Pußta-Märchen
Nur etwas mehr als zwei Jahre konnte Zoltan Tildy den Hausherrn im Palais des Präsidenten der ungarischen Republik in der Andrassy-ut in Budapest spielen, das ihm laut Verfassung vier Jahre als Dienstwohnung zugedacht gewesen war. Vor der Zeit zog Tildy nun aus. Freiwillig.
So jedenfalls steht es in der etwas gewundenen Erklärung zu lesen, mit der Ungarns Staatspräsident seinen Rücktritt bekanntgab. Auch Tildy brachte es nicht fertig, die bei derlei Anlässen in östlichen Demokratien üblichen Kommuniqués einmal durch Originalität zu variieren.
Westliche Beobachter halten es für ein ausgesprochenes Pußta-Märchen, wenn Tildy seinen Rücktritt nicht mit politischen, sondern rein personellen Gründen zu erklären versucht. Damit nämlich, daß ein Mitglied seiner Familie sich gegen die demokratische Staatsordnung Ungarns gewandt habe und er als Staatspräsident deshalb nicht mehr das volle Vertrauen der ungarischen Nation genieße.
Als Sündenbock mußte Tildys Schwiegersohn Dr. Victor Csornoky herhalten, der bis vor kurzem Ungarns Gesandter in Kairo und vorher Beamter an der ungarischen Gesandtschaft in Washington gewesen war. Aus dieser Tätigkeit ließ sich leicht jene »Kollaboration mit dem angloamerikanischen Imperialismus« konstruieren, die schon so vielen östlichen Politikern das Genick gebrochen hat.
Als Csornoky kürzlich von Kairo zurückberufen wurde, zog gleichzeitig vor seiner Wohnung ein Polizeiposten auf. Mit dem Befehl, auf den »Spion und Landesverräter« zu schießen, sobald er seine Wohnung verlasse. Der Schuß traf gut und machte den Schwiegersohn des Staatspräsidenten fluchtunfähig. Einen Tag später wurde er in seiner Wohnung verhaftet.
Der Schuß traf auch den Schwiegervater, der erst vor kurzem den ungeratenen Schwiegersohn mit dem Großkreuz des Ordens der ungarischen Republik ausgezeichnet hatte. Tildy hatte nichts einzuwenden, als ihm die Abdankungsurkunde vorgelegt wurde.
Die wahren Hintergründe erklären eingeweihte Beobachter allerdings lieber mit jenem auch in Ungarn bekannten Sprichwort, das Zoltan Tildy selbst so gern zitierte: »Der Krug geht so lange zu Wasser, bis er bricht«. Wie Benesch hat auch Tildy erfahren müssen, daß Opportunität nicht das Allheilmittel ist, mit dem eine Demokratie vor dem östlichen Totalitarismus bewahrt werden kann.
Opportunität und eine joviale Farblosigkeit waren allerdings schon früher die hervorstechenden Merkmale des 60jährigen Ex-Präsidenten gewesen. »Guter Durchschnitt ohne besondere Kennzeichen« wurde Tildy einmal von einem ausländischen Journalisten charakterisiert.
Als der junge Akademiker mit dem Doktortitel, der zuerst Philologie, dann Theologie studiert hatte, sich 1919 der neuen Partei der Kleinen Landwirte anschloß, war diese Repräsentation der Masse der ungarischen Kleinbauern auch ohne ihn ihres Aufstiegs gewiß. Durch sie und im Schatten des Grafen Bethlen kam Tildy ins Parlament, ohne daß die ungarische Parteigeschichte der zwanziger Jahre seinen Namen besonders erwähnt. Noch mit 40 Jahren wurde Tildy Pastor einer reformierten Gemeinde.
Aber erst in den dreißiger Jahren begann er, sich als hervorragender Redner einen Namen zu machen. Bis zum Beginn des zweiten Weltkrieges rückte er in seiner politischen Laufbahn bis zum Parteivorsitzenden auf.
