PUTNIK - DER SPIEGEL
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Martin Morlock PUTNIK

• aus DER SPIEGEL 4/1964
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Als er seinerzeit stürzte und die Mitwelt auf jenes häßliche Geräusch wartete, das entsteht, wenn ein frei fallender Körper mit der Endgeschwindigkeit »v« die Erde erreicht, da blieb es zu aller Erstaunen still. Denn siehe, alpenländisches Latschengestrüpp hatte den Stürzenden aufgefangen.

Da hing er In halber Höhe, an seinen CSU-Vorsitz geklammert, und pendelte unauffällig im Abwind. Wenn er irgendwo anstieß, waren es heimatliche Stellen: das Erzbistum München-Freising oder christlich-demokratische Studenten.

Später, als hilfreiche Hände ihm abermals den Parteivorsitz zuwarfen, holte der Alpinist aus der Hüfte mehr und mehr Schwung, bis seine Pendelbewegung so ausladend wurde, daß sie selbst Sehbehinderten auffallen mußte.

»Was mag er wirklich vorhaben?« fragte die Öffentlichkeit fasziniert - ob Franz -Josef Strauß nun nach links schwang, um gemeinsam mit der SPD Erhards Zweistufenplan für die Kriegsopfer-Versorgung zu bemäkeln, oder nach rechts, um die Reste der bayrischen GDP/BHE zu vereinnahmen, oder

ob seine Damokles-Sitzfläche zeitweilig über Alfons Goppels bayrischem Ministerpräsidentenstuhl schwebte.

In jüngster Zeit freilich konnte, wer gut aufmerkte, gewisse Zeichen wahrnehmen: des CSU-Vorsitzenden häufige Benutzung der bayrischen Staatsbibliothek, die Stapel wirtschaftswissenschaftlicher Lektüre, die das Rücksitzpolster seines Dienstwagens niederdrückten, die nationalökonomischen Fachausdrücke, die aus mancher seiner Parteireden funkelten. Ja, es wurde sogar von einem heimlichen Wirtschaftsstudium an Münchens Universität gemunkelt. .

Mehr noch enthüllte die Bundestagsdebatte über das »Nachtragshaushaltsgesetz 1963« vom 9. Januar.

Anfangs quälte sich das, was von SPD-Seite als des CSU-Obersten »Jungfernrede« apostrophiert wurde, so mühevoll durch die speziale Materie, daß der Abgeordnete Wehner zur Regierungsbank rief: »Herr Schmücker, helfen Sie mal!«

Doch dann wuchsen Franz-Josefs Worten Flügel, und dem Hohen Haus rauschte mehr Wirtschaftswissen um die Ohren, als von seiten einer Jungfrau rer. pol. erwartet werden durfte.

Leider gebrach es vielen Anwesenden am parlamentarischen Ernst.

Als der Redner ausführte, irgendetwas sehr Rätselvolles gehe »nicht vom Input zum Output«, sondern vielmehr »zurück vom Output zum Input«, ertönte von der Pressetribüne ein respektarme§ »Putput!«.

Und als Strauß das »Problem der costs-effectiveness, der höchsten Kostenergiebigkeit« anschnitt - »Man könnte es auch anders ausdrücken: des Kostenoptimums« - und erläuterte: »Das Kostenoptimum ist doch der Punkt, wo sich die Stückkostenkurve mit der Grenzkostenkurve schneidet«, da wackelten, bewegt durch ein Kopfschütteln, des neuen Kanzlers Wangen, und ein Lächeln dekorierte seine Mundpartie: Nur der Bundeswirtschaftsminister Kurt Schmücker blickte finster drein.

Alex Möller aber, des Neo - Experten sozialdemokratischer Vorredner, der sich weder angegriffen noch widerlegt, noch

wirtschaftswissenschaftlich reicher fühlte, fragte unzart: »Was wollen Sie denn eigentlich?«

Was er will?

Nun, sein Hang zum Kurzstudium ist zu ausgeprägt als daß man aus einer einzelnen Schaunummer

bereits Schlüsse ziehen sollte. Für die Amerikaner, so viel weiß man, büffelte er Englisch, für sein Gastspiel als Atomminister Nuklear-Physik, für das Verteidigungsressort das Abc der Abschreckung, für den Ehestand, so darf man vermuten, die Geheimnisse des Bierbrauens.

Vielleicht verwechselt er die Politik mit einem permanenten Quiz -Turnier oder möchte uns beweisen, daß ihm Vokabeln wie »Kostenoptimum« nicht nur im Zusammenhang mit Bauskandalen geläufig sind?

Vielleicht will er wirklich bayrischer Ministerpräsident werden und steckt sich die Inputs und Outputs nur zur Tarnung an den Lodenhut?

Sicher ist: Seines Nächsten Wirtschaftsministerium begehrt Franz -Josef Strauß nicht.

Erstens hat er uns im Fernsehen fest versprochen, daß ihm, dem Parteiführer, jeglicher Bundeskabinettsposten schal erscheint.

Und zweitens weiß er dank seiner gefürchteten Intelligenz genau, daß er von Wirtschaft im Grunde so viel versteht wie von seinen anderen Schnellstudienfächern: nichts, im wahrsten Sinne des Wortes nichts.

Wird er - Patriot, der er ist - doch kein Unheil anrichten wollen!

Strauß

Martin Morlock
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