »außenpolitisch unzurechnungsfähig«. Die wichtigen Entscheidungen der Konferenz betrafen deswegen fast ausschließlich die Zeit nach den amerikanischen Präsidentenwahlen.

Auf diesen Sachverhalt deutet der Satz in dem am Mittwoch veröffentlichten Schlußkommunique hin, es solle in regelmäßigen Abständen die Aufhebung der Handelsbeschränkungen gegen Rotchina »im Lichte veränderter Umstände überprüft werden«. Außerdem werden die USA vermutlich früher oder später im Mittleren Osten doch mit Dollarspenden einspringen.

Das wichtigste Ergebnis des Eden-Besuches dürfte eine gewisse Schwerpunktverschiebung der amerikanischen Außenpolitik sein. Amerikas Interesse für die Probleme Asiens, des Mittleren Ostens und

Afrikas hat sich angesichts der sowjetischen Offensive in diesen Gebieten verstärkt. Entsprechend nähert sich das amerikanische Interesse für die europäischen Probleme und insbesondere die Deutschland-Frage dem Punkt, an dem die Vereinigten Staaten sich mit der Aufrechterhaltung des Status quo zufriedengeben.

England ist für Amerika in gleichem Maße wichtig als das Rückgrat des Status quo in Europa wie als ausschlaggebender Faktor der westlichen Asien- und Afrika-Politik. Angesichts der prekären Geldsituation Englands und angesichts der offenbar gefahrlos eingefrorenen deutschen Teilung liegen Englands Interessen zur Zeit in Übersee. In diese Richtung hat nun Eden auch die amerikanische Außenpolitik gestoßen - vor allem mit dem Argument, daß England ohne ein amerikanisches Engagement im Mittleren Osten und in Afrika einer wirtschaftlichen und mithin innerpolitischen Katastrophe entgegengehe.

Ein »Kollaps Englands«, hatten die Brüder Alsop in der letzten Woche gewarnt, müsse auch für die amerikanische Weltpolitik katastrophale Folgen haben.

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