Diese Stellung brachte ihn 1944 in den Vordergrund der Widerstandsbewegung gegen die deutsche Besetzung. Er entging damals einer drohenden Verhaftung dadurch, daß er sich im Gebäude der unter dem Schutz der Schweizer Gesandtschaft stehenden Schottischen Mission in Budapest versteckte. Hier hielt sich auch Arpád Szakasits verborgen, einer der Führer der ungarischen Sozialdemokratie, der später Tildys heftigster Widersacher und jetzt sein Nachfolger auf dem Präsidentensessel werden sollte. Tildys eigentliche politische Karriere begann erst mit dem Einmarsch der russischen Truppen in Budapest. Er kam aus seinem Versteck in der Schottischen Mission heraus und errichtete im gleichen Gebäude aufs neue das Hauptquartier der »Partei der Kleinen Landwirte«.
Die Russen hielten es damals noch für ratsam, bei der Verwirklichung ihrer Ziele in Ungarn ein gemäßigtes Tempo anzuschlagen. Die bisher führende Gesellschaftsschicht Ungarns war geflüchtet, die industriellen Arbeitsstätten waren zerstört, nur das Bauerntum harrte auf seinen ländlichen Besitztümern aus. So wurde alles getan, um sich in der Zeit bis zur völligen Machtübernahme der Kommunisten der Bauernbevölkerung zu versichern.
Tildy wurde als geeignetes Medium zur Verwirklichung dieser Ziele befunden. So sollte er Anfang März 1945 den geistigen Vater des Bodenreformgesetzes mimen, das in Wirklichkeit Marschall Woroschilow bereits unterschriftsfertig aus Moskau mitgebracht hatte. Kritik aus den eigenen Reihen begegnete Tildy mit den Worten: »Woroschilow hat bereits alles angeordnet, ungarische Bemühungen sind zwecklos«.
Immerhin war es aber auch Tildys Verdienst, daß die Kleinlandwirte-Partei bei den Novemberwahlen 1945 mit einer absoluten Mehrheit von 57 Prozent ins Parlament einzog. Als Chef der stärksten Partei wurde Tildy fast automatisch Ministerpräsident und nach der Konstituierung der Republik am 1. Februar 1946 Staatspräsident. Aber schon damals waren Kräfte am Werk, die den späteren Sturz Tildys und seiner Partei vorbereiteten.
Provozierte Krisen drängten die Kleinlandwirte immer mehr in den Hintergrund. Tildy nahm es hin. Seine besten Parteifreunde wie der Ex-Ministerpräsident Ferenc Nagy flüchteten ins Ausland. Zoltan Tildy blieb.
Manchmal raffte er sich zu einer Geste des Widerstands auf. So begann der Ex-Pastor trotz seines Präsidentenamts, sonntags wieder den Gottesdienst in seiner Heimatstadt Szeghalom abzuhalten. Nach dem Gottesdienst mischte er sich unter die Bauern, hörte sich ihre Klagen an und versprach baldige Besserung.
Tildys Sonntagspredigten wurden so berühmt, daß die ungarischen Bauern oft 40 bis 50 Kilometer zu Fuß anmarschierten, um ihn reden zu hören. Bis eines Tages die russische Militärregierung den Pilgerfahrten ein Ende machte. Tildy wurde verwarnt.
Onkel Zoltan, wie ihn seine Bauern gern nannten, kuschte befehlsgemäß. Er trug auch dazu bei, daß die evangelisch-reformierte Minderheit Ungarns offiziell ihren Frieden mit Moskau machte. Für ihn wie für den Kreml war Ungarns Staatsfeind Nr. 1 der Vatikan, vertreten durch den streitbaren Ungarn-Kardinal Mindszenty. Nicht wenig half ihm dabei, daß sein persönlicher Freund, der Schweizer Theologe Karl Barth, auf einer Ungarnreise den Reformierten Ungarns den Rat gab, unpolitisch den »schmalen Weg zwischen Rom und Moskau zu gehen«.
Dieser Weg erwies sich jedoch als so schmal, daß nicht einmal Tildys eigene Familie darauf Platz fand. Seine Gattin reiste im Mai vorigen Jahres privat nach den USA. Wenn sie auch nach einigen Wochen zurückkam, es fiel um so mehr auf, je weniger davon gesprochen wurde.
Als sich nun auch Tildys Schwiegersohn westlich infiziert hatte, war die Uhr des fügsamen Staatspräsidenten endgültig abgelaufen. Mit seinem Sturz löste sich auch das Rätsel, weshalb sich Moskaus Polit-Büro-Chef Schdanow im Juli dreimal inkognito in Ungarn aufhielt.