Pure Heuchelei - DER SPIEGEL
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Briefe

Pure Heuchelei
• aus DER SPIEGEL 22/2001
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Pure Heuchelei

Nr. 20/2001, Titel: Operation Embryo - Wie weit dürfen Genforscher und Mediziner gehen?

Wenn man Forschung an embryonalen Stammzellen (ES-Zellen) zulässt, bedingt das auch, dass sie genetisch verändert werden. Mit diesen lässt sich dann ein transgener Mensch erzeugen, der seine künstlich veränderten Gene auch in der Keimbahn hätte und diese weitergeben könnte. Die Folgen hiervon müssten nicht unbedingt negativ sein, aber unvorhersehbar. Ist nicht allein schon die Machbarkeit eine zu hohe Verantwortung für die Menschheit?

FRANKFURT AM MAIN DANIELA WALCH

Für mich als an einer Erbkrankheit Erkrankten ist das Geheule vieler Politiker um Ethik und Moral pure Heuchelei. Den Wunsch vieler Behinderter auf Heilung um jeden Preis beziehungsweise der Wunsch vieler werdender Mütter nach der Garantie des Nichtbehindertseins ihrer Neugeborenen hat doch die Behindertenpolitik der regierenden Parteien selbst geschaffen. Wer so die Behinderten ins Haifischbecken der Hochleistungs-Ellenbogengesellschaft wirft und ihrem Schicksal überlässt, sollte mal seine Auffassung von Ethik und Moral von dieser Seite überdenken, bevor er einen embryonalen Zellhaufen zum Heiligen Gral erklärt und gleichzeitig die lebenden Behinderten und Kranken in die Gosse treibt.

EISENHÜTTENSTADT (BRANDENB.) JAN HERMANN

Es wird immer schwerer in unserer auf Perfektion ausgerichteten Gesellschaft, sich wohl zu fühlen. Medien und Werbung streben schon seit Jahren auf ein narzisstisches Ideal, welches nur Glück und Gesundheit kennt. Mit der Diskussion über die Embryonenforschung und Präimplantationsdiagnostik (PID) rücken wir diesem gestörten Ideal wieder ein Stückchen näher. Dabei wird vergessen, dass Leid und Krankheit zum Leben gehören und der Versuch, dieses zu unterdrücken, einer Utopie gleicht. Doch kommt Glück nicht eher durch Akzeptanz unserer Fehler?

HAMBURG SOPHIA KNADE

Meiner Ansicht nach ist der Ruch der Geschäftlichkeit bei Forschung und Anwendung nur zu vermeiden, wenn Forscher und Ärzte bei der Anwendung entsprechender Therapien geringer bezahlt werden als bei anderen und mit solcher »Technik« keine Gewinne erwirtschaftet werden dürfen. Das so erzielte Kapital sollte humanitären Zwecken zur Verfügung gestellt werden, zum Beispiel der besseren Unterstützung behinderter Mitmenschen ...

HAMBURG ANTJE HERCHENHAHN

Es verwundert nicht, dass Stammzellforschung und PID in der Bevölkerung eher auf Skepsis stoßen. Betrachtet man Ihr Titelbild, kann man den Eindruck gewinnen, es ginge um das Leben von Embryonen im fortgeschrittenen Entwicklungsstadium und nicht um mikroskopisch kleine Zellverbindungen vor der Nidation. Ihr Titel zeigt übrigens einen Fötus und keinen Embryo, wie die Titelzeile »Operation Embryo« suggeriert. So lassen sich weder die großen therapeutischen Chancen der Stammzellforschung noch die PID als eine Möglichkeit zur Verhinderung schwerer Schwangerschaftskonflikte adäquat vermitteln. Zur Debatte steht der verantwortungsvolle und verfassungsrechtlich unbedenkliche Einstieg in eine innovative Forschung, deren Ziel die Heilung schwerster Krankheiten ist. Statt die Angst vor den neuen Möglichkeiten zu schüren, sollte der SPIEGEL einer Ethik des Heilens zum Durchbruch verhelfen.

BERLIN PETER HINTZE

MDB/CDU

Der Verlust von ethischen Normen erinnert fatal an die schleichende Preisgabe lebenswichtiger Naturressourcen. Es würde daher überraschen, wenn sich die moralischen Bedenkenträger in dieser Kernfrage dauerhaft durchsetzen könnten. Wer Krankheiten besiegen und Leben retten möchte, hätte dazu in der Dritten Welt auf lange Zeit ausreichend Gelegenheit.

BORDESHOLM DR. HELMUT VÖLKNER

Wenn man nicht selbst mit einem bösen Zipperlein behaftet ist, lässt es sich leicht verurteilen und herummoralisieren. Eine gesunde Portion Zweifel schadet nie, aber sollten wir nicht der Forschung dankbar sein für die enormen Fortschritte? Im Endeffekt profitiert doch der kranke Mensch davon, und das hat doch wohl oberste Priorität!

