ELFENBEINKÜSTE Putsch als Geschenk
Kein Coup d'Etat der neunziger Jahre in Afrika wurde so vom Volk bejubelt wie der weihnachtliche Staatsstreich an der Elfenbeinküste gegen Henri Konan Bédié. In spontanen Freudenkundgebungen wurden die Soldaten der eher unpolitischen Armee des 15-Millionen-Einwohner-Landes als Retter und Helden gefeiert. Der wirtschaftlich erfolgreiche Staat in Westafrika hatte seit Zeiten des Gründervaters Félix Houphouët-Boigny als stabil gegolten. Doch Präsident Bédié, ein uncharismatischer Herrscher, mutete dem Volk und den Militärs zu viel zu. Er schürte den Hass auf Zuwanderer aus den Nachbarländern, obwohl in der Wirtschaftsmetropole Abidjan die Hälfte aller Menschen keine Ivorer sind und der wirtschaftliche Erfolg ohne die Gastarbeiter nie möglich gewesen wäre. Tausende wurden, mit Duldung des fremdenfeindlichen Staatsschefs, ins benachbarte Burkina Faso vertrieben. Der Präsident, Angehöriger der christlichen Minderheit, verärgerte auch die Muslime und reagierte auf den Unmut der Menschen über wirtschaftliche Härten mit immer neuen Steuererhöhungen. Oppositionelle wurden verhaftet, Kritiker aus der Regierungspartei verloren ihre Posten. Nach dem Putsch erklärte der neue starke Mann, General Robert Gueï, 58, dass alle politischen Parteien an einer neuen Regierung beteiligt werden sollten. Der General, ausgesprochen populär unter den Soldaten, weil er sich der Vereinnahmung durch die Politiker widersetzt hatte, behauptet, er wolle die Macht bald wieder abgeben. Auch die französische Regierung, die den gestürzten Bédié lange gestützt hatte, fand sich ungewöhnlich schnell mit den neuen Machthabern ab. Wie viele andere westliche Regierungen scheint auch das Kabinett von Lionel Jospin froh zu sein, dass der Autokrat Bédié endlich weg ist. Eine Zeitung in Abidjan bezeichnete den Putsch als ,,schönstes Geschenk zur Jahrhundertwende«. Das Oppositionsblatt ,,La voie« (die Stimme) wurde gar philosophisch: Wenn ein Diktator an einem Freitag im Fastenmonat Ramadan gestürzt werde und dieser Freitag auch noch das christliche Weihnachtsfest sei, ,,dann ist das ein Geschenk Gottes«.