ERLANGEN MIKE NEUN

Gegner der Gentechnologie geben sich vermutlich einer Illusion hin. Volle Akzeptanz der Biotechniken bedeutet nicht mehr und nicht weniger als das Hinnehmen eines neuen Bildes vom Menschen, neuerdings treffend mit »Verdinglichung« beschrieben. Dies wird eine lange Debatte nach sich ziehen. Die Forschung schreitet derweil weiter voran: unter Restriktionen bei uns, jedoch ungebremst in Ländern, wo keine Verbote bestehen. Die bisherige Rasanz des Fortschritts könnte bewirken, dass im Lauf der Debatte die Nachfrage nach den Verheißungen des »perfekten Lebens« und die Aussichten auf wirtschaftliche Vorteile so überwältigend werden, dass Verbote nicht mehr durchsetzbar wären.

OTTWEILER (SAARLAND) EDOUARD SCHOETTER

Wir sollten uns vor der Vorstellung hüten, dass Leben nur aus Genen besteht, die fallweise repariert oder ausgetauscht werden müssen. Hier käme Wissenschaft einem archaischen Religionsersatz gleich mit dem Anspruch, die Sicht von menschlicher Existenz auf physiologisch nachprüfbare Funktionen zu beschränken, in der kritischer Geist und Seele zu Störfaktoren werden. In einer derart gestylten Welt könnten eigentlich nur noch Gentechniker Aussagen über die Brauchbarkeit von Menschen in Abhängigkeit der Erbanlagen treffen.

BURGHAUSEN (BAYERN) DR. FRIEDRICH BOFINGER

Die Einsprüche und Bedenken der Moralisten aller Konfessionen und Fraktionen können den wissenschaftlichen Fortschritt allenfalls verzögern, aber nicht aufhalten. Die Menschenwürde, von der stets die Rede ist, wird von der PID nicht tangiert, wenngleich die Wertvorstellungen von Land zu Land unterschiedlich bleiben werden. Verbindliche Regeln sind zu treffen, und im Gesetz soll sich die vertretbare (nicht die wahre oder falsche) Bioethik wiederfinden.

MARBACH (BAD.-WÜRTT.) DR. ALFONS W. REUKE

Wir Deutschen sollten uns nicht mit solchen Zwängen belasten und NS-Selektionen mit und ES-Zellenforschung vermischen. Die PID ist doch ein Segen für die Menschheit. Die positive Einstellung vieler Eltern zu ihren behinderten Kindern ist sehr anerkennenswert, aber bewusst ein behindertes Kind auszutragen wäre für mich nicht akzeptabel.

TRIBERG (BAD.-WÜRTT.) H.-J. WEICHERT

Sie behaupten, ich wolle die bekannte und umstrittene Rechtskonstruktion, der zufolge ein Schwangerschaftsabbruch »rechtswidrig, aber straffrei« sein kann, auf die PID anwenden und darüber hinaus auch noch auf die Embryonenforschung. Das ist falsch. Ich halte eine solche Position für nicht vertretbar und habe sie nie vertreten. Mit der PID kann kein genetischer Befund festgestellt werden, der nicht heute auch schon im Rahmen der vorgeburtlichen Diagnostik festgestellt werden kann. Die Politik wird nicht umhinkommen, den Versuch aufzugeben, die PID isoliert zu diskutieren. Sie wird sich vielmehr vor dem Hintergrund der technischen Möglichkeiten der Frage stellen müssen, ob es nicht erforderlich ist, neue einschränkende Regelungen für den Umfang der Pränataldiagnostik und der medizinischen Indikationsstellung beim Abtreibungsrecht zu finden und zu beschließen. Die jetzigen Regelungen sind jedenfalls inhuman. Es muss berücksichtigt werden, dass mit der Verschmelzung von Ei und Samenzelle menschliches Leben beginnt, das nicht getötet werden darf.

DÜSSELDORF DR. JÜRGEN RÜTTGERS

CDU NORDRHEIN-WESTFALEN

In einem Land, in dem eine Abtreibung bei medizinischer Indikation bis zum Geburtstermin möglich ist; in dem 99 von 100 Frauen, bei deren Kind in einer pränatalen Diagnostik eine Trisomie 21 festgestellt wurde, eine Abtreibung vornehmen lassen, in dem also eine Selektion werdenden Lebens unter dem Aspekt der Ertragbarkeit zunehmende Akzeptanz erfährt, sollte ehrlicherweise eine Verwendung von ES-Zellen zu möglicherweise heilenden Zwecken, in erster Linie jedoch hinsichtlich wirtschaftlicher Aspekte, ohne langes Lamento erlaubt sein.

FRANKFURT AM MAIN ESTHER HOTTENROTT

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